{"id":999,"date":"2016-12-13T18:37:18","date_gmt":"2016-12-13T17:37:18","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=999"},"modified":"2025-08-28T09:26:26","modified_gmt":"2025-08-28T07:26:26","slug":"beitrag-zur-vorstellung-des-buches-am-6-dezember-im-buchladen-schwarze-risse-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/beitrag-zur-vorstellung-des-buches-am-6-dezember-im-buchladen-schwarze-risse-berlin\/","title":{"rendered":"Beitrag zur Vorstellung des Buches am 6. Dezember im Buchladen &#8220;Schwarze Risse&#8221; Berlin"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Leicht \u00fcberarbeitete Fassung des Beitrags von Renate H\u00fcrtgen, einschlie\u00dflich einiger Anmerkungen der Autorin zur Diskussion<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es ist nicht genug zu w\u00fcrdigen, dass Bettelheim seinen eigenen Ansatz, was den Charakter der Oktoberrevolution betrifft, in nur wenigen Jahren \u00e4nderte &#8211; und zwar in Anschauung der Klassenk\u00e4mpfe z. B. in Polen um 1980 -, und nicht, indem er ins rechte oder Totalitarismuslager gewechselt w\u00e4re &#8230; sondern unter Beibehaltung eines marxistischen Ansatzes und einer linken Einstellung \u2026 Es gibt f\u00fcr mich ein Ph\u00e4nomen, das wir vielleicht diskutieren sollten: Sein Neuansatz hat keine Wirkung in die Linke hinein gehabt. So weit ich sehe, gab es keine Reaktion auf Band 3 und 4 der \u201eKlassenk\u00e4mpfe in der UdSSR\u201c, die 1982 in Paris erschienen sind \u2026 Nach 1982 hat Bettelheim nur noch drei B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht, zwei davon auf Italienisch, eins mit Paul Sweezy zusammen, das davon handeln soll, wie eine wirkliche sozialistische \u00d6konomie aussehen k\u00f6nnte. (Ich kenne es nicht.)<\/p>\n<p>Das ist umso erstaunlicher, als Bettelheim in diesen B\u00e4nden von 1982 &#8211; die jetzt von <em>Die Buchmacherei<\/em> erstmals in Deutsch ver\u00f6ffentlich sind &#8211; eine ganz neue Einordnung der russischen Revolution vornimmt. Im Kern besteht dieser Neuansatz darin, dass f\u00fcr ihn 1917 mit dem Sturz des Zarismus und der Errichtung einer provisorischen Regierung ein pluraler revolution\u00e4rer Prozess begann, den er eine \u201ekapitalistische Revolution\u201c nennt. Die negative Arbeit dieser Revolution war die Zerst\u00f6rung vorkapitalistischer Zust\u00e4nde, die positive die Etablierung einer kapitalistischen Gesellschaft. Welche genaue Richtung dieser revolution\u00e4re Prozess einschlagen w\u00fcrde, welche endg\u00fcltige \u201eExistenzform\u201c der Kapitalismus in der Sowjetunion annehmen wird &#8211; das war nach Bettelheim zun\u00e4chst offen. Er beschreibt drei Akteursgruppen, die nach der Februarrevolution entstanden waren: 1. Die revolution\u00e4re Bauernbewegung, 2. Die Sowjets und Fraktionen der Intelligenz, die f\u00fcr demokratische Freiheiten, ein repr\u00e4sentatives System, den Rechtsstaat und eine Verfassungsgebende Versammlung eintraten und 3. Fraktionen des russischen Volkes, darunter die Akteure der Sowjets und der Intelligenz, die eine Verstaatlichung der Produktionsmittel anstrebten.<\/p>\n<p>Die Weichen sind nach seiner Lesart mit der Macht\u00fcbernahme (Aufstand) der Bolschewiki gestellt, die die Sowjets nach kurzer Zeit zu Organen der Ratifizierung und Ausf\u00fchrung von Regierungs- und Parteientscheidungen verwandeln. (\u201eRevolution von oben\u201c) \u2026 Das hing &#8211; nach Bettelheim &#8211; ma\u00dfgeblich mit ihrer Auffassung von der Rolle des Staates zusammen, der die eigenst\u00e4ndige Rolle der Sowjets zugleich einschr\u00e4nkte, am Ende der 1920er-Jahre waren sie nur noch Ausf\u00fchrende.<\/p>\n<p>Anders als noch in den Jahren zuvor selber gedacht bzw. in seinem politischen Umfeld angenommen, geht Bettelheim also hier nicht mehr von einer sozialistischen Phase aus, die durch schwierige historische Umst\u00e4nde oder infolge von Fehlern der politischen Akteure auf die staatskapitalistische Bahn geraten war. Die Frage, die sich ihm folgerichtig jetzt stellte, war die nach der spezifischen Existenzform des Kapitalismus in der Sowjetunion. Und genau das ist der Inhalt der beiden vorliegenden B\u00e4nde: Bettelheim will hier die Entstehung und Etablierung \u201eeines juristisch und politisch v\u00f6llig neuen Typs von Kapitalismus\u201c nachweisen, dessen Errichtung am Ende der 1930er-Jahre erfolgt war.<\/p>\n<p>Das Spannende ist, das Bettelheim damit den Gedanken einbringt, die allgemein als \u201esozialistisch\u201c bezeichneten Revolutionen und Bewegungen sind als Teil einer kapitalistischen Entwicklung zu betrachten. Sie bringen verschiedene Existenzformen des Kapitalismus hervor, jedoch keine Alternative zu ihm.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>Eine kritische Anmerkung: Was Bettelheim leider nicht diskutiert, das ist die Frage danach, welche \u201eZukunft\u201c die Revolution mit ihren zahlreichen Komponenten \u201eh\u00e4tte schreiben k\u00f6nnen, wenn die Machtergreifung durch die Bolschewiki ihn (den revolution\u00e4ren Schwung, R.H.) nicht brutal unterbrochen h\u00e4tte\u201c (S. 30). W\u00e4re eine andere, weniger brutale kapitalistische Entwicklung f\u00fcr die Sowjetunion m\u00f6glich gewesen? H\u00e4tte die kapitalistische Revolution nicht in einer Stalin\u00b4schen Terror- und Gewaltherrschaft enden m\u00fcssen? <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die vorliegenden B\u00e4nde behandeln die Jahre von 1928 bis 1941, die Zeit der \u201estalinistischen Revolution\u201c. Die relative Offenheit f\u00fcr unterschiedliche Strategien und auch Praxen (z. B. \u201eGleichmacherei\u201c in der N\u00d6P-Zeit, die sp\u00e4ter erbittert bek\u00e4mpft wird), die bis weit in die 1920er-Jahre hinein funktioniert hatte, ist vorbei. Eine Offenheit, die allerdings &#8211; nach Bettelheim &#8211; von Anfang an im Rahmen der bolschewistischen Sozialismusauffassung verblieb, einer Auffassung, in der Sozialismus und Staatskapitalismus gleichsetzt wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Zweite kritische Bemerkung: Was Bettelheim nicht nur hier, auch an anderer Stelle so gut wie gar nicht diskutiert, ist, dass diese Gleichsetzung der Bolschewiki von Staatseigentum und Sozialismus durchaus der in der Arbeiterbewegung allgemein verbreiteten Annahme entsprach: Staatseigentum sei sozialistisches, weil vergesellschaftetes Eigentum. Da Bettelheim solche Einordnungen in die internationale Bewegung nicht vornimmt, bleiben seine Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Begeisterung, die die Gr\u00fcndung des Sowjetstaates ausl\u00f6ste, sehr unbefriedigend. Allein mit dem \u201eMythos\u201c, den die Bolschewiki verbreitet h\u00e4tten, l\u00e4sst sich nicht begreifen, warum die internationale Arbeiterbewegung in der SU ihre real gewordene Zukunft sah.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ende der 1920er-Jahre begann nach Bettelheim eine neue Phase der kapitalistischen Revolution, in der die Z\u00fcge dieses spezifischen sowjetischen Kapitalismus deutlich wurden. Er nennt ihn eine \u201eextreme Form des Kapitalismus\u201c mit au\u00dferordentlich hohen Akkumulationsraten, beispielloser Repression und einer spezifischen politischen Herrschaftsform. Es ist das Jahrzehnt, in dem sich ein Kapitalismus neuen Typs durchsetzt, wo die \u201ePartei zum obersten Organ der Staatsmacht\u201c erhoben wird. F\u00fcr den Bettelheim den Begriff \u201eParteikapitalismus\u201c entwickelt.<\/p>\n<p>Das Buch hei\u00dft \u201eDie Klassenk\u00e4mpfe in der UdSSR\u201c \u2026 Das ist in einem sehr weiten Sinne gemeint und umfasst den gesamten Konstituierungsprozess einer neuen Ausgebeuteten- und einer neuen Ausbeuterklasse \u2026 300 Seiten sind den \u201eBeherrschten\u201c und 300 Seiten den \u201eHerrschenden\u201c gewidmet. Das ist eine, wie ich finde, gute &#8211; in der linken Sozialgeschichte verbreitete &#8211; Methode, die nat\u00fcrlich den Haken hat, dass sie auf der Ebene historischer Klassenbildung verbleibt und nicht den Produktionsprozess des neuen Typs von Kapitalverh\u00e4ltnis analysiert. Bettelheim hat kein zweites Marx\u00b4sches \u201eKapital\u201c geschrieben. Aber er ist \u00d6konom, was dazu f\u00fchrt, dass er diese Klassenbildungsprozesse als Teil der Entstehung eines neuen \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisses versteht, sozusagen die subjektive Seite der Entstehung einer neuen Gesellschaftsstruktur betrachtet.<\/p>\n<p>Diese Klassenbildung in den Jahren 1928 bis 1941 in der SU ist aus meiner Sicht grandios dargestellt. Auf der <strong>Seite der Beherrschten<\/strong> sind das vor allem der Prozess der Vernichtung der Einzelbauernwirtschaft, das ber\u00fchmte \u201eBauernlegen\u201c, wie Marx es in der Darstellung der urspr\u00fcnglichen Akkumulation nennt, und ihre \u201eUmwandlung\u201c in die neuen Lohnarbeiter der Fabriken und auf dem Land. Die Zwangskollektivierungen in Kolchosen und Sowchosen und die brutale Militarisierung bei der Errichtung des Fabriksystems (Fabrikdespotie) gehen einher mit Hungersn\u00f6ten, elenden Bedingungen in den St\u00e4dten. So weit also der urspr\u00fcnglichen Akkumulation im England des 16. Jahrhunderts nicht un\u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Die gewaltsame soziale Umstrukturierung in den 1930er-Jahren hatte jedoch eine Reihe sowjetischer Spezifika, die sie von der in anderen Jahrhunderten unterschied: Das waren u. a. der Massenterror (Krieg gegen die Bauern, sagt Bettelheim) und die Zwangsarbeit, darunter die Str\u00e4flings- und \u201eLagerarbeit\u201c. Die Arbeitslager waren bald ein entscheidender Bestandteil der Gesamtproduktion und f\u00fcr den Staat wichtige Produktionsst\u00e4tten, namentlich im Bergbau, in der Schwerindustrie, der Forstwirtschaft und auf dem Bau. Aber auch Forschung und Entwicklung bekam in speziell f\u00fcr Fachleute eingerichteten Gef\u00e4ngnislagern &#8211; den ber\u00fcchtigten <em>Scharaga &#8211;<\/em> Zwangscharakter. Nicht nur inner-, sondern auch au\u00dferhalb der Arbeitslager bekam die Arbeit Zwangscharakter, Gewerkschaften wurden Teil der Herrschaft, das Arbeitsgesetzbuch wurde zum Strafgesetzbuch. Die demografische Folge: Rund 20 Millionen Tote. Die Folgen f\u00fcr die Arbeiter, die &#8211; ich sage es mal in meinen Worten &#8211; auf diese Weise den Anschluss an die internationale Arbeiterbewegung nie mehr finden konnten, war ein historisches Drama.<\/p>\n<p>Diese auf staatliche Massenrepression und Terror gr\u00fcndende milit\u00e4rische Organisation des Klassenbildungsprozesses sollte allerdings ihre von Stalin beabsichtigte Wirkung auch nicht verfehlen. Die Produktion konnte in wenigen Jahren gesteigert werden, namentlich in der Schwerindustrie; die L\u00f6hne dagegen sanken. Die Arbeitsproduktivit\u00e4t blieb niedrig. Der \u201eAusbeutungsgrad\u201c war also angesichts einer extensiven Ausbeutung und geringster Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft in den Lagern enorm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dritte kritische Bemerkung: Bettelheim bezeichnet dies alles als \u201eNiederlage der Arbeiterklasse\u201c und vergisst m. E. an dieser Stelle, dass er den historischen Prozess des \u00dcbergangs vom zaristischen Russland zum Kapitalismus beschreibt, der f\u00fcr die neuentstehende Arbeiterklasse durchaus fortschrittliche und lebensverbessernde Entwicklungen, allerdings unter neuen, z. T. despotischen Ausbeutungsverh\u00e4ltnissen brachte. Mir scheint es angesichts der Bildungs- und Qualifizierungskampagne von Massen von Bauern und Analphabeten, die zu einer Differenzierung innerhalb der Arbeiterschaft f\u00fchrte, zu einer Arbeiterelite, zur Privilegierung eines Teil der Arbeiter (Stachanow-Bewegung), sogar zum Aufstieg in die herrschende Klasse, angebracht, auf den widerspr\u00fcchlichen Charakter und die widerspr\u00fcchlichen Folgen dieser Diktatur hinzuweisen. Indem Bettelheim solche Entwicklungsmomente nur am Rande erw\u00e4hnt, muss er seine Erkl\u00e4rungen, woher die Zustimmung zu diesem System kam, allein auf Angst und eine russisch-nationalistische Ideologie gr\u00fcnden. Das ist zu wenig. In der Realit\u00e4t gab es &#8211; wie immer &#8211; auch Gewinner dieser Industrialisierung, auch unter den Arbeitern (weniger wohl unter den Bauern?!). <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die <strong>Konstituierung der herrschenden Klasse<\/strong>, die er anschlie\u00dfend beschreibt, war nach Bettelheim ein nicht weniger brutaler Prozess, gleichfalls von Massenrepressionen und Terror begleitet. Beeindruckend seine Schilderungen des ewigen Wechsels der politischen Linie, mit der Folge einer st\u00e4ndigen Existenzbedrohung f\u00fcr alle, die einen Posten bezogen hatten, von dem sie nach kurzer Zeit \u201eliquidiert\u201c wurden. \u2026 eine Erfahrung, die einen untert\u00e4nigen \u2026 Kadertypus schuf, der &#8211; so dr\u00e4ngt es sich dem Leser auf &#8211; bis zum Ende der UdSSR seinen Charakter nicht ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Die wesentlichen Vorg\u00e4nge in den 1930er-Jahren, die &#8211; nach Bettelheim &#8211; am Ende zu einer herrschenden Klasse mit besonderem Aussehen f\u00fchrten, waren: Die Schaffung eines neuen Typs von Partei- u. a. Kadern aus den unteren Schichten (was er mit einer Kulturrevolution verbindet); der permanente \u201eAustausch\u201c von Kadern aller Ebenen, um sie den Erfordernissen einer staatlichen Planung, nicht nur der Wirtschaft, anzupassen, und die Ausschaltung aller alten Kader in der Partei, die dem autokratischen Staats- und Parteiaufbau Stalins im Wege standen. Letzteres war so einfach nicht herzustellen, die Oligarchen, wie Bettelheim jene Kader nennt, die sich als f\u00fchrende Gruppe innerhalb des herrschenden Blocks bereits etabliert hatten, wehrten sich gegen diese Alleinherrschaft. Am Ende der 1930er-Jahre sei eine Herrschaftsstruktur etabliert gewesen, in der ein kleiner F\u00fchrungskreis die politische Herrschaft (\u201eAgenten des Kapital-Eigentums\u201c) diktatorisch \u00fcber die herrschende Klasse der \u201eAgenten des Kapitals als Funktion\u201c als auch \u00fcber die Volksmassen aus\u00fcbt. (Funktionsteilung des Gesamtkapitalisten, Anlehnung an Marx!)<\/p>\n<p>Anders als bei der Darstellung der Konstituierung der Arbeiterklasse verf\u00e4hrt Bettelheim hier viel analytischer und beschreibt klarer die rationalen Hintergr\u00fcnde f\u00fcr dieses Klassenkonstrukt. Demnach waren es die historischen Umst\u00e4nde in der SU, die es n\u00f6tig machten, die Einheit der herrschenden Klasse mittels Terror und Zwang herzustellen; Privilegien reichten nicht aus, die zentrale Planwirtschaft schuf diese Einheit auch nicht im Selbstlauf. Es brauchte eine politische zentrale F\u00fchrung, die die Widerspr\u00fcche der Interessen innerhalb der herrschenden Funktionsklasse tilgt.<\/p>\n<p>Ein spannendes Buch, das eine F\u00fclle von empirischen Daten \u00fcber die Wirtschaft, die Lebenslage der Arbeiter und Bauern, die politischen Auseinandersetzungen in den 1930er-Jahren in der SU enth\u00e4lt. Ein Buch, das zur Diskussion anregt und an dem Mensch nicht vorbeikommt, wenn er oder sie sich im n\u00e4chsten Jahr in die Frage einmischen will: Was war die Oktoberrevolution in Russland?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Zwei Widerspr\u00fcche, die in der Diskussion zu meinem Beitrag ge\u00e4u\u00dfert wurden, und ein paar Gedanken im Nachhinein<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Zu meinem gro\u00dfen Erstaunen wurde von mehreren Diskutant\/innen Bettelheims Einordnung der russischen Revolution als \u201ekapitalistische Revolution\u201c nicht so verstanden oder wenig interessant und bedeutend gefunden; einige lehnten diese Auffassung mit Bezug auf den anf\u00e4nglich sozialistischen Charakter ganz ab. Ein Diskutant machte den Vorschlag, den zwar b\u00fcrgerlichen, aber nicht kapitalistischen, Charakter der Oktoberrevolution zu betonen. Aber zu einer wirklichen Diskussion kam es nicht. Das verwundert mich sehr, denn wenn man Bettelheim folgt, dann wurde 1.) 1917 in der UdSSR nicht das \u201eJahrhundert der Extreme\u201c eingeleitet, sondern das Jahrhundert, in dem der Kapitalismus sich in bisher v\u00f6llig unbekannten Formen entwickelte, die einige gemeinsame Merkmale haben. Und 2.) enth\u00e4lt seine Auffassung die \u201eBotschaft\u201c, dass 1917 weder die Bauernaufst\u00e4nde, noch die Sowjets eine sozialistische Perspektive erm\u00f6glicht h\u00e4tten. Nach seiner Auffassung waren sie Teil eines pluralen, kapitalistisch-revolution\u00e4ren Prozesses, bei dem sich der von den Bolschewiki favorisierte Weg durchgesetzt hat. Bettelheim diskutiert nicht, ob eine andere Variante sich h\u00e4tte durchsetzen k\u00f6nnen, warum sie es nicht tat und ob mit ihr ein \u201ebesserer\u201c Weg der Klassenbildung eingeschlagen worden w\u00e4re? Ist das heute nicht eine Diskussion wert?<\/p>\n<p>Folgt man Bettelheim, so h\u00e4tte das f\u00fcr unsere Bewertung aktueller Revolutionen und Bewegungen entscheidende Konsequenzen: Wir m\u00fcssten n\u00e4mlich genau gucken, ob es sich um emanzipatorische Bewegungen \u201ezum\u201c oder \u201eim\u201c Kapitalismus handelt oder um Bewegungen, die \u00fcber kapitalistische Verh\u00e4ltnisse hinausweisen. Anders gesagt: Wenn wir Bettelheims Vorschlag folgen, gelingt es uns vielleicht, nicht immer gleich sozialistische Bewegungen dort entdecken zu wollen, wo es sie gar nicht gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der zweite heftige Widerspruch wurde ge\u00e4u\u00dfert, weil ich f\u00fcr die Zeit der Stalin\u00b4schen Revolution einige positive Entwicklungsmomente annehme. Das ist eine sehr grunds\u00e4tzliche Problematik und h\u00e4ngt davon ab, ob Mensch \u00fcberhaupt Entwicklung respektive \u201ewiderspr\u00fcchlichen\u201c Fortschritt in der Geschichte sieht. Im Zusammenhang mit Bettelheim habe ich kritisch angemerkt, dass er, wenn er diese Momente nicht ber\u00fccksichtigt, auch keine ausreichende Erkl\u00e4rung daf\u00fcr findet, warum sich nicht nur international eine derartige Begeisterung f\u00fcr die sowjetische Entwicklung breitmachen konnte.<\/p>\n<p>Meine Erfahrung mit der Aufarbeitung der DDR hat mir rasch gezeigt, dass ich mit der ausschlie\u00dflichen Darstellung von Diktatur und Repression weder dem Herrschaftssystem, noch den Erfahrungen der Menschen gerecht werde. Anders als die Totalitarismusforschung, kommt man mit der Sozialgeschichte als Methode den verschiedensten Seiten dieses Herrschaftstyps weitaus n\u00e4her, und dazu geh\u00f6rt es auch, seine \u201eModernit\u00e4t\u201c zu begreifen. Aber vielleicht ist auch das eine ausf\u00fchrliche Diskussion wert? Bettelheim sei Dank!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Renate H\u00fcrtgen<\/p>\n<p>Berlin, 12.12.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leicht \u00fcberarbeitete Fassung des Beitrags von Renate H\u00fcrtgen, einschlie\u00dflich einiger Anmerkungen der Autorin zur Diskussion Es ist nicht genug zu w\u00fcrdigen, dass Bettelheim seinen eigenen&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[37],"tags":[],"class_list":["post-999","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-klassenkaempfe-in-der-udssr"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/999","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=999"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/999\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8021,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/999\/revisions\/8021"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=999"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=999"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=999"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}