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“Senioren-Echo” der IG Metall-Senioren Hamburg Nr. 23 – Dezember 2013

Vor 95 Jahren: Die Novemberrevolution
Innerhalb nur weniger Tage, beginnend mit dem Matrosenaufstand in Kiel am 3. November 1918, war das Kaiserreich hinweggefegt worden.

Am 9. November 1918, um 14 Uhr, rief Philipp Scheidemann am Reichstagsgebäude die Republik aus. Wenige Stunden später wurde von Karl Liebknecht vom Balkon des Berliner Schlosses die Sozialistische Republik ausgerufen. Neben diesen bei den Protagonisten wird die Revolution häufig noch mit Friedrich Ebert und Rosa Luxemburg in Verbindung gebracht.

Nur ein Name taucht selten oder gar nicht auf, der von Richard Müller. Und dies völlig zu Unrecht. Richard Müller war bereits vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs als Branchenleiter der Dreher im Großraum Berlin in der Berliner Ortsverwaltung des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV), dem Vorläufer der IG Metall. Bereits im Januar 1918 organisierte er als führender Kopf der „Revolutionären Obleute“ Massenstreiks gegen den Krieg, an denen sich mit Schwerpunkt Berlin deutschlandweit zirka eine Million Menschen beteiligten. Ein Großteil der deutschen Rüstungsproduktion kam für Tage zum Erliegen. Den „Revolutionären Obleuten“ waren die Beseitigung von Krieg, Hunger und Elend wichtiger als die momentane Sicherheit ihrer Arbeitsplätze. Sie gingen dabei ein großes Risiko ein. Denn bei Aufdeckung ihrer Rädelsführerschaft drohte ihnen im besten Fall die Schutzhaft und im schlechtesten Fall das Abkommandieren an die Front zu einem Todeskommando. Bereits vor der Ausrufung der Republik hatten in den frühen Morgenstunden des 9. November 1918 die „Revolutionären Obleute“ und die Spartakusgruppe Flugblätter mit Revolutionsaufrufen verteilt. Zwischen 8 und 10 Uhr begann der allgemein befolgte Generalstreik. Ohne die in den Betrieben verankerten „Revolutionären Obleute“ wäre dies nicht möglich gewesen. Es formierten sich am Vormittag aus den Großbetrieben riesige Demonstrationszüge in Berlin, die zu den Kasernen zogen und sich mit den Soldaten verbrüderten. Gegen Mittag unterstützte die SPD-Führung den Generalstreik, den sie noch am Morgen zu verhindern versucht hatte. Die Ausrufung der Republik war also nicht die fixe Idee einzelner, sondern war aufgrund des Drucks einer Massenbewegung zustande gekommen.

Am 10. November wurde Richard Müller zum Vorsitzenden des Berliner Vollzugsrats der Groß-Berliner Arbeiter- und Soldatenräte gewählt. In der Anfangszeit der Revolution wirkte er als Organisator und Theoretiker der Rätebewegung. In der Folgezeit konnte sich jedoch der Vollzugsrat nicht gegen den einflussreicheren „Rat der Volksbeauftragten“, der mehrheitlich durch die SPD dominiert war, durchsetzen. Nach der Generalversammlung des DMV im Oktober 1919 wurde Richard Müller für zirka ein Jahr leitender Redakteur der „Metallarbeiterzeitung“, dem Vorläufer unserer Metall-Zeitung.

Als Bericht eines Zeitzeugen erschien in den Jahren 1924 bis 1925 in drei Bänden von Richard Müller unter dem Titel „Vom Kaiserreich zur Republik“ eine Darstel­lung der Novemberrevolution. In den 1970er Jahren wurde diese Ausgabe von dem Verlag Olle & Wolter als Nachdruck neu aufgelegt, sie ist jedoch seit längerer Zeit vergriffen. Dem kleinen Verlag „Die Buchmacherei“ in Berlin ist zu danken, dass die drei Bände in einem Buch unter dem Titel „Eine Geschichte der November Revolution“ neu erschienen sind. Für das Lektorat zeichnet Rainer Knirsch, IG Metaller und inzwischen Rentner, verantwortlich. Rainer Knirsch war Betriebsrat und Betriebsratsvorsitzender bei BMW Berlin. Die Geschäftsleitung hatte ihn mit etlichen Kündigungen überzogen, um einen aktiven Gewerkschafter loszuwerden. Mit Hilfe der IG Metall hatte er sämtliche Verfahren gewonnen. Im letzten Sommer hatte ich Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Für ihn beschreibt Richard Müller die Novemberrevolution 1918 spannend wie ein Krimi.

Rolf-Rüdiger Beyer


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