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“Der Freitag” vom 08.04.2011

Erinnerung an die Kommune von Kronstadt
Am 16.März jährte sich in diesem Jahr zum 90ten Mal die Niederschlagung des Arbeiter- und Matrosenaufstands von Kronstadt. Das Datum wurde kaum beachtet, obwohl es lange Jahre für viele Linke eine Zäsur in ihrer Einschätzung der Sowjetunion darstellte. Auch für den in Frankfurt/Main lebenden Filmemacher und Buchautor Klaus Gietinger bedeuten die Ereignisse von Kronstadt den „point of retourn der russischen Revolution“. Der Berliner Verlag „Die Buchmacherei“ hat seine historische Darstellung der Vorgeschichte, des Verlaufs und des Endes des Kronstädter Aufstandes, die er 1997 in einer mehrteiligen Serie in der jungen Welt veröffentlicht hat, zum Jahrestag als Buch veröffentlicht. Es ist ein löbliches Unterfangen, schon wegen der historischen Amnesie, die es dazu auch in linken Kreisen gibt. In seiner Darstellung weist der Autor die sowohl von Anhängern Stalins als Trotzkis verbreiteten Behauptungen zurück, dass der Aufstand von Zaristen und Konterrevolutionären zu verantworten sind. Die Erhebung war vielmehr das Ergebnis der Unzufriedenheit über die ökonomische Situation und den beginnenden Bürokratismus in der jungen Sowjetunion. Im Grunde forderte die aufständische Kommune etwas, was die Bolschewiki nur wenig später gezwungenermaßen nachvollzogen, den Übergang vom Kriegskommunismus zur Neuen ökonomischen Politik. Später von den Bolschewiki als Ultralinks verurteilte Konzepte, wie die sofortige Abschaffung des Geldes als Zahlungsmittel, wurden auch von den Kronstädtern abgelehnt. Gietinger macht deutlich, dass die Kronstädter eine wesentliche Rolle in den russischen Aufständen seit 1905 gespielt haben und es daher umso verhängnisvoller war, dass die Bolschewiki diesen Protest aus den eigenen Reihen als konterrevolutionär brandmarkten und niederschlugen. Es war kein Zufall, dass fast zeitgleich das parteiinterne Fraktionsverbot beschlossen wurde. Hier zeigt Gietinger überzeugend den Beginn der Verstaatlichung der Bolschewiki auf. Umso verhängnisvoller, dass Vermittlungsversuche, die es auch aus den Reihen der Bolschewiki gab, nicht aufgegriffen wurden. Hier hätte der Autor auch auf die politischen Fehler auf Seiten der Kronstädter stärker herausarbeiten können. So waren sie wenig kompromissbereit, weil sie die der Illusion aufsaßen, international unterstützte Vorreiter einer Dritten Revolution in der SU zu sein. Auch manche Einschätzung in Gietingers Arbeit ist historisch fraglich, beispielsweise, dass Lenin von Rosa Luxemburg spätestens seit 1911 nichts mehr hielt oder der Vergleich Lenins mit Noske. Auch das Trotzki die russische Bauernschaft hasste, kann zumindest aus dessen Schriften nicht begründet werden. In einen zuerst bei Konkret veröffentlichten Aufsatz über die Einschätzung zur Bauernfrage bei Karl Marx im Allgemeinen und zur russischen Dorfgemeinschaft Mir im Besonderen geht Gietinger dagegen sehr gründlich auf die theoretischen Fragen ein, die die Ursache für die Landwirtschaftspolitik der Bolschewiki waren, die eben nicht mit Hass auf die Bauern erklärt werden kann. Im letzten Aufsatz, der ebenfalls zuerst in der jungen Welt veröffentlicht war, setzt sich der Autor mit dem „Schwarzbuch des Kommunismus“ auseinander, in dem die Sowjetunion als Mörderischer als den Nationalsozialismus dargestellt wurde. „Jeder, der …. (P.N.) von einer gerechten Gesellschaft träumt oder in irgendeiner Weise wagt, von Revolution zu sprechen, wird so gleichzeitig zum Mitschuldigen am „roten Holocaust“ gemacht“, benennt Gietinger präzise die Funktion dieses „Schwarzbuches für Weisswäscher“.

Peter Nowak


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