{"id":9523,"date":"2025-12-14T10:52:20","date_gmt":"2025-12-14T09:52:20","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=9523"},"modified":"2025-12-14T15:08:30","modified_gmt":"2025-12-14T14:08:30","slug":"seemoz-v-12-12-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2025\/12\/14\/seemoz-v-12-12-2025\/","title":{"rendered":"SEEMOZ v. 12.12. 2025"},"content":{"rendered":"\n<p>Freitag, 12. Dezember 2025<\/p>\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"selbstbewusst-durch-solidaritaet\"><strong>Selbstbewusst durch Solidarit\u00e4t<\/strong><\/h1>\n\n\n<p><strong><em>Von Pit Wuhrer<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vor \u00fcber f\u00fcnf Jahrzehnten traten in der damaligen Bundesrepublik mehrere Hunderttausende Besch\u00e4ftigte in \u201ewilde\u201c Streiks \u2013 unter ihnen viele Migrant:innen. Die politische Rechte tobte, die konservativen Medien hetzten, der Rassismus war allgegenw\u00e4rtig. Und doch ver\u00e4nderten die K\u00e4mpfe die Gesellschaft. Wie das geschah und was die Auseinandersetzungen bewirkten, ist jetzt in einem Buch nachzulesen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie waren massenhaft ins Land gekommen \u2013 angelockt von der Aussicht auf eine bessere Zukunft und von Zusagen einer Regierung, die im Auftrag der Industrie in der Nachkriegszeit neue Arbeitskr\u00e4fte anlockte. Und doch machten sich viele nicht ganz freiwillig auf die Reise in ein Land, in dem das v\u00f6lkische Denken aus der Zeit des Nationalsozialismus noch l\u00e4ngst nicht \u00fcberwunden war: Die meisten wollten Armut und Hunger hinter sich lassen wollten, andere fl\u00fcchteten vor den repressiven Regimes in Spanien, Portugal oder Griechenland.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann waren sie da: ab 1955 Arbeitskr\u00e4fte aus Italien (mit Rom hatte die CDU-Regierung von Konrad Adenauer das erste \u201eAnwerbeabkommen\u201c geschlossen), ab 1960 folgten Besch\u00e4ftigte aus Spanien und Griechenland und sp\u00e4ter \u2013 nachdem der Mauerbau die Zuwanderung aus der DDR stoppte \u2013 aus der T\u00fcrkei, aus Marokko, Portugal, Jugoslawien \u2026&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was von den damaligen Migrant:innen erwartet wurde, war eindeutig (und entsprach im wesentlichen dem, was sich viele in der heutigen Gesellschaft noch erhoffen): Die \u201eGastarbeiter\u201c, wie man sie damals genannt wurden, sollten gesund und flei\u00dfig sein, m\u00f6glichst nicht auffallen, keine Folgekosten verursachen und dankbar alles hinnehmen. Oder wie es das wirtschaftsnahe <em>Handelsblatt<\/em> in den 1960er Jahren formulierte: \u201eWir w\u00e4ren froh, wenn wir in unserem Land nicht gezwungen w\u00e4ren, soviel Ausl\u00e4nder fern der Heimat besch\u00e4ftigen zu m\u00fcssen. Nun sind Sie aber da, wir brauchen Ihre Hilfe, und Sie sollen es gut haben, wie es eben geht, so gut wie es ein Gast erwarten darf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB wiederum machte noch 1975 klar, wer f\u00fcr ihn wichtig ist: \u201eDiejenigen, die glauben, dass die deutschen Gewerkschaften (\u2026) eine Politik machen w\u00fcrden, die zulie\u00dfe, dass es Millionen deutsche Arbeitslose gibt, w\u00e4hrend die Ausl\u00e4nder in Arbeit sind, irren.\u201c<\/p>\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" id=\"viele-wilde-streiks\"><strong>Viele \u201ewilde\u201c Streiks<\/strong><\/h4>\n\n\n<p>Doch es kam anders. Die Arbeitsmigrant:innen nahmen den allgegenw\u00e4rtigen Rassismus und die miserable Behandlung in der Wirtschaft nicht einfach hin. Bereits 1962 legten bei VW in Wolfsburg italienische Besch\u00e4ftigte <a href=\"https:\/\/library.fes.de\/jbzg\/2008\/hedwig_richter_ralf_richter.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">die Arbeit nieder<\/a>; sie protestierten mit ihrem spontanen Ausstand vor allem gegen die erb\u00e4rmliche Unterbringung und die Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse \u2013 und konnten etwas anst\u00e4ndigere Arbeitsbedingungen und ein besseres Betriebsklima durchsetzen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt waren damals sogenannte wilde Streiks eher die Regel als die Ausnahme: Von 1956 bis 1963 fanden zwei Drittel und von 1964 bis 1968 rund achtzig Prozent aller Arbeitsniederlegungen spontan und irregul\u00e4r statt \u2013 also ohne Vermittlung der Gewerkschaften. Die Bedingungen, unter denen vor allem die ausl\u00e4ndischen Kolleg:innen litten, waren ja auch hart.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zeigte sich beispielsweise w\u00e4hrend und nach der ersten Wirtschaftskrise 1966\/67, die zu einem massiven sozialen und politischen Einbruch und zu Massenentlassungen f\u00fchrte. Zu den Folgen geh\u00f6rte einerseits die von rechten Medien orchestrierten rassistischen Hetzkampagnen gegen die Arbeitsmigrant:innen, die die neonazistische NPD befl\u00fcgelte (sie erzielte bei den baden-w\u00fcrttembergischen Landtagswahlen 1968 knapp zehn Prozent der Stimmen). Und andererseits wurden viele derer, die das deutsche Kapital&nbsp; vermeintlich nicht mehr brauchte, abgeschoben: Rund 400.000 Migrant:innen verlie\u00dfen damals die BRD \u2013 die allermeisten unfreiwillig.<\/p>\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" id=\"klassenkaempferischer-aufschwungnbsp\"><strong>Klassenk\u00e4mpferischer Aufschwung <\/strong><\/h4>\n\n\n<p>Die Stimmung im Land \u00e4nderte sich erst Anfang der 1970er Jahre, als wieder Arbeitskr\u00e4ftemangel herrschte. Zu diesem Zeitpunkt hatte die 1968er Bewegung erste gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen bewirkt (die marxistische Klassentheorie wurde wieder ernst genommen); zudem war in ganz Europa ein Aufbruch sp\u00fcrbar: In <a href=\"https:\/\/www.rosalux.de\/fileadmin\/rls_uploads\/dokumentationen\/230901_02_Gelingende-Solidarisierungen\/Simon_Goeke_1973_als_H%C3%B6hepunkt_migrantischer_K%C3%A4mpfe.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Italien und Frankreich<\/a> gab es beispielsweise zahlreiche Arbeiter:innenk\u00e4mpfe, die zum Teil in Fabrikbesetzungen bei Fiat in Turin oder Betriebs\u00fcbernahmen wie bei Lip in Besan\u1e09on m\u00fcndeten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der BRD lie\u00dfen sich die Arbeiter:innen nicht mehr alles gefallen. So kam es, dass 1973 fast 300.000 Besch\u00e4ftigte genug hatten und in insgesamt rund 330 \u201ewilden\u201c Streiks ihre Forderungen durchsetzten oder durchzusetzen versuchten \u2013 ohne Urabstimmung und zum Teil gegen den Willen der Gewerkschaftsf\u00fchrungen. Dabei gab es schmerzliche Niederlagen wie bei Ford in K\u00f6ln. Aber auch ganz ungew\u00f6hnliche Erfolge.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen Ausst\u00e4nden besch\u00e4ftigt sich detailliert das Buch \u201eDer Streik hat mir geholfen, als junger Mensch Kraft aufzubauen \u2013 Migrantische K\u00e4mpfe gegen Ausbeutung und Rassismus\u201c, das im Berliner Verlag Die Buchmacherei erschienen ist. Der Band basiert auf einer <a href=\"https:\/\/www.rosalux.de\/fileadmin\/rls_uploads\/pdfs\/luxemburg_beitraege\/lux_beitr_18_Streiks-1973_web.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Brosch\u00fcre der Rosa-Luxemburg-Stiftung<\/a> (seemoz <a href=\"https:\/\/www.seemoz.de\/als-die-migrantinnen-fuer-uns-alle-zu-kaempfen-begannen\/\">berichtete<\/a>) und auf Referaten und Diskussionen einer Konferenz, die f\u00fcnfzig Jahre nach dem migrantischen Aufbruch organisiert worden war. Wer wissen will, wie die K\u00e4mpfe entstanden, wer damals eine Rolle spielte, unter welchen Bedingungen sie gef\u00fchrt wurden, was sie bewirkten und welche Lehren f\u00fcr den betrieblichen und gesellschaftlichen Widerstand heute noch daraus gezogen werden k\u00f6nnen, findet kaum eine bessere Quelle.<\/p>\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" id=\"hella-die-rebellion-der-hilflosen-frauen\"><strong>Hella: Die Rebellion der hilflosen Frauen<\/strong><\/h4>\n\n\n<p>Das Buch beschreibt sehr anschaulich und in der Einsch\u00e4tzung teilweise kontrovers vor allem drei Arbeitskonflikte im Sommer und Herbst 1973 in Betrieben der damals noch expandierenden Autoindustrie: Hella in Lippstadt, Pierburg in Neuss, Ford in K\u00f6ln (die folgenden Informationen sind dem Band entnommen).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Hella kam es Mitte Juli 1973 zum wohl ersten migrantischen Frauenstreik in der j\u00fcngeren deutschen Geschichte. Wie sah der Kampf aus Sicht der \u201eGastarbeiterinnen\u201c aus? Mit welchen Problemen hatten sie in einem \u201eGastland\u201c zu k\u00e4mpfen, das seine \u201eG\u00e4ste\u201c nur auszunutzen versuchte? Das erz\u00e4hlt die sowjetisch-griechische Migrantin Irina Vavitsa im Interview auf eindr\u00fcckliche Weise (wer wissen will, wie es den Arbeitsmigrant:innen fr\u00fcher \u2013 und den Fl\u00fcchtlingen heute \u2013 geht, findet hier erhellende Aussagen).<\/p>\n\n\n\n<p>Vavitsa, deren politisch links stehende Eltern nach dem von den griechischen Rechten gewonnenen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Griechischer_B%C3%BCrgerkrieg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">B\u00fcrgerkrieg<\/a> in die Sowjetunion fl\u00fcchten mussten und nach ihrer R\u00fcckkehr nach Griechenland erneut von der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=OaCigo3La3E\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Diktatur der Obristen<\/a> flohen (in die BRD), schildert, wie einsam, fremd, hilflos und dumm sich die migrantischen Frauen f\u00fchlten, wie ver\u00e4ngstigt sie waren, wie wenig sie die fremde Sprache verstanden und dass sie \u00fcberhaupt nicht kapieren konnten, dass da zwar eine Gewerkschaft war, die aber nichts unternahm, um Ausbeutung und t\u00e4gliche Erniedrigung zu mildern. Und wie oft ihnen, die sich f\u00fcr bessere Verh\u00e4ltnisse engagierten, entgegengehalten wurde: \u201eWenn es dir hier nicht gef\u00e4llt, kannst du ja gehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Irina Vavitsa ging nicht. Sie blieb. Und beteiligte sich an der spontanen Arbeitsniederlegung der Arbeiterinnen von <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1176262.wilde-streiks-wir-hatten-so-viel-wut-im-bauch.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hella in Lippstadt<\/a> (NRW), den die weiblichen Besch\u00e4ftigten aus dem Mittelmeerraum trotz eines Polizeieinsatzes gewinnen konnten (wie der Streik verlief, erz\u00e4hlt Vavitsa in einem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=bMlJ2Lf1xDo&amp;t=930s\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Video der Rosa-Luxemburg-Stiftung<\/a>). Mit dem Erfolg \u00e4nderte sich f\u00fcr sie alles \u2013 und auch f\u00fcr die anderen: Erst die Solidarit\u00e4t hatte ihr zu einem Selbstbewusstsein verholfen.<\/p>\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" id=\"pierburg-desinteressierter-betriebsrat\"><strong>Pierburg: Desinteressierter Betriebsrat<\/strong><\/h4>\n\n\n<p>Rund einen Monat sp\u00e4ter traten Arbeiter:innen des Pumpen- und Vergaserherstellers Pierburg (rund 4000 Besch\u00e4ftigten, darunter etwa 2600 Ausl\u00e4nder:innen) die Arbeit nieder. Es war nicht der erster Streik: Bereits drei Jahre zuvor war es dem aufs\u00e4ssigen Teil der Belegschaft gegen den Willen des Betriebsrats gelungen, die unterste Lohnstufe (die Leichtlohngruppe 1) wegzuk\u00e4mpfen. Wie in fast allen anderen Unternehmen gab es einen dreistufigen Pay Gap: In den untersten Lohngruppen befanden sich die ausl\u00e4ndischen Frauen, \u00fcber ihnen die deutschen Arbeiterinnen, dar\u00fcber die m\u00e4nnlichen Migranten und ganz oben die deutschen M\u00e4nner.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit harten Bandagen: Polizei am Werkstor von Pierburg<\/p>\n\n\n\n<p>Angespornt vom Erfolg des Ausstands 1970 kn\u00fcpften die von der fortschrittlichen Ortsverwaltung der IG Metall unterst\u00fctzten Pierburg-Vertrauensleute Kontakte zu anderen rebellischen Betriebsgruppen wie der <a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/0730\/stuttgart\/s-isch-halt-scho-e-feine-sach\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Plakatgruppe von Daimler-Untert\u00fcrkheim<\/a> oder linken Betriebsratsmitgliedern bei Opel in Bochum. 1973 gelang es ihnen schlie\u00dflich, den bislang von deutschen Besch\u00e4ftigten dominierten Betriebsrat zu \u00fcbernehmen \u2013 und von da an war alles anders: Betriebsversammlungen dauerten mitunter sechs Stunden, da die Diskussionsbeitr\u00e4ge in alle Sprache \u00fcbersetzt wurden, immer wieder kam es zu Aktionen und Debatten mit den Vorgesetzten, der Betriebsrat genehmigte keine Entlassungen mehr, die gewerkschaftlichen Vertrauensleute besuchten zuhauf gewerkschaftliche und politische Bildungseinrichtungen. Und immer wieder fragten sie sich: \u201eWie demokratisch sind eigentlich die Gewerkschaften?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mitte August 1973 streikten dann erneut 2000 Arbeiter:innen des Autozulieferers, darunter 900 Griechinnen, 500 T\u00fcrkinnen, 200 Italienerinnen, SpanierInnen und Jugoslawinnen (siehe dazu auch das Buch und die TV-Reportage <a href=\"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/produkt\/wilder-streik-das-ist-revolution\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eWilder Streik \u2013 das ist Revolution\u201c<\/a>). Ihre Forderungen: humaneres Arbeitstempo, Abschaffung der Leichtlohngruppe 2, h\u00f6herer Stundenlohn f\u00fcr alle. Der letzte Punkt \u00fcberzeugte auch die deutschen Facharbeiter. Und so setzten sich die k\u00e4mpferischen Migrant:innen durch, obwohl \u2013 oder weil \u2013 die vom Unternehmen gerufene Polizei mit Kn\u00fcppeln und gezogenen Pistolen vorging und die Gesch\u00e4ftsleitung f\u00fcnf Tage lang unnachgiebig blieb. (Ein Jahr sp\u00e4ter scheiterte auch Pierburgs Versuch, vier der \u201eR\u00e4delsf\u00fchrer\u201c per fristloser Entlassung loszuwerden.) &nbsp;<\/p>\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" id=\"ford-auf-der-falschen-seite\"><strong>Ford: Auf der falschen Seite<\/strong><\/h4>\n\n\n<p>Nach dem Streik ging die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder bei Pierburg steil nach oben. \u00dcberhaupt \u00e4nderte sich durch die spontanen Arbeitsniederlegungen so einiges bei den Gewerkschaften (zum Besseren hin), und das trotz der krachenden Niederlage, die der k\u00e4mpferische Teil der Belegschaft von Ford in K\u00f6ln hinnehmen musste.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder waren es Migrant:innen gewesen, die eine Woche nach dem Ende des Pierburg-Streiks die Flie\u00dfb\u00e4nder verlie\u00dfen und gegen eine Ma\u00dfnahme des Managements protestierten: Es hatte mehreren Hundert t\u00fcrkischen Kolleg:innen fristlos gek\u00fcndigt, weil diese nicht rechtzeitig aus dem Urlaub zur\u00fcckgekommen waren (was bis dahin m\u00f6glich gewesen war). Engagierte Arbeiter:innen besetzten das Werk, um neben der R\u00fccknahme der K\u00fcndigungen Lohnerh\u00f6hungen und eine Reduzierung des extrem hohen Arbeitstempos durchzusetzen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch anders als bei Hella und Pierburg scheiterte der Aufstand: Keines der Streikziele wurde erreicht, das Management feuerte Aktivist:innen, manche wurden verhaftet und abgeschoben. Das Problem: An der Spitze der gespaltenen Belegschaft sass ein Betriebsrat, der sich von Anfang an gegen die Streikenden stellte, Gegenveranstaltungen organisierte, die Boulevardpresse mit Infos versorgte (die daraufhin von \u201eT\u00fcrken-Terror\u201c schrieb) und daf\u00fcr sorgte, dass Streikbrecher mit Kn\u00fcppeln auf die Kolleg:innen einschlugen. Und die Gewerkschaft schaute zu.&nbsp;<\/p>\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" id=\"lehren-fuer-heute\"><strong>Lehren f\u00fcr heute<\/strong><\/h4>\n\n\n<p>Und doch waren die 1973er Streiks ein Wendepunkt (siehe dazu auch das Video <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=gxaDI3HtSC0\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Streik-Revue 73\/93\/23<\/a>), der im Buch von allen Seiten beleuchtet wird. Bemerkenswert sind dabei Details wie die anf\u00e4ngliche Unlust der t\u00fcrkischen Migrant:innen, in Warnstreiks zu treten: Wenn streiken, dann richtig \u2013 war die Devise der Arbeiter:innen, die nach dem t\u00fcrkischen Milit\u00e4rputsch 1971 gelernt hatten, sich der Repression zu widersetzen. Beachtlich auch die kulturelle Vielfalt w\u00e4hrend der Auseinandersetzungen: Geschichtenerz\u00e4hler:innen unterhielten die Streikposten mit Witzen und Anekdoten, ad-hoc-Sketche sorgten f\u00fcr gute Laune, bei Pierburg verteilten griechische Frauen Blumen an die deutschen Kollegen. Solche geselligen Einlagen k\u00e4men auch heute noch gut an.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Streiks 1973 haben die Arbeitswelt und die Gewerkschaften ver\u00e4ndert. Eine Missachtung der ausl\u00e4ndischen Belegschaft kann sich heute kein Betriebsratsgremium und keine Gewerkschaftsspitze mehr leisten. Von der Vergangenheit lernen \u2013 das ist angesichts von Neoliberalismus, Privatisierung, Prekarisierung, Erosion der Tarifbindung und dem grassierenden Rassismus wichtiger denn je. Die Auseinandersetzungen damals haben gezeigt, dass der Kampf gewonnen werden kann.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freitag, 12. 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