{"id":995,"date":"2016-12-12T18:16:32","date_gmt":"2016-12-12T17:16:32","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=995"},"modified":"2025-08-28T21:26:46","modified_gmt":"2025-08-28T19:26:46","slug":"archiv-der-geschichte-des-widerstands-und-der-arbeit-nr-20-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/archiv-der-geschichte-des-widerstands-und-der-arbeit-nr-20-2016\/","title":{"rendered":"&#8220;Archiv der Geschichte des Widerstands und der Arbeit&#8221; Nr. 20-2016"},"content":{"rendered":"<p><strong>F\u00fcr k\u00fcnftige theoretische wie praktische Auseinandersetzungen mit den Themen Streik und Arbeit bieten die hier multimedial aufbereiteten Pierburg-Erfahrungen also viel\u00adf\u00e4ltige Anregungen<\/strong><\/p>\n<p>Vordergr\u00fcndig beschreibt das zu besprechende B\u00e4ndchen einen kurzen, erfolgreichen Streik vor vierzig Jahren in einem Zulieferbetrieb der Automobilindustrie. Im Sinne der Sicherungsfunktion einer wichtigen Episode nicht-offizieller Geschichtsschreibung der Bundesrepublik w\u00e4re dies lobenswert genug. Jedoch weist auf den zweiten Blick auch einiges \u00fcber den Einzelfall hinaus &#8211; insofern ist die Lekt\u00fcre doppelt zu empfeh\u00adlen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>3000 mehrheitlich migrantische und weibliche Besch\u00e4ftigte waren im Familien\u00adbetrieb Pierburg mit der \u201eBillig-Lohn-Herstellung&#8221; von Vergasern befa\u00dft. Die Zusammensetzung der Belegschaft verdeutlicht exemplarisch die \u201eUnterschichtung&#8221; des Arbeitsmarktes durch migrantische Arbeitskr\u00e4fte, die einerseits von den Gewerk\u00adschaften eher unter ordnungspolitischen Gesichtspunkten kritisiert wurde und Millio\u00adnen einheimischen Besch\u00e4ftigten Aufstiege erlaubte, andererseits ein wesentlicher Ausl\u00f6ser f\u00fcr die oft von Migrant(inn)en angesto\u00dfenen und gef\u00fchrten wilden Streiks in den 1970er Jahren waren.<\/p>\n<p>Die bekannteste dieser spontanen und teilweise heftig ge\u00adf\u00fchrten Arbeitsniederlegungen, an denen sich insgesamt Hunderttausende beteiligten, ist der K\u00f6lner Ford-Streik. Die Forderungen in dieser Streikwelle zielten nicht nur auf Lohnerh\u00f6hungen, sondern auch auf bessere Arbeitsbedingungen, Auch bei Pierburg herrschte Unzufriedenheit \u00fcber schlechte Arbeitsbedingungen, die unzumutbare Wohnsituation im betriebseigenen Wohnheim (\u00fcblich f\u00fcr alleinstehende Mig-rant(inn)en) sowie \u00fcber die deutliche Versch\u00e4rfung des Arbeitstempos seit 1970. Das Unternehmen boomte und wollte die gute konjunkturelle Lage durch h\u00f6heren Leis\u00adtungsdruck auf die Besch\u00e4ftigten nutzen. Dabei war ein Gro\u00dfteil der Besch\u00e4ftigten, n\u00e4mlich 1700 ausl\u00e4ndische Arbeiterinnen, bei k\u00f6rperlich schwerer Akkordarbeit an Flie\u00dfb\u00e4ndern nur in der Leichtlohngruppe 2 eingestuft. In den damals weitverbreiteten Leichtlohngruppen dr\u00fcckte sich die generelle Benachteiligung von Frauen(arbeit) aus. Pfingsten 1973 lief das Fa\u00df \u00fcber, 300 Pierburg-Arbeiterinnen traten spontan in Streik, um eine Reihe von Forderungen durchzusetzen, die neben der Abschaffung dieser Leichtlohngruppe und weiteren lohnpolitischen Forderungen (L\u00f6hne nach Betriebszu\u00adgeh\u00f6rigkeit, Schmutzzulage, 1 DM mehr f\u00fcr alle, H\u00f6hergruppierung der Besch\u00e4ftigten an Sondermaschinen, gleiche Bezahlung von schwerer k\u00f6rperlicher Arbeit, Erh\u00f6hung des Fahrgelds) auch, betriebs- und sozialpolitische Forderungen (bezahlte Versamm\u00adlungszeit, keine Entlassungen wegen h\u00e4ufiger Krankheit, gerechte Verteilung von \u00dcberstunden, einen halben bezahlten Tag pro Monat f\u00fcr eventuell n\u00f6tige Arztbesuche, einen bezahlten Hausfrauentag pro Monat) und die sofortige Entlassung eines Vorar\u00adbeiters und des Personalchefs umfa\u00dften. In den Verhandlungen erwirkte der erst 1972 installierte Betriebsrat Zugest\u00e4ndnisse, die die Besch\u00e4ftigten jedoch nicht zufrieden\u00adstellten. Im August traten daher erneut 2000 Arbeiterinnen in einen f\u00fcnf Tage dauern\u00adden Streik. W\u00e4hrend sich die Gewerkschaft zur\u00fcckhielt, agierte der Betriebsrat loyal und basisbezogen. Neben dramatischen Szenen &#8211; Besetzung des Werksgel\u00e4ndes, Poli\u00adzeieins\u00e4tze und Verhaftungen, Androhung der Selbstverbrennung eines Arbeiters \u00adzeichnete sich dieser Streik vor allem durch die fr\u00f6hliche Energie und entschlossene Pr\u00e4senz der Arbeiterinnen aus. Aber erst als sich die deutschen Facharbeiter dem Streik anschlossen, wurden fast alle Hauptforderungen erf\u00fcllt. Es gelang, die Leicht\u00adlohngruppe abzuschaffen, einen deutlich h\u00f6heren Stundenlohn zu erzielen, vier Streiktage bezahlt zu bekommen und die Entlassung der Streikenden zu verhindern. Auch die nachfolgenden Entlassungen vermeintlicher \u201eR\u00e4delsf\u00fchrer(innen)&#8221; konnten gerichtlich abgewehrt werden.<\/p>\n<p>Das vom damaligen stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden Dieter Braeg zusam\u00admengestellte Buch erg\u00e4nzt die Chronologie der Ereignisse durch verschiedene zeitge\u00adn\u00f6ssische und j\u00fcngere Texte, an denen Braeg meist als Autor oder Mitautor beteiligt war. Interviews mit Betriebsr\u00e4ten sprechen neben dem eigentlichen Konflikt und sei\u2011nem juristischen Nachspiel viele grunds\u00e4tzliche Fragen betrieblicher Interessenvertre\u00adtung an. Betriebliche Handlungskonstellationen und unterschiedliche Rollen der Ak\u00adteure werden hier lebendig: Streikorganisation, Strategien und Agieren von Betriebs\u00adr\u00e4ten bei wilden Streiks, die \u201egr\u00fcne Wiese&#8221; als ideale Diskussionsst\u00e4tte, die Erm\u00f6gli\u00adchung der Teilhabe verschiedener Besch\u00e4ftigtengruppen, das \u201eprofessionelle&#8221; Selbst\u00adverst\u00e4ndnis eines basisbezogenen Betriebsrats. So beeindruckt der Pierburg-Streik als Gegenbeispiel f\u00fcr sensibles und integratives betriebsr\u00e4tliches Handeln zu einer Zeit, in der die Gewerkschaften zu migrantischen Arbeiter(inne)n ein eher distanziert-funktio\u00adnales Verh\u00e4ltnis pflegten.<br \/>\nWeitere Teile des Buches wie die retrospektive Schilderung der damaligen Jugendver\u00adtreterin und ein Auszug aus dem vom Werkkreis Literatur der Arbeitswelt herausgege\u00adbenen Roman \u201eElephteria oder die Reise ins Paradies&#8221; von Heilmann Spix verdeutli\u00adchen die sozialisatorischen Wirkungen des Streiks. Der literarische Zugang stellt An\u00adschaulichkeit auf anderer, emotionaler Ebene her. Ein Anhang mit Materialien zur nachfolgenden juristischen Auseinandersetzung und einem Referat Braegs zur Interes\u00adsenvertretung ausl\u00e4ndischer Besch\u00e4ftigter rundet das Bild ab. Diese Komposition macht die Lekt\u00fcre des dokumentarischen \u201eSteinbruchs&#8221; spannend. Der beigelegte 42min\u00fctige zeitgen\u00f6ssische und neu geschnittene Streikfilm \u201eIhr Kampf ist unser Kampf&#8221; verdeutlicht das von heute aus erstaunlich positive mediale Interesse am Streik und bebildert die Erz\u00e4hlung durch unmittelbare Eindr\u00fccke von Menschen und Orten. Beeindruckend sind nicht nur die (leeren) Fabrikhallen, die das t\u00e4gliche Ar\u00adbeitsleid erahnen lassen, sondern vor allem die soziale Dynamik dieser Tage, die Energie der Frauen in ihren Sommerkleidern und die immer wieder ausbrechende Festtagsstimmung. Die Verteilung von Blumen an die Streikenden symbolisiert nicht nur gegenseitige Zuwendung, sondern war &#8211; wenn man es recht versteht &#8211; mit ein Grund f\u00fcr die Aktivierung der Solidarit\u00e4t der deutschen Facharbeiter. Die z\u00f6gerlichen Diskussionen dieser Besch\u00e4ftigtengruppe, das territoriale Gebaren der Betriebsleitung und die Bilder vom Polizeieinsatz verdeutlichen auch die m\u00fchsamen Ebenen dieses Streiks.<\/p>\n<p>F\u00fcr k\u00fcnftige theoretische wie praktische Auseinandersetzungen mit den Themen Streik und Arbeit bieten die hier multimedial aufbereiteten Pierburg-Erfahrungen also viel\u00adf\u00e4ltige Anregungen. Hier seien nur zwei Anst\u00f6\u00dfe aufgegriffen: Zum ersten spricht das Buch nicht explizit die Besonderheit von Frauenbesch\u00e4ftigung und Frauenkampf an. Aber der Pierburg-Streik stellt auch das traditionell-gewerkschaftliche Vorurteil, nach dem weibliche Besch\u00e4ftigte schwer(er) zu organisieren bzw. zu mobilisieren seien, in Frage. Aus anderen zeitgen\u00f6ssischen Analysen ist bekannt, da\u00df (sogenannte) unquali\u00adfizierte Arbeiterinnen in den Streiks der 1970er Jahre direkt oder indirekt immer wie\u00adder eine zentrale Rolle spielten. Von den Gewerkschaften, deren Konzepte eher auf die Facharbeiter zielten, nicht vertreten, entwickelten sie im Konflikt eigene, spontane Aktionsformen. Sie k\u00e4mpften f\u00fcr Lohnerh\u00f6hungen, aber auch gegen diskriminierende Bewertungskriterien von Arbeitspl\u00e4tzen und formulierten \u201egeschlechtsspezifische&#8221; Forderungen (bezahlter Hausarbeitstag, saubere Arbeitspl\u00e4tze), die die Problematik geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung thematisierten, wenn auch nicht aufhoben. Die sozialisatorischen und ambivalenten Auswirkungen dieser \u201eSelbsterm\u00e4chtigungen&#8221; werden im Pierburg-Buch nur angedeutet. Man h\u00e4tte sich gew\u00fcnscht, da\u00df in dem an\u00adsonsten sehr instruktiven Band auch die Besch\u00e4ftigten unterhalb der &#8220;Funktion\u00e4rs\u00adebene&#8221; zu Wort gekommen w\u00e4ren. Die (betriebsr\u00e4tliche) Repr\u00e4sentationslogik wird an keiner Stelle in Frage gestellt. Der zeitgen\u00f6ssisch verbreitete und vermutlich unbewu\u00dfte Paternalismus auch linker, aufgeschlossener Gewerkschafter \u00e4u\u00dferte sich nicht zuletzt darin, da\u00df nach dem Streik nur die Betriebsr\u00e4te auf Film- und Diskussionsrei\u00adsen gingen. Dies ist inzwischen anders. Die Diskriminierung von Frauenarbeit besteht jedoch weiter und scheint angesichts der Ausweitung eines Niedriglohnsektors sogar aktueller denn je.<\/p>\n<p>Zum zweiten verwundert nach vielen Jahren weitgehend &#8220;sozialpartnerschaftlicher&#8221;, co-managerialer betrieblicher Interessenvertretung, was das eigentlich \u201eRevolution\u00e4re&#8221; an diesem kleinen Streik gewesen sein soll. Wieso sieht der lokale Polizeichef die Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung bedroht? Welche gesellschaftliche Nervo\u00adsit\u00e4t mu\u00df da geherrscht haben, wenn dieser Streik, gewi\u00df im Kontext einer gr\u00f6\u00dferen, aber begrenzten Streikwelle &#8211; unironisch &#8211; als revolution\u00e4re Erhebung bezeichnet wird? Hat der ungew\u00f6hnlich starke Zusammenhalt dies bewirkt? Im Buch, aber auch in der zeitgen\u00f6ssischen Rezeption, wird der Ausnahme-Erfolg bei Pierburg wesentlich auf die Solidarit\u00e4t verschiedener Gruppen &#8211; jugoslawische Frauen, eine griechische so\u00adzialistische Gruppe, der linke Betriebsrat, deutsche Facharbeiter &#8211; zur\u00fcckgef\u00fchrt. Die Besch\u00e4ftigten \u00fcberwanden traditionelle Grenzziehungen zwischen Geschlecht, sozia\u00adlem Status, Nationalit\u00e4ten und Arbeiterkategorien und demonstrierten ihre \u201eProdukti\u00adonsmacht&#8221;. Oder h\u00e4ngt die \u201eNervosit\u00e4t&#8221; auch damit zusammen, da\u00df in migrantischen Arbeitsk\u00e4mpfen oft auch dar\u00fcber hinausgehende problematische Lebenslagen, etwa auf dem Wohnungsmarkt oder durch diskriminierende Gesetzgebung zur Sprache ka\u00admen? Die Festtagsreden zum 50. Jahrestag des deutsch-t\u00fcrkischen Anwerbeabkom-mens haben vordergr\u00fcndig betont, wie sehr die Migrant(inn)en die deutsche Gesell\u00adschaft ver\u00e4ndert und bereichert h\u00e4tten. Nicht zuletzt mit dem Pierburg-Streik im Hin\u00adterkopf w\u00e4re es an der Zeit, \u00fcber kulinarische und kulturelle Anreicherungen hinaus auch die migrantischen Anteile an politischem und gesellschaftlichem Aktivismus und an widerst\u00e4ndiger Geschichte in den Blick zu nehmen.<\/p>\n<p><em>Andrea Gabler<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr k\u00fcnftige theoretische wie praktische Auseinandersetzungen mit den Themen Streik und Arbeit bieten die hier multimedial aufbereiteten Pierburg-Erfahrungen also viel\u00adf\u00e4ltige Anregungen Vordergr\u00fcndig beschreibt das zu&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[22],"tags":[],"class_list":["post-995","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wilder-streik-das-ist-revolution"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/995","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=995"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/995\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8213,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/995\/revisions\/8213"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=995"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=995"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=995"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}