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“Express” 05/ 2017

Klassenherrschaft im Sozialismus

Warum es sich gerade heute lohnt, »Die Klassenkämpfe in der UdSSR« von Charles Bettelheim zu lesen – von Renate Hürtgen

Auch 2017, im Jubiläumsjahr der russischen Revolution, wird der mediale Mainstream – mal mehr, mal weniger platt – den Beweis antreten wollen, dass das blutige Experiment Kommunismus scheitern musste, nicht nur, weil es dem sehr viel effektiveren und demokratischeren westlichen Kapitalismus unterlegen war, sondern vor allem, weil die Menschheitsgeschichte auch zukünftig keine bessere Welt als diese kenne. Nichts bleibt, lautet dann das Fazit. Und wieder stehen Linke vor dem Dilemma, diesen Siegeranspruch zurückweisen zu wollen, ohne dabei Gewalt und Terror, Unterdrückung und Ausbeutung in den Gesellschaften, die sich als sozialistische Alternative zum Kapitalismus verstanden, zu leugnen.

Zahlreiche Diskussionen von Linken zeigen, dass sie zwar klare, unmissverständliche Positionen einnehmen, wenn es darum geht, die Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen des heutigen Kapitalismus zu benennen; bei der Betrachtung der DDR und anderer »sozialistischer« Staaten verschwindet der Klassenstandpunkt dagegen häufig bis zur Unkenntlichkeit. Es scheint immer noch schwierig zu sein, deren Herrschaftscharakter aus linker Perspektive aufzudecken, d.h. aus Sicht der unterdrückten Klassen und ihrer Emanzipation, aus Sicht der Befreiung der Lohnabhängigen vom »realen Sozialismus«.

Die sozialistische, antistalinistische, marxistische Linke hat einen langen Lernprozess zurücklegen müssen, bis sie ihren »Klassenstandpunkt« gefunden hatte und eine substantielle Kritik an den Verhältnissen in der Sowjetunion und in den anderen »nachrevolutionären Gesellschaften«1 formulieren konnte. Ein Meilenstein auf diesem schweren Weg der Erkenntnis war das 1982/1983 veröffentlichte Buch von Charles Bettelheim »Die Klassenkämpfe in der UdSSR«, das 2016 im Verlag Die Buchmacherei erstmals in deutscher Sprache erschien.2 Bettelheim, im letzten Jahrhundert führender marxistischer Ökonom in Frankreich, beschreibt darin, wie sich die Klassen in den 1930er Jahren in der Sowjetunion unter Stalin mit Repression, Gewalt und Terror konstituierten. Den ersten Teil, jetzt als Band 3 erschienen, widmet er den »Beherrschten«, den Bauern, den Arbeitern, der Repression und dem Massenterror, der sie trifft, der Kapitalakkumulation und ihren Krisen, deren Opfer die neuen unterdrückten Klassen wurden. Der vierte Band (Teil 2) behandelt die »Herrschenden«, die historischen Bedingungen ihres Entstehens, ihre sich wandelnde Ideologie, die Funktions- und Lebensweise der neuen Klasse und die maßgeblichen Rolle der Partei.

Der schwere Weg der Erkenntnis

Man kann das vor über 35 Jahren erschienene Buch von Charles Bettelheim nicht vorstellen, ohne die »Vorgeschichte« seines darin entwickelten Standpunktes zur Natur der sowjetischen Gesellschaft zu erwähnen. Als marxistischer Ökonom, als kritischer Beobachter der Situation in der SU der 1930er Jahre, als erfahrener Wirtschaftsberater in Kuba und Algerien sowie als Kenner der Entwicklungen in China und Jugoslawien hatte er bereits in den 1960er und 1970er Jahren in verschiedenen Diskussionszusammenhängen marxistischer ÖkonomInnen, HistorikerInnen und PhilosophInnen eine maßgebliche Rolle gespielt. Seine Beiträge dokumentieren zudem einen erstaunlichen Lernprozess. In nur wenigen Jahren änderte Bettelheim sein Analysekonzept: von einer zunächst sehr technokratischen, ökonomistischen Erklärung der »Natur der sozialistischen Gesellschaften« zu einer in der Tradition Marxscher Gesellschaftsanalyse stehenden Kritik an den Klassen- und Herrschaftsbeziehungen in diesen Ländern; von der Hoffnung auf eine sich im Übergang zum Sozialismus befindende Gesellschaft zur Erkenntnis, dass sich mit den Revolutionen im Osten von Anbeginn keine sozialistische Perspektive verband; von der Auseinandersetzung mit Stalinscher Ideologie zu einer historisch-soziologischen Beschreibung der Entstehung von Herrschaftsbeziehungen unter seiner Regentschaft. Bettelheim korrigiert sich permanent, lernt offensichtlich aus seiner praktischen Tätigkeit als Berater und Beobachter der Entwicklung in diesen Ländern.

Zwischen 1964 und 1969 fand in der US-Zeitschrift Monthly Review eine Diskussion zwischen marxistischen Ökonomen aus dem Westen statt.3 Anlass gaben ihnen die in dieser Zeit in der Sowjetunion, in Ungarn, der CSSR und auch in der DDR stattfindenden Wirtschaftsreformen; in der DDR als »Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft« (NÖS) bekannt. Diese Reformpraxen und »neuen Wirtschaftskurse« lösten unter linken Ökonomen eine breite Diskussion über die Frage aus, ob damit der eingeschlagene Weg des »Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus« noch seine Richtung behalten würde oder ob sich nicht vielmehr mit der Einführung von Profitabilitätskriterien und der Betonung »materieller Anreize« für die Leistungssteigerung der ArbeiterInnen eine Revision des sozialistischen Weges und die »Rückkehr zum Kapitalismus« verbinden würden. Es war zugleich die Frage nach der Rolle von Plan und Markt, von Staat und Wirtschaft, von Überbau und Basis in einer sozialistischen Gesellschaft. Charles Bettelheim, Paul M. Sweezy und Ernest Mandel bildeten jene Gruppe unter den Diskutanten, die sich in der Ablehnung der Wirtschaftsreformen als »revisionistisch« einig waren; nur in der Begründung gingen ihre Auffassungen auseinander.

Der erste Beitrag von Bettelheim erschien im April 1965 in der Monthly Review. Darin wandte er sich gegen eine »abstrakte« Kritik an der Einführung von Marktmechanismen, wie sie seines Erachtens von Sweezy u.a. vorgebracht wurde, die im NÖS eine Verletzung sozialistischer Prinzipien sahen. Bettelheim hielt dagegen, dass die Orientierung am Markt und seinen Mechanismen nicht notwendig zu einer revisionistischen Politik führen müsse, wenn denn »die Planung auf die konkreten Bedürfnisse sowohl der individuellen Konsumenten als auch der Staatsunternehmen« gerichtet sei.4 Wie man mit einem bedarfsgerechten Plan die Gesetze des Marktes sozialistisch gestalten könne, hatte Bettelheim 1966 in seinem Quasi-Lehrbuch »Theorie und Praxis sozialistischer Planung«5 beschrieben. Dort wie in seinem ersten Beitrag in der Monthly Review geht sein Vorschlag dahin, die Gefahren einer markt- und gewinnorientierten Produktion mittels theoretischer Analysen und einer klugen Planung abzuwenden.6

Vier Jahre später erschien ein weiterer Beitrag von Bettelheim in der Monthly Review, in dem er sich wiederum mit Sweezys Auffassung auseinandersetzte, der die Einführung von Marktmechanismen in den Übergangsgesellschaften ursächlich für deren Abkehr von einem sozialistischen Entwicklungsweg hielt. Doch jetzt argumentierte Bettelheim anders als in seinem Beitrag von 1965. Die Existenz von Markt, Geld und Preisen, von Waren, auch die Bedeutung von materiellen Anreizen in den Ländern des »Übergangs« seien nichts als »Oberflächenerscheinungen« eines anderen, wesentlicheren Prozesses. In diesen Ländern habe nämlich inzwischen »das Proletariat (das sowjetische oder das tschechische) seine Macht an eine neue Bourgeoisie verloren«.7 Ein neues Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis sei entstanden, ein grundlegend anderes »soziales Gebilde« mit neuen Klassenbeziehungen. Die von Sweezy und anderen kritisierten Marktmechanismen seien lediglich sekundäre Erscheinungen, eine Folge dieser entstandenen Macht- und Klassenbeziehungen, also Ausdruck und nicht Ursache der beobachteten Entwicklung. Bettelheim warnt Sweezy davor, sich irrtümlich »mit diesem Index zu begnügen – ohne die Bewegung der Widersprüche zu beleuchten, die diese Entwicklung bestimmen«.8 Die damals heftig diskutierte Frage, ob die eingeführten Marktmechanismen eine kapitalistische Revision anzeigten oder aber als notwendiger Bestandteil auf dem Weg in eine sozialistische Gesellschaft angesehen werden sollten, lasse sich, so Bettelheim, erst entscheiden, wenn man die grundlegenden neuen sozialen Beziehungen, die Eigentumsbeziehungen, d.h. die Klassenbeziehungen analysiert habe.9

Die Gesellschaften des Ostens als neue Klassengesellschaften zu betrachten, war ein entscheidender Schritt zur Analyse der Klassenkämpfe in der UdSSR, wie er sie dann zu Beginn der 1980er Jahre vornahm. Zum Zeitpunkt des Beitrags in der Monthly Review ging Bettelheim noch von einer möglichen »Übergangsgesellschaft« zum Sozialismus aus, in der der Markt eine berechtigte Funktion haben würde, allerdings nur dann, wenn sich keine neuen Herrschaftsbeziehungen etablieren könnten. Einige Jahre später waren diese Hoffnungen weitgehend verflogen. 1977 war Bettelheim, neben den RedakteurInnen von Il Manifesto, Mitorganisator und Teilnehmer einer Tagung in Venedig, auf der sich kritische KommunistInnen, SozialistInnen und sonstige MarxistInnen aus Ost- und Westeuropa trafen, um sich über Herrschaft und Herrschaftsausübung in den »nachrevolutionären Gesellschaften« auszutauschen. 10 Die TeilnehmerInnen aus dem Osten, darunter GewerkschafterInnen, gingen mehrheitlich von einer Lohnarbeiterschaft in ihren Ländern aus, die in einer dem Kapitalismus vergleichbaren Lage sei.11 Bettelheim hatte inzwischen ja eigene Erfahrungen in Kuba und China gemacht, so dass ihn die eindrucksvollen Schilderungen der Lage der ArbeiterInnen in diesen Ländern wohl nur hatten bestätigen können. In seinem Beitrag auf dieser Tagung 1977 entwickelte Bettelheim seine Kritik an der verbreiteten These, dass die juristische Abschaffung des Privateigentums in den »nachrevolutionären« Gesellschaften auch Klassen und Ausbeutung beseitigt habe. Das sei falsch. Vielmehr müsse man mit Marx davon ausgehen, dass Staatseigentum kein vergesellschaftetes und damit auch kein sozialistisches Eigentum sei. Damit hatte sich Bettelheim das theoretische Rüstzeug geschaffen, die Machtübernahme der Bolschewiki 1917, die eben jenes Verständnis von einer Verstaatlichung hatten, nicht als Beginn eines sozialistischen Entwicklungsweges zu begreifen.

Die Entstehung der unterdrückten Klassen …

Nur kurze Zeit nach dieser Tagung europäischer Linker muss Bettelheim mit der Niederschrift seines Buches »Die Klassenkämpfe in der UdSSR. Dritte Periode: 1930-1941«12, begonnen haben. Unter »Klassenkampf« versteht er hier den Konstituierungsprozess einer neuen Ausgebeuteten- und einer neuen Ausbeuterklasse. Anders gesagt: Er beschreibt die subjektive Seite der Entstehung eines neuen ökonomischen Verhältnisses in der Sowjetunion der 1930er Jahre.

Im ersten Teil wird dieser Prozess für die »Beherrschten« analysiert: Die Vernichtung der Einzelbauernwirtschaft, das »Bauernlegen«, wie Marx es in der Darstellung der ursprünglichen Akkumulation nennt, und ihre »Umwandlung« in die neuen LohnarbeiterInnen der Fabriken und auf dem Land. Zwangskollektivierungen in Kolchosen und Sowchosen und die brutale Militarisierung bei der Errichtung des Fabriksystems (Fabrikdespotie) seien mit Hungersnöten auf dem Land und elenden Bedingungen in den Städten einhergegangen. Soweit also der ursprünglichen Akkumulation im England des 16. Jahrhunderts nicht unähnlich.

Die gewaltsame soziale Umstrukturierung in der Sowjetunion der 1930er Jahre hatte jedoch einen besonderen Charakter, sie wurde staatlich organisiert. Der Massenterror (»Krieg gegen die Bauern«) und die Zwangsarbeit, darunter die Sträflings- und »Lagerarbeit«, waren staatlich organisierte Akkumulationsprozesse. Die Arbeitslager, namentlich im Bergbau, in der Schwerindustrie, der Forstwirtschaft und auf dem Bau waren für den Staat wichtige Produktionsstätten und wurden bald ein entscheidender Bestandteil der staatlich gesteuerten Gesamtproduktion. Aber auch Forschung und Entwicklung bekamen in speziell für Fachleute eingerichteten Gefängnislagern – den berüchtigten Scharaga – Zwangscharakter. Auch außerhalb der Arbeitslager waren die Arbeitsbedingungen autoritär und inquisitorisch; Gewerkschaften wurden zum Teil des Staats- und Herrschaftsapparats, das Arbeitsgesetzbuch wurde zum Strafgesetzbuch umfunktioniert. Die gesellschaftliche Folge: rund 20 Millionen Tote. Die Folgen für die ArbeiterInnen waren – ich sage es in meinen Worten – historisch dramatisch: Die russische Arbeiterklasse verlor den Anschluss an die internationale Arbeiterbewegung und konnte ihn bis heute nicht mehr finden.

Diese auf staatliche Massenrepression und Terror gründende militärische Organisation der Gesellschaft sollte allerdings ihre beabsichtigte Wirkung nicht verfehlen. In nur wenigen Jahren konnte die Produktion, namentlich in der Schwerindustrie, trotz Krisen um bis zu 80 Prozent gesteigert werden; Städte wurden gebaut, ganz neue Industriekomplexe mit der notwendigen Infrastruktur entstanden. Dies alles auf Basis einer gewaltigen extensiven Ausbeutung und geringster Reproduktionskosten menschlicher Arbeitskraft inner- und außerhalb der Lager.13
Bettelheim beschreibt die blutige Entstehungsgeschichte der russischen Arbeiterklasse als ihre große historische Niederlage. Dabei gerät ihm der widersprüchliche Charakter der ursprünglichen Akkumulation aus den Augen, der eben nicht nur Hunger und Elend mit sich brachte, sondern auch zu einer Differenzierung innerhalb der Arbeiterschaft führte, zu einer Arbeiterelite, zur Privilegierung eines Teil der ArbeiterInnen (Stachanowbewegung), sogar zum Aufstieg in die herrschende Klasse. Auch die Bildungs- und Qualifizierungskampagnen von Massen an Bauern und AnalphabetInnen gehört zu den widersprüchlichen Folgen dieser »Entwicklungsdiktatur«. Indem Bettelheim solche Entwicklungsmomente nur am Rande erwähnt, muss er seine Erklärungen, woher die Zustimmung zu diesem System kam, allein auf Angst und eine russisch-nationalistische Ideologie gründen. Das greift zu kurz. In der Realität gab es – wie immer – auch unter den ArbeiterInnen »Gewinner« dieser Industrialisierung.

… und die Entstehung der herrschenden Klasse

Die Konstituierung der herrschenden Klasse war nach Bettelheim ein nicht weniger brutaler Prozess, gleichfalls von Massenrepression und Terror begleitet. Beeindruckend seine Schilderungen des ewigen Wechsels der politischen Linie, mit der Folge einer ständigen Existenzbedrohung für alle, die einen Posten bezogen hatten, von dem sie nach kurzer Zeit »liquidiert« wurden. In diesen Jahrzehnten festigte sich jener untertänige Kadertypus, der seine soziale Stellung mit Willkür und Gewalt verband.14

Die wesentlichen Vorgänge in den 1930er Jahren, die nach Bettelheim am Ende zu einer herrschenden Klasse mit besonderem Aussehen führten, waren: die Schaffung eines neuen Typs von Partei- und anderen Kadern aus den unteren Schichten (was er mit einer Kulturrevolution verbindet); der permanente »Austausch« von Kadern aller Ebenen, um sie den Erfordernissen einer staatlichen Planung, nicht nur der Wirtschaft, anzupassen, und die Ausschaltung aller alten Kader in der Partei, die dem autokratischen Staats- und Parteiaufbau Stalins im Wege standen. Letzteres war so einfach nicht herzustellen – die Oligarchen, wie Bettelheim jene Kader nennt, die sich als führende Gruppe innerhalb des herrschenden Blocks bereits etabliert hatten, wehrten sich gegen diese Alleinherrschaft. Doch am Ende der 1930er Jahre sei eine Herrschaftsstruktur etabliert gewesen, in der ein kleiner Führungskreis diktatorisch die politische Herrschaft (»Agenten des Kapital-Eigentums«) sowohl über die herrschende Klasse der »Agenten des Kapitals als Funktion« als auch über die Volksmassen ausübte. Wer sich mit den politökonomischen Herrschaftspraktiken im »realen Sozialismus« beschäftigt, für den schafft Bettelheim mit seiner Übertragung der Marx‘schen Funktionsteilung des »Gesamtkapitalisten« auf die frühe Sowjetunion eine Reihe von Aha-Erlebnissen.

Anders als bei der Darstellung der Konstituierung der Arbeiterklasse verfährt Bettelheim hier viel analytischer und beschreibt klarer die rationalen Hintergründe für dieses Klassenkonstrukt. Demnach waren es die historischen Umstände in der SU, die es nötig machten, die Einheit der herrschenden Klasse mittels Terror und Zwang herzustellen; Privilegien hätten nicht ausgereicht und die zentrale Planwirtschaft konnte – nach Bettelheim – diese Einheit auch nicht im Selbstlauf herstellen. Es brauchte eine zentrale politische Führung, die die Widersprüche der Interessen innerhalb der herrschenden Funktionsklasse tilgt. In den »Klassenkämpfen in der UdSSR« wird dem staatlichen, respektive dem Handeln der Partei eine entscheidende Bedeutung zugemessen, was angesichts der realen Dominanz des monopolistischen Staatswesens nicht verwundern kann. Seine zentrale Frage nach der staatlichen Organisation einer stabilen Herrschaft in der Sowjetunion weist bereits darauf hin, dass sich Bettelheim methodisch der Regulationstheorie zuwenden wird.15

Wer Bettelheims »Klassenkämpfe in der UdSSR« liest, wird also mit einigen Defiziten zu rechnen haben. Eine »endgültige« historische Einordnung dieser Gesellschaft liefert er nicht, jedoch eine Fülle von empirischem Material, zahlreiche Daten über die Wirtschaft, die Lebenslage der ArbeiterInnen und Bauern, die politischen Auseinandersetzungen in den 1930er Jahren in der SU, die Politik Stalins. Wir verstehen nach der Lektüre den Prozess der Etablierung eines neuen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisses besser. Die »nachrevolutionären Gesellschaften«, die maßgeblich das 20. Jahrhundert geprägt haben, in diese Epoche des Industriekapitalismus einzuordnen, den globalen Stellenwert des Kommunismus zu begreifen, seine spezifischen Entwicklungsmomente, lässt uns Bettelheim jedoch als Aufgabe zurück.16

Renate Hürtgen

Anmerkungen:
1 So nannten 1977 die Teilnehmer einer Tagung die »realsozialistischen Länder«. Vgl. Anm. 11 in diesem Artikel.
2 Im Original: »Les luttes de classes en URSS. 3ème période: 1930-1941«, Édition du Seuil: Paris, Band 1 Les dominés (1982), Band 2 Les dominants (1983)
3 Strotmann, Peter (Hg.): Zur Kritik der Sowjetökonomie. Eine Diskussion marxistischer Ökonomen des Westens über die Wirtschaftsreform in den Ländern Osteuropas«, mit Beiträgen von Bettelheim, Dobb, Foa, Hubermann, Robinson, Mandel, Sweezy u.a., Wagenbach: Berlin 1969
4 Strotmann 1969, S. 51
5 Bettelheim, Charles: »Theorie und Praxis sozialistischer Planung«, deutsche Erstausgabe, Trikont: München 1971
6 Strotmann 1969, S. 59
7 Strotmann 1969, S. 112, im Original kursiv
8 Strotmann 1969, S. 115
9 Strotmann 1969, S. 114
10 Bettelheim, Charles u.a. (Hg.): »Zurückforderung der Zukunft. Macht und Opposition in den nachrevolutionären Gesellschaften«, Suhrkamp: Frankfurt a.M. 1979
11 Aus Ungarn waren Istvan Mészáros angereist, aus Polen Edmund Baluka, Vorsitzender des Streikkomitees auf der Warski-Werft 1971 in Stettin, und Krzysztof Pomians. Die sowjetische Dissidenz vertraten Leonid Pljuschtsch und Boris Weil, die Tschechoslowakei war mit Jirí Pelikán und Ludvik Kavin von der Charta 77 vertreten. Zugegen war Carlos Franqui, ein Anführer der kubanischen Revolution, der nach der positiven Stellungnahme von Castro zur Invasion des Warschauer Pakts 1968 nach Europa emigriert war.
12 Darin die Bände 3 und 4 »Die Klassenkämpfe in der UdSSR«; die 1977 erschienenen Bände 1 und 2 behandeln die Periode 1917 bis 1920
13 Der Ökonom Bettelheim gibt hier eine gute Analyse des Zusammenhangs von Akkumulation und Krise, sinkenden Löhnen, extensiver Ausbeutung, niedriger Arbeitsproduktivität u.a.m. in der SU der 1930er Jahre. Vgl. Bettelheim, Die Klassenkämpfe in der UdSSR, Die Buchmacherei: 2016, S. 261-308
14 Vgl. Alexijewitsch, Swetlana: »Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus«, Hanser: Berlin 2013
15 Bettelheim wurde Direktor des Centre d Ètudes des Modes d´ìndustrialisation, Bernard Chavance, Vertreter der l´economie institutionelle, sein Schüler.
16 Vgl. dazu: Renate Hürtgen, Was für eine Revolution? Was für ein Jahrhundert? Ein Blick auf die Geschichte linker Aufarbeitung, in: Prokla 186. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Westfälisches Dampfboot: Münster 2017, S, 131-144


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