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“Neues Deutschland” v. 17. 10. 2018

Hinter »Märtyrern« verschwundene Erinnerungen

von Nelli Tügel

Erstmals liegt ein Überblickswerk zur linken Geschichte der Türkei vor. Und siehe da: Sie ist auch eine Teilgeschichte der Linken in Deutschland.

Januar 2015, Talkrunde im Ersten: Mit Kathrin Oertel sitzt eine Sprecherin von Pegida bei Günther Jauch. Der fragt: »Wie kamen Sie zu Pegida?« Und Oertel gibt eine bemerkenswerte Antwort – die in der öffentlichen Debatte danach weitgehend ohne Beachtung bleiben wird. »Der Anlass für die Gründung der Pegida«, sagt sie, »waren natürlich die Unruhen in Deutschland – Hamburg, Zelle. Und wo es dann halt eben soweit gewesen ist, dass bei uns in Dresden, auf der Prager Straße, eine Demonstration von Kurden gewesen ist mit der Linken, die unsere Regierung aufgefordert hat, Waffen an die PKK zu liefern. Und da haben wir gedacht, müssen wir jetzt einfach mal was tun«.

Was da 2015 bis in die Dresdner Innenstadt vorgedrungen war und zumindest für Kathrin Oertel Anlass bot, bei Pegida mitzuspazieren, ist tatsächlich bereits seit vielen Jahrzehnten Realität: Die türkische und kurdische Linke gehört zu Deutschland. Und Deutschland wiederum ist auch Teil der Geschichte der Linken und Arbeiterbewegung in der Türkei. So zum Beispiel: Schon vor einhundert Jahren – im Revolutionswinter 1918 – gründeten junge Studierende aus dem Osmanischen Reich in Berlin, inspiriert von den Ereignissen um sie herum, die Gruppe »Türkische Spartakisten«. Zu ihnen gehörte auch Etham Nejat, späterer Generalsekretär der 1920 am Rande des Kongresses der Völker des Ostens in Baku gegründeten Kommunistischen Partei der Türkei (TKP).

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es dann die Gastarbeiter, die das Scharnier zwischen der Linken in der Türkei und der Bundesrepublik bildeten. Was in Istanbul oder Zonguldak geschah, war durch sie auch Thema am Fließband in Stuttgart, in der Bottroper Kohlegrube, bei Betriebsversammlungen – und in den in dieser Zeit gegründeten Vereinen.

Der erste islamistische Mord in Berlin wurde 1980 an einem türkischen Linken verübt, dem Lehrer Celalettin Kesim, der Aktivist sowohl der deutschen Bildungsgewerkschaft GEW als auch der TKP war. Deren Hauptzentrale befand sich im übrigen mehr als dreißig Jahre in Leipzig. Es handelt sich also nicht nur um eine deutsch-türkische, sondern sogar um eine deutsch-deutsch-türkische Verflechtungsgeschichte.

Umso erstaunlicher, dass als einziges bislang existierendes deutschsprachiges »Überblickswerk« zur türkischen Linken ein mehr schlecht als recht zusammengeschriebenes, dünnes Dossier des Landesverfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen herhalten musste. Dies hat sich nun – endlich – geändert. Murat Çakır, Leiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Hessen, und Nick Brauns, Historiker und Journalist aus Berlin, haben ein Buch vorgelegt, das eine Lücke schließt. Dies wird in Rezensionen zwar oft behauptet, aber selten war es so zutreffend. Nicht nur, aber eben auch weil die Geschichte der Linken in der Türkei längst integraler Bestandteil der Geschichte der Linken in Deutschland ist.

Das Wissen darüber ist allerdings gering – ob nun in Berlin oder Istanbul. Unter anderem, weil in der öffentlichen Wahrnehmung die türkische Linke »vor allem durch ihre ›Märtyrer‹ präsent ist«. Deren Bilder schmückten, so die Autoren, »Wohnungen von Vereins- und Gewerkschaftsräumen und werden auf Demonstrationen mitgeführt«. Hinter der Erinnerung an diese »Gefallenen« verschwinde die Erinnerung »an die vergangenen Erfolge der Linken«. So wie die Kommune von Fatsa, ein rätedemokratisches Projekt aus dem Jahr 1979/80, dem ein Kapitel des Buches gewidmet ist.

Die beiden Herausgeber, die den Großteil des Buches auch selbst geschrieben haben, schauen in zwei großen Kapiteln zum einen auf die Zeit vom späten Osmanischen Reich bis 1980 und zum anderen auf das, was danach geschah. Diese Einteilung richtet sich nach der großen Zäsur: dem Militärputsch vom 12. September 1980. Der Putsch und die folgenden Jahre der Militärdiktatur waren für die Linke in der Türkei (und auch für die linke türkisch-kurdische Community in Deutschland) ein Schlag, dessen Folgen zum Teil bis heute nachwirken. Dem 12. September vorausgegangen war eine Phase, in der von den frühen 1960er Jahren an Gewerkschaften, Arbeiterbewegung und linke Bewegungen einen Aufschwung erlebten. Vor allem in den 1970er Jahren wuchsen dann radikallinke Gruppen wie Pilze aus dem Boden.

Der Putsch war auch darauf eine Reaktion. Doch die Linke war nicht nur Hauptleidtragende der Herrschaft durch die Militärjunta, sie hatte sie auch tragischerweise nicht verhindern können – Nick Brauns nennt das Versagen. Er verweist darauf, dass die Linke sich in viele maoistische, moskauloyale oder hoxhaistische Gruppen mit jeweils einigen Hundert oder Tausend Anhängern zersplittert hatte. Und dass die Linke in den Jahren vor dem Putsch in »häufig gewaltsam ausgetragene Machtkämpfe verwickelt« war – mit der Arbeiterklasse wiederum, von der alle sprachen, hatten sie kaum etwas am Hut.

Nach dem folgenreichen 12. September 1980 suchten viele türkische und kurdische Linke dann in der Bundesrepublik Zuflucht (ganz wenige auch in der DDR) – das war die zweite große Migrationskohorte aus der Türkei. Nach 1980 sei gerade die BRD »bevorzugtes Ziel« gewesen, schreibt Murat Çakır. Auch, weil da die Ableger unterschiedlicher linker Organisationen und Parteien schon »Vereine und Verbände gegründet hatten und seit mehreren Jahren aktiv waren«.

Auf den letzten hundert Seiten des Buches widmen sich verschiedene Autoren vor allem Aspekten der Gegenwart. Wie zum Beispiel den Gewerkschaften, die unter dem AKP-Regime erneut in äußerste Bedrängnis geraten sind und dennoch Arbeitskämpfe geführt haben. Auch dies ist lesenswert. Doch mangelt es ja nicht an Gegenwartsanalysen zur Türkei. Eine zusammenhängende und (selbst)kritische Geschichte der Linken indes fehlte bislang. Sich dieser nun so liebevoll detailliert gewidmet zu haben, ist ein großes Verdienst der Autoren.


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