{"id":9917,"date":"2026-04-30T11:04:04","date_gmt":"2026-04-30T09:04:04","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=9917"},"modified":"2026-04-30T22:06:17","modified_gmt":"2026-04-30T20:06:17","slug":"nd-vom-21-4-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/nd-vom-21-4-2026\/","title":{"rendered":"&#8220;nd&#8221; vom 21.4. 2026"},"content":{"rendered":"\n<h1 id=\"juedisch-links-antinational\" class=\"wp-block-heading\">J\u00fcdisch, links, antinational<\/h1>\n\n\n\n<h2 id=\"das-buch-die-radikale-juedische-tradition-hinterfragt-die-beziehung-von-judentum-und-zionismus\" class=\"wp-block-heading\">Das Buch \u00bbDie radikale j\u00fcdische Tradition\u00ab hinterfragt die Beziehung von Judentum und Zionismus<\/h2>\n\n\n\n<p>Von Raul Zelik<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Gaza-Debatte hat Die Linke nun einen Zionismuskonflikt. Dabei wird man allerdings den Eindruck nicht los, dass die Auseinandersetzung deutlich produktiver verlaufen k\u00f6nnte, wenn die Beteiligten besser auf dem Laufenden w\u00e4ren. Denn trotz umfangreicher Berichterstattung \u00fcber j\u00fcdische und israelische Geschichte ist die \u00d6ffentlichkeit in zentralen Fragen erstaunlich schlecht informiert. So gilt beispielsweise als nicht zu hinterfragende Tatsache, dass nach den Erfahrungen der Shoah J\u00fcd*innen \u00fcber alle ideologischen und parteipolitischen Grenzen hinweg die Gr\u00fcndung des Staates Israel bef\u00fcrworteten. Dementsprechend wird die Geschichte des j\u00fcdischen Staats mit Verweis auf die Kibbuzim-Bewegung als progressives Projekt begriffen, das erst mit den Angriffen der arabischen Nachbarstaaten nach rechts ger\u00fcckt sei. Das erkl\u00e4rte Anliegen von Donny Gluckstein und Janey Stone ist es, diesem Geschichtsnarrativ zu widersprechen. Daf\u00fcr rekonstruieren die Autor*innen, beide aus j\u00fcdischen Diaspora-Familien stammend, in ihrem Buch \u00bbDie radikale j\u00fcdische Tradition\u00ab die Debatte, die zwischen unterschiedlichen j\u00fcdischen Str\u00f6mungen \u00fcber die Gr\u00fcndung eines Nationalstaates im britischen Kolonialgebiet gef\u00fchrt wurde. Dabei wird deutlich, dass es sich beim Zionismus um eine b\u00fcrgerlich-nationalistische Bewegung handelte, die von der j\u00fcdischen Linken ihrer Zeit entschieden abgelehnt wurde. Oder wie Gluckstein\/Stone konstatieren: \u00bbIn den Jahren 1897 und 1898 wurden innerhalb weniger Monate drei verschiedene Antworten auf die Unterdr\u00fcckung der Juden entwickelt, davon war der Zionismus die schw\u00e4chste. Die beiden anderen waren der \u203aJ\u00fcdische Arbeiterbund\u2039 und der russische Marxismus.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Autor*innen machen kein Geheimnis daraus, dass ihre Perspektive biografisch und vom politischen Aktivismus gepr\u00e4gt ist: Glucksteins Vater war der trotzkistische Theoretiker Tony Cliff (Yigael Gl\u00fcckstein), Stone ist eine langj\u00e4hrige Aktivistin der australischen Gewerkschafts- und Frauenbewegung. Daran ankn\u00fcpfend widmet sich das Buch vor allem den sozialistischen Traditionen des osteurop\u00e4ischen Judentums. Beide halten es f\u00fcr eine besondere St\u00e4rke j\u00fcdischer Organisationsans\u00e4tze, dass sie aufgrund der Diaspora- und Unterdr\u00fcckungserfahrung fr\u00fcher und radikaler als andere Bev\u00f6lkerungsgruppen jenseits nationalstaatlicher Grenzen denken konnten.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><strong>Das Erstarken des Zionismus ist vom Scheitern der internationalistischen Linken nicht zu trennen.<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>So entstand der \u00bbJ\u00fcdische Arbeiterbund\u00ab Ende des 19. Jahrhunderts als eine gewerkschaftlich-sozialistische Selbstorganisierung, die Arbeits- und antirassistische K\u00e4mpfe zusammenbringen wollte. Die gro\u00dfe Mehrheit der osteurop\u00e4ischen J\u00fcd*innen war n\u00e4mlich auf \u00e4hnliche Weise \u00bbdoppelt\u00ab unterdr\u00fcckt wie migrantische Arbeiter*innen heute: Im Rahmen der Industrialisierung wurden sie proletarisiert, waren zugleich aber auch Opfer antisemitischer Pogrome. Bemerkenswerterweise propagierte der \u00bbJ\u00fcdische Arbeiterbund\u00ab die Pflege j\u00fcdischer Identit\u00e4t (vor allem der jiddischen Sprache), lehnte ein j\u00fcdisches Nationalprojekt aber ab. Verteidigt wurde vielmehr die Idee der \u00bbDoykeit\u00ab: einer Politik des \u00bbHierseins\u00ab, die kulturelle und soziale Rechte innerhalb bestehender Staaten durchsetzen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterschied zum \u00bbArbeiterbund\u00ab, der vor allem im Baltikum und heutigen Ostpolen aktiv war, propagierten die j\u00fcdischen Kader in der bolschewistischen Partei auch eine Abkehr von der kulturellen j\u00fcdischen Identit\u00e4t. Bei ihnen, die vor allem in der Fr\u00fchphase der Komintern eine Schl\u00fcsselrolle spielten, begr\u00fcndete die Diaspora-Perspektive einen radikalen Internationalismus, der vom Stalinismus massiv bek\u00e4mpft und zurechtgestutzt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zionismus schlie\u00dflich sei, so Gluckstein und Stone, als b\u00fcrgerliche Gegenbewegung zu diesen beiden sozialistischen Traditionen entstanden. Gepr\u00e4gt von der kolonialrassistischen und ethnonationalistischen Perspektive des europ\u00e4ischen B\u00fcrgertums habe der Zionismus ein Nationalprojekt entwickelt, das Klassenwiderspr\u00fcche innerhalb des Judentums unsichtbar machte und der arabischen Bev\u00f6lkerung Pal\u00e4stinas feindlich oder zumindest herablassend gegen\u00fcber trat.<\/p>\n\n\n\n<p>Gluckstein\/Stone blenden nicht aus, dass der nationalsozialistische Terror in den 1940er Jahren f\u00fcr eine Lage sorgte, in der die Existenz von Zufluchtsorten f\u00fcr J\u00fcd*innen zur \u00dcberlebensfrage wurde und sich dadurch auch die Akzeptanz des Zionismus im europ\u00e4ischen Judentum ver\u00e4nderte. Es sei ein sozialistischer Zionismus entstanden, der \u00bbvon Pal\u00e4stina tr\u00e4umen (und) radikal politisch aktiv werden\u00ab wollte. Doch f\u00fcr Gluckstein\/Stone war dieser Ansatz zum Scheitern verurteilt: \u00bbDie reformistische Strategie des Linkszionismus, den nationalen Patriotismus mit dem Sozialismus zu verbinden, (\u2026) wollte Unvereinbares vereinen.\u00ab Diese Einsch\u00e4tzung ist auch biografisch unterf\u00fcttert: Glucksteins Vater, Yigael, war pal\u00e4stinensischer Jude und verlie\u00df das britische Mandatsgebiet 1946 als erwachsener Mann, weil er Zionismus und britische Kolonialherrschaft gleicherma\u00dfen ablehnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie radikale j\u00fcdische Tradition\u00ab kann sicher nicht beanspruchen, eine allgemeing\u00fcltige Bewertung des Zionismus zu formulieren. Das Buch vermittelt <em>eine <\/em>linke Perspektive auf die j\u00fcdische Nationalbewegung. Und wichtig ist auch der Hinweis, dass antisemitische Kampagnen, wie es sie in der Sowjetunion unter Stalin oder Ende der 1960er Jahre in Polen gab, die Unf\u00e4higkeit sozialistischer Bewegungen unter Beweis stellten, eine universalistische Perspektive zu entwickeln. Insofern ist das Erstarken des Zionismus vom Scheitern einer internationalistischen Linken nicht zu trennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Debatte bleibt also voller Ambivalenzen. Trotzdem ist das Buch eine gute Grundlage, um das in Deutschland vorherrschende Geschichtsnarrativ zu hinterfragen: Wer den Antizionismus sanktionieren will, unterschl\u00e4gt, dass der Antizionismus Teil der j\u00fcdischen linken Geschichte ist. Dass diese Tradition aus politischen Motiven unsichtbar gemacht worden ist, ist eine der Ursachen, warum die Debatte \u00fcber Israel in der Linken heute so unproduktiv verl\u00e4uft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcdisch, links, antinational Das Buch \u00bbDie radikale j\u00fcdische Tradition\u00ab hinterfragt die Beziehung von Judentum und Zionismus Von Raul Zelik Nach der Gaza-Debatte hat Die Linke&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[218,188],"tags":[],"class_list":["post-9917","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-radikale-juedische-tradition","category-medienkritiken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9917","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9917"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9917\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9918,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9917\/revisions\/9918"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9917"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9917"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9917"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}