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Portal “Sozialistische Positionen” (SoPos) 4-2011

90 Jahre Kommune von Kronstadt – die endgültige Niederlage der Arbeiterdemokratie in der Russischen Revolution
…eine noch offene Wunde”

Wer erinnert sich noch an die Kommune von Kronstadt? Schon die Begrifflichkeit weist auf die tiefe Verankerung dieser tragischen Ereignisse in der Geschichte der sozialrevolutionären Emanzipationsbewegungen hin. Der Titel ist auch ein bewusster Hinweis auf die ebenfalls fast vergessene Kommune von Paris, die im März 1871 eine Koalition von Sozialisten und Radikaldemokraten bei den Gemeinderatswahlen von Paris in die Stadtregierung brachte. Und diese Koalition machte Ernst mit dem eigenen Programm. Mindestlöhne, Nachtarbeitsverbot, Gleichstellung der Beamten mit normalen Lohnabhängigen, Frauenwahlrecht, die radikale Demokratisierung der Staatsmacht, all das machte diese Kommune de Paris zum Angriffsziel einer bemerkenswerten Koalition von bürgerlichen Franzosen und monarchistischen Deutschen, die sich noch ein paar Monate zuvor in einem blutigen Krieg gegenübergestanden hatten.
Diese Kommune von Paris war trotz ihrer Fehler ein Vorbild für die Aktivisten der Arbeiterbewegung in der Internationalen Arbeiterassoziation, deren Sekretär Karl Marx jener in der Adresse ihres Generalrats über den Bürgerkrieg in Frankreich ein bleibendes Denkmal geschaffen hat: “Das Paris der Arbeiter, mit seiner Kommune, wird ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft. Seine Märtyrer sind eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse. Seine Vertilger hat die Geschichte schon jetzt an jenen Schandpfahl genagelt, von dem sie zu erlösen alle Gebete ihrer Pfaffen ohnmächtig sind.”
Für Lenin bildete die Kommune von Paris sogar das Leitbild für seine agitatorische, nie ernst gemeinte Schrift “Staat und Revolution”, die er 1917 im finnischen Exil schrieb, um sich bei der seit Februar 1917 anschwellenden basisdemokratischen Rätebewegung der Arbeiter und Bauern Russlands Gelände für die durch und durch autoritär und etatistisch ausgerichteten Bolschewiki gut zu machen. So paradigmatisch die Haltung zur Pariser Kommune sozialistische Arbeiterbewegung von liberalen Arbeiterfreunden schied und gelegentlich noch scheidet, so verhält es sich mit der Kommune von Kronstadt, die alle Spielarten der leninistischen von den libertären Strömungen der sozialistischen Bewegung scheidet. Das Buch von Gietinger ist hier eindeutig positioniert, seine Polemik wendet sich vehement gegen alle Spielarten leninistischer, trotzkistischer und stalinistischer Geschichtsverdrehungen.
Gietinger macht in seiner Schrift darauf aufmerksam, dass das gesellschaftliche Vorbild der Bolschewiki, aber auch Trotzkis wie auch das der Mehrheitssozialdemokratie das von oben industrialisierte Preußendeutschland mit einer straff organisierten Kriegswirtschaft gewesen ist: “Widerspruchslose Unterordnung unter einen einheitlichen Willen ist für den Erfolg der Prozesse der Arbeit, die nach dem Typus der maschinellen Großindustrie organisiert wird, unbedingt notwendig” (S. 16). Und schon bald nach der Oktoberrevolution wurde dieses Programm durchgesetzt, ein Programm, das auch bald auf die Mitwirkung der linken Sozialrevolutionäre (LSR) verzichtete, die als Vertreter einer humanistischen Linie vielfach versuchten, das Schlimmste am proklamierten Roten Terror zu verhindern– wobei nicht verschwiegen werden soll, dass die LSR aus Empörung über die Friedensverhandlungen Trotzkis mit dem deutschen Kaiserreich selbst zu terroristischen Mitteln griffen und dafür den Bolschewiki eine Steilvorlage für ihre Ausschaltung gaben. Der im Sommer 1918 einsetzende Bürgerkrieg wurde weitgehend auf Kosten der Bauernschaft, die über 80% der Bevölkerung stellte, von der bolschewistisch kommandierten Roten Armee durchgekämpft. In diesem Zusammenhang sind Gietingers Hinweise auf Marx’ berühmten Brief an die russische Sozialistin Vera Sassulitsch 1881 zu lesen, dass ihm exakt die russische Dorfgemeinschaft, denen die Kommunisten nach 1918 den Garaus machten, als Ausgangspunkt für die sozialistische Umgestaltung Russlands geeignet erschien (S.88).
5o Jahre nach der Kommune von Paris bildete sich die Kommune von Kronstadt im Februar 1921, Monate nach dem Ende des Bürgerkrieges und parallel zum 10. Parteitag der Kommunistischen Partei Russlands, in Petrograd. Kronstadt war eine stark armierte Festung vor der nordrussischen Metropole Petersburg, die Matrosen der Baltischen Flotte wurden in den revolutionären Bewegungen Russlands zur Avantgarde gezählt. Ihrer Bewegung 1921 vorangegangen waren Streiks in den großen Fabriken der Stadt, die als Reaktion auf Hunger, Inflation und zunehmende politische Unterdrückung durch die Bolschewiki ausbrachen. Die Arbeiter- und Soldatenräte hatten im Oktober 1917 die militärische Machtübernahme durch die Bolschewiki gegen die letzte linksbürgerliche Regierung praktisch gestützt und politisch begrüßt. Sie waren zu diesem Zeitpunkt längst entmachtet und zur praktischen Vertretung der Interessen der Arbeiterschaft gar nicht mehr in der Lage. In den Betrieben herrschte wieder das Prinzip der “Ein-Mann-Leitung”. In der Armee waren die freiheitlichen und demokratischen Ideen der russischen Soldatenräte aus dem Frühjahr 1917, wie etwa der Wählbarkeit der Kommandanten nach der Einwerbung und Einsetzung ehemals zaristischer Offiziere durch Trotzki nur noch Hörensagen aus ferner Zeit. Die Bolschewiki hatten einen Krieg gegen die Bauernschaft entfacht, der sich sachlich um die Kontrolle der Lebensmittelproduktion drehte, militärisch aber mit größter Brutalität durch Tscheka und Parteieinheiten unter großen Opfern geführt wurde. Politisch führten diese Feldzüge zur langfristig wirkenden Entfremdung der Bauernschaft von der neuen staatlichen Herrschaft.
Die verwandtschaftlichen Verbindungen zwischen Bauernschaft und Matrosen führten zusammen mit dem Widerstand des Petrograder Proletariats gegen seine andauernde Entmündigung zur Forderung nach Sowjets ohne Kommunisten, zur Einrichtung einer basisdemokratisch agierenden Selbstverwaltung auf den Festungsinseln im Finnischen Meerbusen. Die Versuche der Bolschewiki, in den Fabriken ein an Taylor und deutschen Disziplinarvorstellungen ausgerichtetes Fabrikregime zu errichten, stieß auf manigfaltigen Widerstand. Dem unbedingten Machtanspruch der Bolschewiki waren die Matrosen und Bewohner Kronstadts aber auf Dauer nicht gewachsen. Am 18. März 1921 waren die erbittert geführten, blutigen Kämpfe in Kronstadt vorbei, die Überlebenden wurden, soweit sie nicht fliehen konnten, auf Wunsch Lenins auf die berüchtigten Solowezki-Inseln deportiert. Der 18. März war zugleich der 50. Jahrestag der Proklamation der Kommune von Paris und wurde in Petrograd von den Bolschewiki mit einer Militärparade gefeiert. Die ökonomischen Forderungen der Matrosen wurden übrigens vom parallel stattfinden Parteitag der KPR(B) mehr oder minder als legitim anerkannt, und unter Zulassung kapitalistischer Elemente im Wirtschaftsleben zum Programm als “Neue Ökonomische Politik” erhoben. Lenin selbst soll gesagt haben, dies sei der Thermidor, aber es sei “unser Thermidor”. Auch so kann man Geschichte interpretieren.
All das beschreibt Gietinger in seiner flüssig geschriebenen und quellenmäßig gut belegten Schrift, der eine weite Verbreitung schon deshalb zu wünschen ist, weil die Kommune von Kronstadt heute so vergessen zu sein scheint wie die von Paris.
Die Kommune stand nie im Zentrum der politischen und theoretischen Diskussionen in der deutschen Linken seit 1968. Lediglich zum 50. Jahrestag ihrer Zerschlagung durch die Bolschewiki 1971 veranstaltete die libertäre Linke in Berlin einen “Kronstadt”-Kongreß, zu dem Johannes Agnoli Bemerkungen über Spontaneität und Organisation beitrug und der niederländische Rätekommunist Cajo Brendel in grotesker Weise seine Marxorthodoxie zu retten versuchte, indem er den Oktoberumsturz 1917 als eine bürgerliche Revolution interpretierte. Danach ist es um Kronstadt still geworden, von gelegentlichen Versuchen abgesehen, ihre Liquidation zu verteidigen. Bemerkenswert zahlreich sind besonders die Apologien der leninistischen Politik aus trotzkistischer Richtung. Der ISP-Verlag versammelte die Äußerungen Lenins, Trotzkis und Serges 1981 in einem kleinen Sammelband. Immerhin wird der libertäre Sozialist und Augenzeuge Serge zitiert: “Zu Hunderten, wenn nicht zu tausenden wurden die Kronstädter Matrosen auf der Stelle erschossen. Drei Monate nachher holte man noch welche aus den Gefängnissen in Petrograd heraus, nachts, in kleinen Gruppen, um sie in den Kellern oder auf dem Schießplatz zu exekutieren.” Auch später noch legten kritischere trotzkistische Gruppen wie “Linksruck” eine Reihe von Materialien gegen die Kommune von Kronstadt vor und in der Regel war das Ergebnis klar: hier war die Konterrevolution am Werk gewesen, bis hin zu dem Unsinn, dass der reaktionäre General Wrangel mit 70.000 Mann an der Schwarzmeerküste bereit gestanden hätte, um im ca. 3000 km weit entfernten Kronstadt zu intervenieren. Soweit zur Wahrheits- und Freiheitsliebe dieser Epigonen. Man mag die Aktualität dieser Auseinandersetzung bezweifeln. Aber man täusche sich nicht: die Haltung zu Kronstadt entscheidet auch heute noch wie ein Lackmustest über die individuelle Haltung zu jeder Form von Modernisierungs- und Parteidiktatur. “Die Kommune von Kronstadt” ist hier eindeutig, sie steht auf der Seite der spätestens im März 1921 untergegangenen Reste von Arbeiterdemokratie in Russland. Sie lebt durch dieses Buch fort im Bewusstsein der libertären Linken, mögen leninistische Pfaffen noch so sehr ihre Mantren von der historischen Notwendigkeit ihrer Unterdrückung aufsagen.
Gietingers Parteinahme für die Kommune von Kronstadt ist ein wütendes, teils auch sarkastisch geschriebenes Buch. Ihm ist eine breitere Leserschaft zu wünschen. Diese Wunde ist und bleibt offen, solange die Usurpation der Russischen Revolution durch die Bolschewiki als Sozialismusversuch kleingeredet wird.

Stefan Janson


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