{"id":953,"date":"2016-12-07T18:35:47","date_gmt":"2016-12-07T17:35:47","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=953"},"modified":"2025-08-28T18:48:11","modified_gmt":"2025-08-28T16:48:11","slug":"arbeit-bewegung-geschichte-1-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2016\/12\/07\/arbeit-bewegung-geschichte-1-2016\/","title":{"rendered":"&#8220;ARBEIT BEWEGUNG GESCHICHTE&#8221; 1\/ 2016"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8221; &#8230; ein Schl\u00fcsselmoment in der j\u00fcngeren Gewerkschaftsgeschichte&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Am 10. M\u00e4rz 1975 verweigert die Fr\u00fchschicht des mittelst\u00e4ndischen Zement-herstellers \u201eSeibel und S\u00f6hne\u201c im nieders\u00e4chsischen Erwitte den Arbeitsantritt und besetzt das Werk, in dem 151 Besch\u00e4ftigte arbeiten. Aus Protest gegen eine Entlas-sungswelle werden Tore mit Lastwagen unpassierbar gemacht, die Anlagen heruntergefahren und der Betrieb eingestellt. Die zweite Schicht schlie\u00dft sich an, und die Besetzung dauert fast zwei Monate, bis sie am 2. Mai 1975 in einen regul\u00e4ren Streik umgewandelt wird. Es folgt eine jahrelange juristische Auseinandersetzung zwischen der IG Chemie und dem Firmenchef, in der die Gewerkschaft Verletzungen von Arbeitsrecht und ungerechtfertigte K\u00fcndigungen beklagt, der Firmenchef die Besetzung als illegalen Akt kriminalisieren will und Schadensersatz fordert.<\/p>\n<p>Vierzig Jahre nach dieser ungew\u00f6hnlichen Eskalation eines Arbeitskampfes widmet Dieter Braeg den Ereignissen einen Sammelband, in dem historische Aussagen und Dokumente der Streikenden und ihrer Solidarit\u00e4tskomitees versammelt sind, ein-geleitet mit einem Vorwort und einer vom Hrsg. zusammengestellten Chronologie der Ereignisse, die den Zeitraum 1973 bis 1986 umfasst. Eine beiliegende CD-ROM bietet weiteres Quellenmaterial, darunter ein 102-seitiges Urteil des Landesarbeitsgerichts zur Frage von Schadensersatzanspr\u00fcchen im Rahmen der gewerkschaftlich unterst\u00fctzten, aber nicht gewerkschaftlich gef\u00fchrten Betriebsbesetzung.\u00a0 Ebenso findet sich auf der CD weiterf\u00fchrendes Material zur Frauen-Solidarit\u00e4tsgruppe, in der sich Ehefrauen und Angeh\u00f6rige der Zementarbeiter f\u00fcr den Betriebskampf einsetzten \u2013 f\u00fcr viele Frauen die erste politische Aktivit\u00e4t \u00fcberhaupt und ein Zeichen daf\u00fcr, wie die Frauenbewegung der 1970er-Jahre auch in einer bundesdeutschen Kleinstadt wie dieser mit 13 000 Einwohnerinnen in der nieders\u00e4chsischen Provinz Wirkung entfaltete. Die Frauengruppe nimmt dement-sprechend zentralen Raum im Band ein, neben dem Material auf der CD findet sich im gedruckten Teil ein 90-seitiger Erfahrungsbericht zu ihrer Arbeit, begleitet von einer Einordnung der Historikerin Gisela Notz mit dem Titel \u201eDer Abschied von der braven Hausfrau\u201c.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nicht nur die Frauengruppe, sondern auch die Betriebsbesetzung an sich sind ein Beispiel daf\u00fcr, wie feministische und Arbeitermilitanz im \u201eroten Jahrzehnt\u201c der 1970er-Jahre auch jenseits der urbanen Zentren zu handlungsstiftenden Mustern wurden und breite Bev\u00f6lkerungsschichten erreichten, eine Dimension, die durch die Dominanz urbaner und universit\u00e4rer Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bei R\u00fcckblicken und Ver\u00f6ffentlichungen zu 1968ff. viel zu selten in den Blick ger\u00e4t. Vermittelt wurden radikale Handlungsoptionen im Fall von Erwitte nicht durch eine Pr\u00e4senz linker oder marxistischer Gruppen, sondern durch bundesweite Akteure wie die IG Chemie, deren lokale Hauptamtliche die Besetzung und den Streik unterst\u00fctzten, auch wenn der Hauptverwaltung die Eskalation angesichts der zu erwartenden Schadensersatzforderungen eher unangenehm war. Die Belegschaft selbst hielt aus purer Existenzangst an ihrer Strategie fest: Bei \u201eSeibel und S\u00f6hne\u201c sollten Anfang 1975 ganze 96 der 151 Besch\u00e4ftigten gek\u00fcndigt werden. Die Fortf\u00fchrung der Produktion war nur mit einer Rumpfbelegschaft in verkleinertem Ma\u00dfstab geplant, von den Planungen selbst erfuhren Belegschaft und Betriebsrat im Vorfeld nichts, selbst die wirtschaftliche Lage des Betriebs wurde ihnen verschwiegen.<\/p>\n<p>Eine sozialpartnerschaftliche L\u00f6sung war so nicht m\u00f6glich, und ein einfaches Nachgeben der Arbeiter, die in der lokalen Monostruktur einer Zementindustrie mit \u00dcberkapazit\u00e4ten kaum andere Arbeitspl\u00e4tze gefunden h\u00e4tten, war ebenfalls keine Option. \u201eWir sind nicht radikal, wir verteidigen nur unsere Existenz\u201c (S. 39), betonten daher die Streikenden, eine Aussage, die auch auf aktuelle Betriebsbesetzungen wie etwa die in der Krise von 2001 entstandenen \u201efabri-cas recuperadas\u201c in Argentinien zutreffen w\u00fcrde. Besetzt wurde aus der Not heraus, um sich selbst einen Arbeitsplatz zu erhalten. Die Zemetwerker von \u201eSeibel und S\u00f6hne\u201c gingen jedoch nicht zur Eigenproduktion \u00fcber. F\u00fcr Zement gab es keine solidarische Kundschaft von Privatverbrauchern, und gro\u00dfe Bauunternehmen und H\u00e4ndler h\u00e4tten sich auf ein solches Experiment kaum eingelassen. Zudem stand hinter dem Arbeiterverhalten die Furcht vor einer weiteren Eskalation: Die Aneignung der Produktionsanlagen und Rohstoffe h\u00e4tte Anklagen wegen Diebstahl nach sich gezogen, w\u00e4hrend die Besetzung selbst zumindest unter dem Druck der Ereignisse noch als Streik durchging. Letztendlich gelang es den Besetzern und ihren Unterst\u00fctzerinnen nicht, die eigenen Forderungen durchzusetzen. Die Besetzung wurde abgebrochen, und obwohl zahlreiche Arbeitsrechtsprozesse gewonnen wurden, endete das juristische Tauziehen 1986 zun\u00e4chst in einem Vergleich, bei dem die IG Chemie mehrere Hunderttausend DM f\u00fcr \u201eTechnischen Schaden\u201c zahlte, womit jedoch der \u201ewirtschaftliche Schaden\u201c, also Gewinnausfall des Unternehmens, noch nicht beglichen war. Ein weiteres Urteil wegen \u201eillegaler Streikunterst\u00fctzung\u201c aus dem Jahr 1990 war vom Hrsg. trotz Recherchen beim Landesarbeitsgericht Hamm nicht zu beschaffen \u2013 eine schmerzliche L\u00fccke. (S. 21)<\/p>\n<p>Die Rechtsprechung lief im Wesentlichen darauf hinaus, dass die Kosten aufgeteilt wurden. Hoch angesetzte Schadens-und Streitwerte sowie Gerichtskosten machten dies jedoch zu einem schlechten Kompromiss f\u00fcr die Gewerkschaft: Die Zahlungen samt Prozess- und Vertretungskosten beliefen sich laut Angaben des Hrsg. auf \u00fcber sechs Millionen D-Mark. \u201eSeibel und S\u00f6hne\u201c konnte sich unterdessen damit durchsetzen, die Belegschaft komplett auszutauschen.<\/p>\n<p>Braeg nennt vor allem die hohen Kosten f\u00fcr die Gewerkschaftskasse als Ursache einer \u201ekleinen politischen Wende nach rechts\u201c in der IG Chemie (S. 30), die von nun an konfliktorientierte Arbeitsk\u00e4mpfe vermied. Leider sind diese Zusammenh\u00e4nge nicht ausgef\u00fchrt, es fehlt die Einbettung der lokalen Ereignisse in die \u00fcberregionale westdeutsche Gewerkschaftsgeschichte. Dies liegt vor allem daran, dass der Band im Wesentlichen eine Quellensammlung ist, die zeitgen\u00f6ssische Einsch\u00e4tzungen aus verschiedenen, heute nicht mehr erh\u00e4ltlichen Solidarit\u00e4tsbrosch\u00fcren und Erfahrungsberichten der Jahre 1975 bis 1977 versammelt. Hinzu kommen Analysen aus einer soziologischen Diplomarbeit von Volker Borghoff, die 1986 an der Universit\u00e4t Dortmund eingereicht wurde, sowie Interviews aus einer Projektarbeit, die 1998 von Marcus Ferdinand und Jan Marcus im Rahmen eines Geschichtswettbewerbs geschrieben wurde.1 Da Autoren und Entstehungsdatum jedoch im Inhaltsverzeichnis des vorliegenden Bandes nicht genannt sind, ist die Orientierung beim Lesen unn\u00f6tig erschwert. Die Perspektive der Schreibenden wird oft erst klar, wenn man zur Quellenangabe am Ende des jeweiligen Beitrags bl\u00e4ttert.<\/p>\n<p>Die bisherige Aufarbeitung durch unver\u00f6ffentlichte Arbeiten und zeitgen\u00f6ssische Quellen legt nahe, dass weitere Forschungen zu Erwitte durchaus gewinn-bringend sein k\u00f6nnen. Denn der Band bringt einen Vorgang ans Licht, der mehr war als ein Betriebskampf. Er k\u00f6nnte durchaus als ein Schl\u00fcsselmoment in der j\u00fcngeren Gewerkschaftsgeschichte begriffen werden: der aus der Not geborene und vor Gericht gescheiterte Versuch, innerhalb der verrechtlichten Arbeitskampfkultur in der BRD Elemente von Basisorientierung und Belegschaftsautonomie einzuf\u00fchren, wie sie in Frankreich oder bei den englischen \u201eshop stewards\u201c selbstverst\u00e4ndlich Teil von betrieblichen Auseinandersetzungen waren und sind. Die Ereignisse von Erwitte in \u00fcberregionalem oder transnationalem Rahmen vergleichend zu untersuchen, w\u00e4re deshalb eine lohnende Herausforderung f\u00fcr die sich formierende zeithistorische Forschung zur Gewerkschaftsgeschichte der Siebzigerjahre.<\/p>\n<p><em>Ralf Hoffrogge<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8221; &#8230; ein Schl\u00fcsselmoment in der j\u00fcngeren Gewerkschaftsgeschichte&#8221; Am 10. 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