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Das russische Rätsel gelöst?
Wie provinziell und selbstbezogen große Teile der Linken in Deutschland immer noch sind, zeigt sich meistens dann, wenn man merkt, dass dieses oder jenes Buch, das für die Debatten der internationalen Linken von großer Bedeutung war oder ist, nicht auf deutsch vorliegt. Oder wenn bedeutende Bücher erst mit Jahrzehnten Verspätung in deutscher Übersetzung gedruckt werden. Ein vergleichbarer Fall liegt mit Anté Ciligas „Im Land der verwirrenden Lüge vor“. Zwar wurde es bereits 1953 in der Reihe „Rote Weissbücher“ verlegt, aber dieser Verlag der Kalten Krieger druckte alles, was gegen den Ostblock gerichtet war und war daher kaum geeignet, um linke Debatten zum Charakter des „real existierenden Sozialismus“ zu initiieren. Zudem erschien der Text nur in einer gekürzten Fassung. In Frankreich dagegen, wo das Buch bereits 1938 erschienen ist und in England, wo 1940 eine Übersetzung erschien, wurde „Au pays du grand mensonge“ bzw. „The russian enigma“ ein Standardwerk der linksradikalen Stalinismuskritik. Georg Scheuer schreibt, Ciligas Buch „[…] wirkte wie ein reinigendes Gewitter in der damals von bürgerlicher, faschistischer und stalinistischer Propaganda verwirrten französischen Linken.“  Von der in den siebziger Jahren erschienenen Taschenbuchausgabe sollen in Frankreich über 200.000 Exemplare verkauft worden sein. Das Buch erschien außerdem noch auf Italienisch, Spanisch und Japanisch. Wie stark Ciligas Werk die Debatten über den Stalinismus inspirierte, zeigt sich daran, dass sowohl Hannah Arendt als auch Guy Debord in ihren Hauptwerken darauf verweisen. In Deutschland wurde erstmals 1947 auf Ciligas Buch hingewiesen. Damals veröffentlichte der linke Stalinkritiker Arkadij Maslow im Bulletin der „Revolutionären Kommunisten Deutschlands“ eine ausführliche Rezension. Diese ist zusammen mit der Übersetzung eines längeren Nachrufs von Philippe Bourrinet im immer wieder empfehlenswerten „Archiv für die Geschichte des Widerstands und der Arbeit“ (No. 13, 1994) erschienen. Und nun hat sich mit dem Berliner Verlag „Die Buchmacherei“ endlich auch hierzulande jemand gefunden, der Ciligas Buch wiederveröffentlicht hat. Zwar leider nur in der Form eines Nachdrucks der gekürzten deutschen Fassung aus den fünfziger Jahren, doch immerhin bieten sie den fehlenden Abschnitt über die Diskussionen der linken Kommunisten im Lager Werchne-Uralsk als Datei auf ihrer Homepage an.

Vom Zentralkomitee nach Sibirien

Anté Ciliga wird 1898 in Istrien geboren, das damals noch zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehört, doch die Zugehörigkeit dieses Landstriches wechselt aufgrund der geschichtlichen Ereignisse mehrfach. So hat Ciliga bis 1919 die österreichische Staatsbürgerschaft und dann bis 1945 die italienische. Dies sollte sich später als seine Rettung erweisen. Er selbst verstand sich als Kroate und war in seiner Jugend in der kroatischen Nationalbewegung aktiv, bis die Oktoberrevolution ihn für den Sozialismus begeistert. In der Kroatischen Sozialistischen Partei gehört er zum radikalen Flügel, aus dem 1920 die kroatische Sektion der Kommunistischen Partei Jugoslawiens entsteht. Bereits 1919 beteiligt er sich mit weiteren Freiwilligen aus Jugoslawien an der ungarischen Räterevolution. Zurück in Istrien wird er inhaftiert und bekämpft nach seiner Haftentlassung die italienischen Faschisten. Anschließend setzt er seine revolutionären Tätigkeiten neben seinem Studium in Prag, Wien und Zagreb fort, bevor er 1924/25 Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Jugoslawiens wird. Im Herbst 1926 schließlich wird er nach Moskau geschickt, „um an der Schule der jugoslawischen Partei zu unterrichten und an der Arbeit der jugoslawischen Sektion der Komintern mitzuwirken.“ Ciliga kommt als begeisterter Anhänger des Bolschewismus in die Sowjetunion und hat dort die Möglichkeit, das Land als privilegierter Kader kennen zu lernen. Doch gerade das macht ihn stutzig. Denn wie kann es sein, dass es hier nach der Revolution noch Privilegien für einzelne Gruppen der Bevölkerung gibt, wo es doch der Anspruch der Kommunistischen Partei ist, eine klassenlose Gesellschaft zu errichten? Und so registriert Ciliga sehr genau den Unterschied des Lebensstandards zwischen den einfachen Arbeitern und den Kadern, Ingenieuren und Bürokraten. Folgerichtig kommt er so auch in Kontakt mit Personen, die die sozialen Verhältnisse in der UdSSR kritisieren und die ihm seine Beobachtungen bestätigen. Ein jugoslawischer Genosse, der sich schon an der Oktoberrevolution beteiligte hatte, erzählt ihm: „Die Lage ist heute ganz anders als zu meiner Zeit. Der Arbeiter sitzt wieder in der Falle. Die Bürokraten leben, wie einst die Bourgeois gelebt haben. Ihre Frauen spielen die feinen Damen. Eine neue Revolution muss kommen!“ (S. 27) Aufgrund dieser Erfahrungen nimmt Ciliga gemeinsam mit weiteren jugoslawischen Kommunisten Kontakt zur trotzkistischen Opposition auf. Als Reaktion darauf wird Ciliga für ein Jahr aus der KPdSU ausgeschlossen und nach Leningrad versetzt, wo er mit Privilegien wieder für den offiziellen Kurs der Partei gewonnen werden soll. Da er sich aber nicht kaufen lässt, wird er schließlich verhaftet und ins Lager nach Werchne-Uralsk gebracht. Dort findet er das gesamte Spektrum der linken Opposition versammelt: Anarchisten, Sozialrevolutionäre, die Arbeiteropposition, die demokratischen Zentralisten und natürlich verschiedene Fraktionen der Trotzkisten. Ciliga selbst gehört der linken Strömung des „Kollektivs der Bolschewisten-Leninisten“ an, die eine Reform von unten anstrebte. Im Lager konnten sich die politischen Gefangenen frei betätigen. Sie veröffentlichten eigene Zeitungen, hatten die Chance, die oppositionelle Presse zu lesen und damit die Möglichkeit, sich ohne Einschränkungen über die Entwicklung außerhalb des Lagers zu informieren und auch uneingeschränkt über ihre Einschätzung der Sowjetunion zu diskutieren. Angeregt durch die Informationen über die Vorgänge im Land und die Einschätzungen Trotzkis dazu, entfernt sich Ciliga immer weiter von seinen bisher vertretenen trotzkistischen Positionen und nähert sich einem linkskommunistischen Standpunkt an. Er kommt zu dem Ergebnis: „Trotzki ist im Grunde der Theoretiker eines Regimes, dessen Verwirklicher Stalin ist.“ (S. 119) Für ihn ist die Sowjetunion auch kein degenerierter Arbeiterstaat mehr, sondern ein Staatskapitalismus, in dem eine Doppelherrschaft aus „kommunistischer“ Parteibürokratie und der Bürokratie der Spezialisten die Macht ausübt. Die Partei und die zur Produktion und Verwaltung notwendigen Intellektuellen haben die Machtpositionen in der Sowjetunion unter sich aufgeteilt. Mit dieser Kritik nähert sich Ciliga, darauf verweist Stephen Schwartz in seinem Nachwort, der Position von Räte- und Linkskommunisten, die die Entwicklung in der Sowjetunion mit dem allgemeinen Trend zur staatlichen Kontrolle der Ökonomie, etwa im Faschismus oder später im New-Deal, verbinden. 1940 wird Max Horkheimer in seinem Text über den „Autoritären Staat“ zu ähnlichen Auffassungen gelangen. Die Gründung der Föderation der Linkskommunisten im Lager erlebt Ciliga nicht mehr mit, da er bereits vorher nach Sibirien verbannt wird. Nach knapp drei Jahren in der Verbannung gelingt es ihm schließlich Ende 1935 aufgrund seiner italienischen Staatsbürgerschaft aus der Sowjetunion ausgewiesen zu werden. Bereits während der Fahrt aus der UdSSR nimmt er Kontakt zu Trotzki und trotzkistischen Kreisen im Westen auf und versucht eine Kampagne für die politischen Gefangenen in der Sowjetunion zu organisieren. Doch Trotzki will die Kampagne allein auf trotzkistische Gefangene reduzieren und den anderen politischen Strömungen keinerlei Hilfe zukommen lassen. Ciliga nähert sich in der Folgezeit immer mehr sozialdemokratischen Positionen an und versucht eine Einheitsfront gegen den Stalinismus zu schmieden. Bei der Suche nach Bündnispartnern ist er dabei alles andere als wählerisch und scheint dabei nicht mal vor den kroatischen Faschisten halt gemacht zu haben. Bis zu seinem Tod 1992 engagiert er sich fortan wieder für den kroatischen Nationalismus. Sein Lebensweg, der seinen Ausgang in der kroatischen Nationalbewegung hatte, endete schließlich wieder dort.

Linke Opposition gegen Trotzki und Stalin

Aus emanzipatorischer Perspektive ist allein die Zeit in Antè Ciligas Leben von Interesse, die er „Im Land der verwirrenden Lüge“ beschreibt, nämlich seine Erfahrungen in der Sowjetunion von 1926 bis Ende 1935. Das Buch entfaltet keine theoretisch fundierte Analyse der Herrschaftsverhältnisse in der UdSSR, darauf hat Felix Baum in seiner Rezension in der taz zu Recht hingewiesen, aber es beschreibt doch sehr anschaulich die realen Lebensverhältnisse im stalinistischen Herrschaftsbereich. Besonders hervorzuheben ist, dass das Buch die linke Opposition gegen den Stalinismus in der Sowjetunion zurück in das Gedächtnis ruft, die bereits weitgehend vergessen war. Ebenso bedeutend ist m. E. Ciligas Kritik am Trotzkismus, die ähnlich wie die der Rätekommunisten –„Trotzki, der gescheiterte Stalin“ –auf die Gemeinsamkeiten der bolschewistischen Strömungen verweist. Anté Ciliga hat damit, entgegen der Meinung von Peter Nowak,  zur räte- oder linkskommunistischen Kritik des Bolschewismus sehr wohl etwas beizutragen. Denn sein späteres nationalistisches Engagement entwertet natürlich nicht seinen aufschlussreichen Erfahrungsbericht aus dem „Land der verwirrenden Lüge“.
Jens Benicke
Mit Fußnoten unter: http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Ante-Ciliga-Im-Land-der.html


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