{"id":949,"date":"2016-12-01T17:36:37","date_gmt":"2016-12-01T16:36:37","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=949"},"modified":"2016-12-07T17:40:23","modified_gmt":"2016-12-07T16:40:23","slug":"cultureglobe-vom-8-november-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/cultureglobe-vom-8-november-2016\/","title":{"rendered":"&#8220;Cultureglobe&#8221; vom 8. November 2016"},"content":{"rendered":"<p><strong>Piep, piep, piep \u2013 Anarchist*innen und Trotzkist*innen habt euch lieb!<\/strong><\/p>\n<p>\u201cWir fragen dich nicht nach Verband und Partei \/\/ bist du nur ehrlich im Kampf mit dabei\u201d, sang einst der rote Orpheus Ernst Busch. In der bisherigen Geschichte stellten sich kommunistische Br\u00fcderk\u00fcsse leider h\u00e4ufig als Judask\u00fcsse heraus. Sicherlich sind auch nicht die Anarchist*innen immer Heilige, aber zweifellos ist bislang jedes historische B\u00fcndnis von Anarchist*innen mit Staatskommunist*innen \u2013 ganz gleich auf welchen Propheten des Marx\u2019schen Evangeliums sie sich berufen haben \u2013 schief gegangen und das h\u00e4ufig auf Kosten der Leben und der Freiheit von Anarchist*innen.<\/p>\n<p>Beide Str\u00f6mungen ihre Wurzeln in der Aufkl\u00e4rung, der franz\u00f6sischen Revolution und dem Fr\u00fchsozialismus, aber die Entwicklung ist diametral entgegengesetzt verlaufen. Die von Johann Most als \u201cfeindliche Br\u00fcder\u201d titulierten Str\u00f6mungen haben nicht einen leichten Familienzwist, wie von vielen naiven Aktivist*innen angenommen, sondern eher ein biblisches Kain-Abel-Verh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Nichts destotrotz kam es immer wieder zu versuchen, marxistische und anarchistische Positionen \u2013 unter Ignoranz wesentlicher Widerspr\u00fcche \u2013 zu vereinen oder zumindest anzun\u00e4hern. Die bekanntesten Vertreter*innen jener Tendenz waren Karl Korsch, Daniel Guerin, Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und John Holloway. Die postmoderne Beliebigkeit bietet der Konstituierung von Flickenteppichideologien einen neuen N\u00e4hrboden und last diese Idee vielerorts gut gedeihen.<\/p>\n<p>Einer der neueren Versuche der famili\u00e4ren Ann\u00e4herung stellt das anl\u00e4sslich des 150. Geburtstages der ersten IAA erschienene Pamphlet \u201cRevolution\u00e4re Ann\u00e4herung. Unsere roten und schwarzen Stern\u201d von den beiden franz\u00f6sischen (ex-?)Trotzkisten Olivier Besancenot und Michael L\u00f6wy dar. Sie wollen den Samen f\u00fcr einen libert\u00e4ren Marxismus legen, den sie u.a. bereits in der umstrittenen Gruppe Alternative Libertaire, einer mit staatskommunistischen Ideen lieb\u00e4ugelnden Abspaltung der F\u00e9d\u00e9ration Anarchiste, sowie der trotzkistischen Nouvelle Parti Anticapitaliste (NPA) wiederzufinden glauben.<\/p>\n<p>Das Ergebnis dessen ist mehr als d\u00fcrftig und weitgehend einfach nur \u00e4rgerlich. Dies beginnt im Vorwort, wenn versucht wird, die Pariser Commune als gemeinsames Projekt von Anarchist*innen und Marxist*innen zu lesen. Abgesehen davon, dass sich Marx\u2019 Position in der Folge der Erfahrung der Commune ge\u00e4ndert hat, stand das Aufkommen dieser kontr\u00e4r zu seinen bis dato vertretenen Anschauungen. Ebenso ist der Ansatz, ein B\u00fcndnis von Marxist*innen und Anarchist*innen, basierend auf der Begeisterung f\u00fcr den Aufstand der Zapatist*innen in Mexiko zu schmieden, ziemlich d\u00fcrftig.<\/p>\n<p>Im ersten Abschnitt des Buches unter dem Titel \u201cSolidarische Ann\u00e4herungen\u201d widmen sich die beiden Autoren einer idealisierten Darstellung der IAA, der \u201cM\u00e4rtyrer von Chicago\u201d, der Charta von Armiens, der spanischen Revolution und der globalisierungskritischen Bewegung. Gerade in der Darstellung der spanischen Revolution werden einige Mankos deutlich. Es kommt zu einer Idealisierung der POUM, wie sie in linken Kreisen seit Ken Loach\u2019 Film \u00fcblich ist \u2013 in v\u00f6lliger Verkennung anti-anarchistischer Positionen jener Partei vor dem B\u00fcrgerkrieg. Ignoriert wird z.B. die \u00f6ffentlich von den F\u00fchrern jener Partei vertretene Position, dass ein Anarchist*innen-freies Spanien w\u00fcnschenswert w\u00e4re. Das Trostpflaster, dass die Parteigr\u00fcnder ja selber mal Mitglieder in der CNT waren ist als Argumentation mehr als d\u00fcrftig, da ja auch einige f\u00fchrende Politiker der stalinistischen Kommunistischen Partei Spaniens urspr\u00fcnglich aus der CNT kamen.<\/p>\n<p>Weiter geht es mit Pers\u00f6nlichkeiten wie z.B. Louise Michel, Buenaventura Durruti, Rosa Luxemburg oder Subcommandante Marcos. Was haben Louise Michel und Emma Goldman aber mit dem Marxismus am Hut? Es fehlt auch eine Thematisierung dessen, dass der F\u00fchrungskult um Durruti ein origin\u00e4r kommunistisches Propagandaerzeugnis ist. Die Frage, was Subcommandante Marcos zum Anarchisten oder Marxisten macht, bleibt offen. Der Antianarchismus von Luxemburg wird weiterhin von den Autoren heruntergespielt, um ihre Vorstellungen von Spontanit\u00e4t zu einem Ankn\u00fcpfungspunkt zu machen.<\/p>\n<p>Der zweite Abschnitt widmet sich gemeinsamen K\u00e4mpfen \u2013 \u00e0 la Russische Revolution \u2013 unter Einbeziehung der Ereignisse von Kronstadt. Hierin zeigt sich auch noch die anhaltende Verhaftung im Trotzkismus. Trotzki wird zwar wegen seines milit\u00e4rischen Vorgehens kritisiert, gleichzeitig findet sich redundant der Versuch, sein Vorgehen zu rechtfertigen und damit teilweise zu entschuldigen.<\/p>\n<p>Locker-flocking geht es dann weiter zu \u201cMarxistisch-libert\u00e4ren Theoretiker*innen\u201d, d.h. Walther Benjamin, Daniel Guerin, Andr\u00e9 Breton. Karl Korsch, Cornelius Castoriades oder Cohn-Bendit hingegen, die hier von Relevanz w\u00e4ren, werden v\u00f6llig ignoriert.<\/p>\n<p>Im vierten Abschnitt werden kurz und b\u00fcndig die \u201cpolitischen Fragen\u201d abgehandelt \u2013 sei es \u201cIndividuum und Kollektiv\u201d oder \u201cDie Revolution machen, ohne die Macht zu \u00fcbernehmen?\u201d. Hier werden ein paar altbekannte Fakten pr\u00e4sentiert. So wird u.a. mal wieder herausgekramt, dass Marx in seinen Fr\u00fchschriften durch aus dem Individualismus etwas abgewinnen konnte. Das ist lange schon bekannt und macht ihn noch lange nicht zu einem m\u00f6glichen und w\u00fcnschenswerten B\u00fcndnispartner.<\/p>\n<p>Das ganze m\u00fcndet in dem Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen libert\u00e4ren Marxismus. \u00dcber diesen erkl\u00e4ren die Autoren im Gestus der Phrasendrescherei verhaftet bleibend: \u201cWir denken nicht, dass der libert\u00e4re Marxismus einer Doktrin gleichkommt, einen vollendeten theoretischen Korpus darstellt: Es handelt sich vielmehr um eine Wahlverwandtschaft, einen bestimmten politischen und intellektuellen Ansatz: den gemeinsamen Willen, sich mit der Revolution von der Diktatur des Kapitals zu befreien, um eine nicht entfremdete Gesellschaft zu errichten, egalit\u00e4r, befreit vom autorit\u00e4ren Joch des Staates.\u201d (155).<\/p>\n<p>Dieses Machwerk ist einfach nur \u00e4rgerlich. Hier versuchen zwei Trotzkisten im anarchistischen Spektrum zu angeln. Ziemlich wahllos werden Theoretiker*innen und Ereignisse herangezogen und Differenzen heruntergespielt, \u00fcbert\u00fcnscht oder einfach gar nicht erw\u00e4hnt. So ein st\u00fcmperhafter Versuch einer Vereinigung bringt niemanden etwas. Schade, dass sich der Verlag Die Buchmacherei auf diese Publikation dessen eingelassen hat.<\/p>\n<p><em>Maurice Schuhmann<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Piep, piep, piep \u2013 Anarchist*innen und Trotzkist*innen habt euch lieb! \u201cWir fragen dich nicht nach Verband und Partei \/\/ bist du nur ehrlich im Kampf&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[39],"tags":[],"class_list":["post-949","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-revolutionaere-annaeherung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/949","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=949"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/949\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=949"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=949"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=949"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}