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“Express” Nr. 1-2 / 2018

Geschichte schreiben

Dokumente zur Rolle der Fabrikkomitees in der russischen Revolution zugänglich gemacht – Von Renate Hürtgen*

Nach dem Sturz der Zarenherrschaft im Februar 1917 und der Übernahme der Macht durch eine „Provisorische Regierung“ nahm die Arbeiterbewegung in Russland einen rasanten Aufschwung. Ein „Arbeiterrat“ in Petrograd gab das Vorbild für die legendären Arbeiter- und Soldatenräte, die als proletarische Gegenmacht zur provisorischen Regierung jene „Doppelherrschaft“ begründeten, welche im Oktober 1917 zu ihren Gunsten endete. Neben dem Ausbau dieses auf Stadt-, Bezirks- und Landesebene arbeitenden Rätenetzes begann sich nach dem Februar die russische Gewerkschaftsbewegung zu entwickeln; als im Juni 1917 die Allrussische Gewerkschaftskonferenz zusammentrat, waren bereits 2.000 Gewerkschaften aller Größen, Berufsgruppen und Branchen gegründet.[1]

Eine noch größere Verbreitung als die der Gewerkschaften fand nach der Februarrevolution eine in dieser Art bisher unbekannte betriebliche Arbeitervertretung: die Fabrikkomitees. Vor allem in großen Industriebetrieben, namentlich der Metallindustrie, wählten im April 1917 die Belegschaften hier Fabrik- und Werkkomitees. Deren „Vorgeschichte“ begann 1905, als in den Massenstreiks, neben der Abschaffung unmenschlicher Zustände in den Fabriken und dem Kampf um Brot, auch erste Forderungen nach ständigen Kommissionen von Arbeiterdelegierten erhoben wurden. Die Kampfkraft der russischen Arbeiter reichte jedoch seinerzeit noch nicht so weit, es gelang lediglich, betriebliche Vertretungsorgane wie „Werkstattobleute“ und „Ältestenräte“ in russischen Großbetrieben zu installieren. Betriebliche und überbetriebliche Organisationen einer autonomen Arbeiterbewegung sind in Russland erst im Zuge der Februarrevolution 1917 erkämpft worden.

Wenige Wochen nach dem Sturz der Zarenherrschaft erreichte die Revolution mit der Gründung von Fabrikkomitees auch die Betriebe, wo es nun galt, nach der Zarendespotie die „Despotie der Betriebsleitungen zu beseitigen“ (Friedetzky/Thomann, S. 139). Die Fabrikkomitees waren es auch, die maßgeblich daran beteiligt waren, dass die revolutionären Massenbewegungen den 8-Stunden-Tag, beachtliche Lohnsteigerungen und die Institutionalisierung der Fabrikkomitees erzwangen, mit denen eine verbindliche Grundlage für ihre Arbeit geschaffen wurde.[2] Mehr noch als die Gewerkschaften und die Arbeiter- und Soldatenräte waren die Fabrikkomitees „von unten“ gewählte Vertreterorgane, die in einem sehr viel unmittelbareren Sinne die Interessen und Bedürfnisse der Beschäftigten in den Fabriken zum Ausdruck brachten.

Auf Grund ihrer Nähe zur Basis wurde den Fabrikkomitees in der linken Geschichtsschreibung immer eine besondere Bedeutung zugesprochen: als Organen authentischer Arbeitermacht, als jenem Teil der revolutionären Rätebewegung, in dem sich die Anfänge einer neuen, selbstverwalteten, sozialistischen Produktion zeigen würden. Als Beleg für diese, den Fabrikkomitees zugedachte historische Aufgabe ziehen sich namentlich durch die linke Literatur die immer gleichen Zitate von der geplanten Übernahme der Macht durch die Arbeiterbasis.[3]

Es fällt jedoch auf, dass diese Einschätzung der historischen Rolle der Fabrikkomitees fast ausschließlich auf der Grundlage von Beschlüssen, Statuten, Kongressmaterialien und Zeitzeugenberichten erfolgt, mithin also auf Absichtserklärungen beruht und auf inzwischen selbst in den historischen Kontext zu stellenden Aussagen.[4] Bislang fehlten weitgehend solche Quellen, die etwas über die den Beschlüssen folgenden Taten berichten, Dokumente, mit deren Hilfe sich auf die praktische Arbeit der Fabrikkomitees vor Ort schließen ließe. Diese Lücke ist mit den Sitzungsprotokollen des Fabrikkomitees der Putilow-Werke, die in dem jüngst erschienenen Buch „Aufstieg und Fall der Arbeitermacht in Russland“ von Anita Friedetzky und Rainer Thomann veröffentlicht wurden, kleiner geworden.

Auf 120 Seiten sind hier erstmals Protokolle und Dokumente des im April 1917 gegründeten Fabrikkomitees der Petrograder Putilow-Werke, eines Rüstungsbetriebes mit über 40.000 ArbeiterInnen und Angestellten, auf Deutsch erschienen (Friedetzky/Thomann, S. 509-634). Die HerausgeberInnen haben sich dafür entschieden, die Protokolle dieses Werkes aus dem Russischen zu übersetzen, weil es eine hervorragende Rolle im revolutionären Umbruchprozess gespielt hat und damit exemplarisch für den Charakter dieser betrieblichen Basisorganisationen steht. Tatsächlich war „das Fundstück“, auf dem die Übersetzung von Anita Friedetzky beruht, sehr viel umfangreicher: Ein 1979 in Moskau erschienener Sammelband über „Die Fabrik- und Werkkomitees Petrograds 1917“ sowie ein zweiter Band von 1981 dokumentieren die Sitzungsprotokolle von insgesamt vier Großbetrieben der Stadt.[5] In der sowjetischen und nach 1990 russischen Forschung wurde, wie Anita Friedetzky im Vorwort zu den Dokumenten schreibt, auf diese Veröffentlichungen kein Bezug genommen; in der deutschen vereinzelt auch erst nach 1989. (Vgl. Altrichter 1997, S. 281)

Nun muss die Geschichte der russischen Fabrikkomitees ganz sicher nicht völlig neu erforscht oder umgeschrieben werden. Neu aber ist, dass wir durch die Protokolle zum ersten Mal erfahren, wie deren alltägliche Arbeit aussah, wie sie sich bemühten, in Kriegszeiten die Produktion aufrecht zu halten, wie kompliziert der Kampf um die „Übernahme der Kontrolle“ durch die russischen ArbeiterInnen gewesen war und wie er am Ende des Jahres 1917 ausging. Gerade die Linke und namentlich jene Linke, die aus gutem Grund den Basisbewegungen besondere Aufmerksamkeit schenkt, hat sich all zu oft und zu schnell verführen lassen, die Selbstdarstellungen und Absichtserklärungen für bare Münze zu nehmen und sich nicht die Mühe gemacht, sie von den realen Vorgängen zu unterscheiden – ein Unterschied, auf den auch Rainer Thomann hinweist. (Vgl. Friedetzky/Thomann, S. 144) Mit den Sitzungsprotokollen der Fabrikkomitees von April 1917 bis Oktober 1917 haben wir jetzt eine Grundlage für diese notwendige Arbeit.

 

„Ein Bild unglaublicher Arbeitsfülle“ – Die Protokolle

Da in den Putilow-Werken der Direktor und sein Gehilfe im Zuge der revolutionären Februarereignisse getötet worden, Ingenieure und Angehörige der Administration geflohen oder im Krieg waren, bestanden die ersten Aufgaben der frisch gewählten Mitglieder des Fabrikkomitees darin, dabei zu helfen, die Produktion dieses wichtigen Rüstungsbetriebes in Gang zu halten. Seit ihrer dritten Sitzung am 17. April 1917 beschäftigte sich das Komitee vor allem mit Stillstandszeiten, Rohstofflieferungen, Einstellungen von Soldatenfrauen, aber auch mit Fragen der Entlohnung. In der immer katastrophaler werdenden Versorgungslage spielten die Fabrikkomitees in Zusammenarbeit mit den örtlichen Sowjets in der Region bald eine zentrale Rolle. Im Putilow-Werk gründete das Fabrikkomitee ein „Versorgungskomitee“, kümmerte sich um Material für eine Schule und um den Zustand im Kindergarten. (Vgl. S. 242) Um diesen vielen Aufgaben gerecht zu werden, musste das 20-köpfige Gremium einige Funktionen an zu diesen Zwecken gegründete Kommissionen abgeben. Eine Kultur- und Bildungskommission wurde ins Leben gerufen, eine Lebensmittelkommission, eine Untersuchungskommission, Tarifkommission, eine Kommission, die mit der Auswahl von notwendig gebrauchten Spezialisten betraut wurde, u.a.m. Achtmal hat das Fabrikkomitee der Putilow-Werke allein im April 2017 getagt. Es entsteht ein Bild unglaublicher Arbeitsfülle. Es ist ungemein spannend, von der Arbeit dieser Fabrikkomitees zu erfahren, von den Themen, die sie beschäftigten, und auf diese Weise auch Einblicke in die durchaus kontrovers geführten Selbstverständnisdiskussionen über ihre Rolle bei den bevorstehenden Massenentlassungen oder über den Sinn und die Reichweite von Arbeiterkontrolle zu erhalten. (Vgl. S. 592-596)

Viele Diskussionen in den Sitzungsprotokollen – wie die über die Einführung einer „Tageslohnarbeit“ (S. 542)[6] oder die Einrichtung eines „Tarifbüros“ (S. 519)[7] – erinnern an gewerkschaftliche Forderungen, die nicht nur in der deutschen Arbeiterbewegung gestellt worden waren. Die geplanten „Werkabteilungskomitees“ mit drei bis neun Mitgliedern in Werkstätten mit 100 bis 1.000 Beschäftigten ähneln ebenfalls auf den ersten Blick einer gewerkschaftlichen Vertrauensleutebasis und scheinen damit dem Strukturaufbau von Gewerkschaften vergleichbar. Auf den zweiten Blick sieht man jedoch, dass diesen Abteilungskomitees Funktionen zugewiesen wurden, die das Zuständigkeitsspektrum traditioneller Gewerkschaftsarbeit erheblich erweiterten. Ihre Hauptaufgabe sollte es sein, die „Einhaltung und richtige Organisierung der inneren Ordnung der Werkstatt“ zu gewährleisten und dabei alles „in eine angemessene Richtung für das gesamte Werk zu lenken“ (S. 532) Solche weitgehenden Zuständigkeiten der Fabrikkomitees für das Werkgeschehen und sogar für das Leben (und Überleben) in der Stadt, verweisen darauf, dass es keine andere Kraft gegeben hat, die das durch Krieg und Revolution entstandene Vakuum hätte ausfüllen können. Es scheint so, dass diese Zuständigkeiten auf der betrieblichen Ebene zwischen Gewerkschaft und Fabrikkomitee im Laufe des Jahres 1917 allmählich ineinander übergingen; die Mitglieder der Fabrikkomitees waren in jedem Fall Gewerkschaftsmitglieder, wahrscheinlich auch Funktionäre von Gewerkschaften und Parteien – wobei Funktionen und Parteizugehörigkeit der Komitee-Mitglieder nicht angegeben sind. In künftigen Forschungen sollten die Geschichte der Fabrikkomitees und die der Gewerkschaften nicht mehr getrennt, sondern als zwei Seiten eines Prozesses der Entstehung der russischen Arbeiterbewegung behandelt werden.

 

Gute Gründe, diese Geschichte neu zu begreifen

Aber unterschieden sich die russischen Fabrikkomitees nicht zuallererst und grundsätzlich von Gewerkschaften dadurch, dass mit den Komitees die Fabriken faktisch in den Händen der ArbeiterInnen Russlands lagen oder doch wenigstens mit ihnen eine „organisatorische Form im Kampf um die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel“ (S. 140) geschaffen worden war? In den oft zitierten Beschlüssen und Statuten sind tatsächlich weitreichende Befugnisse formuliert, die in Richtung einer umfassenden Arbeiterkontrolle weisen. (Vgl. S. 143) In den Protokollen des Fabrikkomitees finden sich jedoch keine Hinweise darauf. Im Rahmen der hier dokumentierten Tätigkeit des Fabrikkomitees beschränkte sich diese Kontrollfunktion darauf, Anfragen an die Administration zu richten (vgl. S. 518), Bitten und Vorschläge an die Direktion zu übermitteln (vgl. S. 527), einen Vertreter des Fabrikkomitees ins Einstellungsbüro zwecks „Überwachung der Einstellung von Arbeitern“ abzukommandieren oder mit der Administration über die Produktion landwirtschaftlicher Geräte zu verhandeln. (Vgl. S. 522 u. 598) Wenn die Kräfteverhältnisse entsprechend waren, hatten solche Vorschläge wohl durchaus reale Chancen; doch die „endgültige Entscheidung“ blieb immer noch der Direktion vorbehalten.[8] Die in den Protokollen des Putilow-Fabrikkomitees veröffentlichte Selbstverständnisdiskussion über den Sinn und die Gefahren von Arbeiterkontrolle, als Fabrikkomitee damit Unternehmerfunktionen wahrnehmen zu müssen, lässt den Schluss zu, dass hier bisher keine Übernahme der Produktion erfolgt war. (Vgl. S. 626-630) Wahrscheinlich lässt sich die Machtverteilung in den Betrieben bis zum Oktober 2017 ähnlich wie im ganzen Land richtiger als „Doppelherrschaft“ denn als Übernahme der Macht durch die Arbeiter beschreiben. „So eine Situation schafft nur eine Doppelherrschaft im Werk: der Direktor und das Treffen“, schreibt ein Fabrikkomitee-Mitglied. (S. 611)

Auch wenn einige Funktionen der Fabrikkomitees weit über die einer traditionellen gewerkschaftlichen Interessenvertretung hinausgingen: Selbstverwaltungsorgane, die die Produktion in die Hände von Arbeitern legten – wie in der linken Geschichtsschreibung gern behauptet – waren die russischen Fabrikkomitees jedoch nicht.[9] Sie trieben die politischen Akteure aller Parteien an, brachten die Interessen namentlich der Fabrikarbeiterschaft nach Verbesserung ihrer Lage ein und waren zweifelsohne entscheidende Motoren der russischen Revolution.[10] Ob das auf den Betrieb konzentrierte Modell der Arbeiterkontrolle tatsächlich eine die Gesellschaft umwälzende Zukunft gehabt hätte, scheint mir angesichts der neuen Quellenlage fraglich. Ich bin sehr gespannt darauf, wie andere diese Texte lesen und zu welchen Schlüssen sie kommen. Eine offene, im besten Sinne objektive Diskussion ist mit den vorliegenden Protokollen nun möglich.

 

Die Rolle der Fabrikkomitees nach der Oktoberrevolution

Es stellt sich allerdings die Frage, ob nach der Oktoberrevolution und mit dem Ende der „Doppelherrschaft“ in Russland die Fabrikkomitees nun die ihnen zugeschriebene Funktion der Übernahme der Produktion wenigstens in Ansätzen realisieren konnten? Tatsächlich änderte sich mit dem Sturz der Provisorischen Regierung das Kräfteverhältnis zugunsten der Fabrikkomitees, denen die Aufgabe zufiel, die Nationalisierung der Betriebe voranzutreiben. Mit dem Dekret über die Arbeiterkontrolle, den Richtlinien und Statuten, die am Ende des Jahres 1917 den in über 800 Betrieben mit ca. 200.000 Beschäftigten arbeitenden Fabrikkomitees eine gesellschaftliche Legitimität gaben, wuchs deren Macht erheblich an.[11] Aber was bedeutete dieser Machtzuwachs tatsächlich? Wie sah die „Arbeiterkontrolle“ in dieser Hochzeit der Fabrikkomitees zwischen November 1917 und März 1918 konkret aus?

Bemerkenswerterweise sind in den 1979/81 in der Sowjetunion herausgegebenen Protokollbänden keine Sitzungsprotokolle für diese Zeit enthalten. Und der Beitrag von Rainer Thomann im vorliegenden Buch, der sich auf das Jahr 1917 konzentriert, kann bei seiner Darstellung der Zeit nach der Oktoberrevolution nur auf Sekundärliteratur zurückgreifen. Danach entsteht der Eindruck, dass sich die Lage in jedem Betrieb anders darstellte und die Ausführung der „Arbeitermacht“ von einem „sozialpartnerschaftlichen“ Miteinander über offene Konflikte mit der Betriebsleitung bis zur Übernahme der wegen Materialmangels immer häufiger still liegenden Betriebe durch das Fabrikkomitee reichte. (Vgl. S. 350) Tatsächlich wurde die wirtschaftliche Situation immer katastrophaler, was in der Realität hieß, dass die Arbeiter in der Regel einen Betrieb übernahmen, dessen Überleben am Ende nicht gesichert werden konnte. Hinzu kam, dass bereits im November 1917 eine Diskussion darüber begann, welche gesellschaftlichen Funktionen die Fabrikkomitees, Gewerkschaften und der inzwischen gegründete Oberste Volkswirtschaftsrat jeweils übernehmen sollten. Im Januar 1918 wurde die Rolle der Fabrikkomitees als Organe der Gewerkschaften und damit auch ihre Unterordnung unter deren Kontrolle beschlossen; zeitgleich war ein Gesamtrussischer Rat für Arbeiterkontrolle gebildet worden, der ebenfalls die unabhängige Arbeit der betrieblichen Basiskomitees einschränkte. (Vgl. S. 341-351) Wie aber sah angesichts dieser „Beschlusslage“ die Arbeit der Fabrikkomitees nun praktisch aus? Wer führte die den Arbeitern zugeschriebene Nationalisierung der Fabriken durch bzw. welche Organe waren noch daran beteiligt? Haben die Fabrikkomitees sich gegen ihre „Entmachtung“ durch die Gewerkschaften gewehrt?

Im Anschluss an eine Vorstellung des Buches „Aufstieg und Fall der Arbeitermacht in Russland“ am 3. Februar in Berlin waren sich die DiskutantInnen darin einig, dass die genauen Vorgänge in den russischen Fabriken dieser Zeit und die tatsächliche Rolle der Fabrikkomitees weitgehend unbekannt sind. Würden sich in den russischen Archiven Sitzungsprotokolle von 1918 finden, kämen wir vielleicht einer Antwort auf die Fragen danach näher, welche Rolle die Fabrikkomitees in der russischen Revolution vor und nach dem Oktober 1917 tatsächlich gespielt haben. Das ist keine ganz unwichtige Frage, denn mit der Bestimmung des Charakters der Fabrikräte steht und fällt die Einschätzung des Charakters der ganzen russischen Revolution als antikapitalistisch-sozialistische Bewegung.

Es ist zum einen das Verdienst des Buches, uns einen Teil dieser Dokumente zugänglich gemacht zu haben; zum anderen, dass es eine Darstellung der russischen Revolution im Jahre 1917 enthält, die nicht, wie immer noch verbreitet, als Parteien- oder Strömungsgeschichte, sondern als – im besten Sinne – Geschichte „von unten“ geschrieben ist. Rainer Thomann gelingt es mit seinem Text, alte Gewissheiten oder Annahmen und sogar linke Mythen – wie die der Rolle der Bolschewistischen Partei als Unterdrückerin der Fabrikkomitees – infrage zu stellen. (Vgl. S. 457) Seine präzise Darstellung der Vorgänge auf dem Ersten Gesamtrussischen Gewerkschaftskongress im Januar 1918 zeigt, wie die Konfliktlinien tatsächlich verliefen, und dass nicht nur die Bolschewiki eine Unterordnung der Räte unter die Gewerkschaften anstrebten. (Vgl. S. 351-364) Was hat also die betriebliche Rätebewegung tatsächlich zu Fall gebracht? Warum konnten die Akteure den eingeschlagenen Weg ihrer Emanzipation nicht fortsetzen? Für Rainer Thomann liegt eine zentrale Erklärung im Klassengegensatz zwischen der Arbeiterbasis und den Funktionären der Parteien, die auch die Arbeiter- und Soldatenräte dominiert hätten. Mir scheint, diese Erklärung greift nicht nur zu kurz, sie geht auch in eine falsche Richtung. Dem Autor scheint selbst aufgefallen zu sein, dass mit dieser Deutung der Geschichte der Stein der Weisen noch nicht gefunden wurde, und er regt zu weiteren notwendigen Forschungen an. (Vgl. S. 453) Eine solche Haltung, die zum Weiterdenken auffordert, macht das Buch doppelt lesenswert. Ich würde es zur Pflichtlektüre namentlich aller Bewegungslinken machen.

* Renate Hürtgen, Historikerin und im Arbeitskreis Geschichte sozialer Bewegungen Ost West aktiv

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[1] Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, mitunter hätten diese neuen Gewerkschaften nur aus wenigen Personen bestanden, wie Helmut Altrichter schreibt (vgl. Helmut Altrichter: „Russland 1917. Das Jahr der Revolution“, Zürich 1997, S. 282)
[2] Dies alles tatsächlich Realität werden zu lassen, war das Ergebnis harter politischer Auseinandersetzungen mit den Unternehmen, namentlich der Privatbetriebe, aber auch mit der Provisorischen Regierung, die eher halbherzig die Forderungen durchsetzen half.
[3] Vgl. Yvonne Hermann (1975): „Demokratie und Selbstbestimmung im Konzept der russischen Oktoberrevolution“, Gaiganz, S. 88ff.
[4] Vgl. A.M. Pankratowa (1976): „Fabrikräte in Russland. Der Kampf um die sozialistische Fabrik“, deutsche Erstausgabe, Frankfurt a.M. (Moskau 1923).
[5] Im vorliegenden Buch sind auf S. 471-506 auch die jeweiligen Vorworte der sowjetischen Ausgaben von 1979 und 1981 ins Deutsche übersetzt. Ihr Erkenntniswert ist jedoch zweifelhaft, da sie nicht historisch-kritisch kommentiert werden.
[6] Es ging um die Frage des Zeitlohns im Gegensatz zum Stücklohn. „Akkord ist Mord!“ war eine Losung der Arbeiterbewegung nicht nur in Russland gewesen.
[7] Tarifverhandlungen gab es im Sommer 1917 in Russland nicht. Und da sich schon wenige Monate später die Gewerkschaft wie in allen staatssozialistischen Ländern zu einer Staatsgewerkschaft entwickelte, muss rückblickend festgestellt werden, dass die Arbeiterklasse in Russland und der SU bis 1990 keine organisierten autonomen Streik- und Tarifkämpfe erlebt hat. Diese fehlende Arbeiterbewegungstradition muss bei der Einschätzung der aktuellen Situation in Russland immer mit gedacht werden.
[8] Dass eine Arbeiterkontrolle wie beabsichtigt im September 1917 noch immer nicht Realität geworden war, machen die internen Auseinandersetzungen darüber deutlich, ob sich das Fabrikkomitee der Putilow-Werke an den vom Unternehmen beabsichtigten Massenentlassungen beteiligen sollte. „Kontrolle über die Produktion bei gleichzeitiger Pflicht, die Interessen des Werks zu wahren“, fasst Thomann den Konflikt, vor dem das FK stand, zusammen. Ebd., S. 263.
[9] Thomann verweist darauf, dass der tendenziell betriebsegoistischen Bewegung der gesellschaftliche Zusammenhang fehlte, um tatsächlich eine relevante gesellschaftliche Kraft zu werden; zudem hätten sie zwar die Arbeiterkontrolle im Betrieb gefordert, jedoch nie die formal-juristische Eigentumsfrage gestellt. Vgl. ebd., S. 155
[10] Ein Arbeiter sagte auf der Petersburger Konferenz der Fabrikkomitees am 10. September 1917:„Alle Parteien, die Bolschewiki nicht ausgeschlossen, versprechen den Arbeitern das Himmelreich auf Erden in hundert Jahren … Wir brauchen Veränderungen nicht erst in hundert Jahren, sondern jetzt sofort.“ Ebd., S. 246. Thomann zitiert A.M. Pankratowa 1976
[11] Das war lediglich ein Bruchteil der über 9.500 Betriebe mit dreieinhalb Millionen Beschäftigten in ganz Russland. Vgl. ebd., S. 348 und 248


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