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Rezension in der Zeitung ak – analyse & kritik -Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 501 / 16.12.2005

Aufgeblättert
Sozialistische Fantasie

“Ich stelle mir die U-Bahn vor. Ich stelle sie mir schön vor.” So sinniert Jörg in Peter Paul Zahls Kultroman “Die Glücklichen”. Das Vorstellen, das Fantasieren ist seit dem in der Linken ziemlich aus der Mode gekommen. Die Lust an der gesellschaftlichen Utopie, ursprünglich durchaus fester Bestandteil aller Strömungen der jungen ArbeiterInnenbewegung, ist inzwischen nicht nur unmodisch, sondern in weiten Teilen auch diskreditiert. Für den Verlust an konkret-utopischem Denken in der Linken gibt es viele, auch gute Gründe, doch heute, wo die Gewaltförmigkeit der neoliberalen Umstrukturierung sich als scheinbar alternativlos präsentiert, macht sich dieser Verlust als schmerzhafte Leerstelle bemerkbar. Wo nicht mehr über Kommunismus gestritten wird, bleiben als Alternative zum Neoliberalismus nur die Rückkehr zu den angeblich goldenen Zeiten des keynesianischen Sozialstaats oder realpolitische Versatzstücke eines re-regulierenden Neo-Reformismus. Vor diesem Hintergrund ist Werner Ruhoffs schmales Büchlein “Eine sozialistische Fantasie ist geblieben” ein mutiger Schritt. Seine Fantasie bezieht sich nicht nur auf U-Bahnen, sondern auf eine neue Gesellschaft, auf Produktion, Verteilung, Demokratie. Es ist die soziale Utopie eines Linken, der ursprünglich am Realsozialismus orientiert und nach dessen Zusammenbruch nachhaltig erschüttert den Freiheitsgedanken und damit auch die verschiedenen sozialen Experimente der 1970er und 1980er Jahre (neu) entdeckt. Das ist irritierend für die Linken, die gerade mit diesen Experimenten eines alternativen Lebens und Wirtschaftens sozialisiert worden sind und vor allem deren Widersprüchlichkeit und Scheitern erlebt haben. Es öffnet aber gleichzeitig noch einmal die Augen für das soziale Potenzial, das in Kommune- und Selbsthilfeprojekten gesteckt hat und zum Teil immer noch steckt. Ruhoff verlängert diese Erfahrungen zu einer konkreten gesellschaftlichen Utopie. Es ist eine Utopie, die man nicht teilen muss (etwa die tendenzielle Verklärung des “einfachen Landlebens”) und die eine Vielzahl von Auslassungen beinhaltet (etwa die Frage danach, wie eine globale Befriedigung von Bedürfnissen ohne industrielle Massenproduktion bewerkstelligt werden soll). Es geht um die Debatte, wie “wir” eigentlich leben und arbeiten wollen, wenn “wir” denn könnten, wie wir wollten. Für diese Debatte hat Werner Ruhoff eine schöne Steilvorlage geliefert.
dk


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