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Sozialistische Zeitung (SoZ) April 2011

90 Jahre Aufstand von Kronstadt    
Vor 90 Jahren, am 16. März 1921, attackierten 50 000 Rotarmisten unter General Tuchatschewski die Festung Kronstadt in der 14 000 Matrosen zusammen mit der Zivilbevölkerung der Stadt, die “Dritte Revolution” gelebt hatten.
Kronstadt gab einem Aufstand den Namen, der den Niedergang der Oktoberrevolution symbolisiert, wie kein anderer. Danach war die Sache gelaufen.

Ende 1920: Sieg der Roten Armee gegen die Weißen Truppen. Doch das Land litt nicht nur unter den Folgen des Weltkrieges, des Diktates von Brest-Litowsk und des Bürgerkrieges. Das Land litt auch unter den chaotischen Verhältnissen des Kriegskommunismus. Während die Abschaffung des Geldes nicht funktionierte, führte die Abschaffung der Wahl der Offiziere und der kollektiven Leitung, ja der Räte überhaupt, von der Diktatur des Proletariats, zur Diktatur einer Partei. Der Oberste Volkswirtschaftsrat brachte keinen Plan zustande. Das Kommissariat für Versorgungsfragen konnte die Bevölkerung weder kostenlos mit den Gütern, noch mit Wohnungen versorgen. Die Industrieproduktion brach zusammen. Der Hunger stieg. Die Bauern sollten ihre Überschüsse per Zwang abgeben.
Um das Getreide einzutreiben erklärten die Bolschewiki den Dörfern den Krieg, und belegten die Dorfgemeinschaften, meist Mittel- und Kleinbauern mit rücksichtslosem Terror. Eintreibungskommissionen verbreiteten Angst und Schrecken. Die Abgaben waren so hoch, dass den Bauern nichts blieb als zu verhungern.

Kronstadt, die Petrograd vorgelagerte Festung, war voller Matrosen. Revolutionärer Matrosen. Schon 1901 gärte es dort und im Revolutionsjahr 1905 waren sie mit dabei. Die bäuerlich-anarchistisch geprägten Matrosen mussten jedoch kapitulieren.
Im Februar 1917 fackelten die Kronstädter nicht lange. Der Admiral der Flotte und zahlreiche Offiziere wurden hingerichtet. Der Ankerplatz entwickelte sich zu einer Art Freier Universität. Agrarkommunen wurden gegründet und „Alle Macht den Räten“ zum Grundsatz erhoben. Auch die Linken Sozialrevolutionäre (LSR), die aus der Volkstümlerbewe­gung stammten, hatten viele Sympathien bei den Matrosen. Die wiederum Anweisungen der provisorischen Regierung unter dem rechten Sozialrevolutionär Kerenski einfach missachteten.
Als im Oktober 1917 die Bolschewiki zusammen mit den LSR die Macht eroberten, waren die Kronstädter Matrosen ganz vorn mit dabei. Leo Trotzki titulierte sie als “Schönheit und Stolz der Revolution”.
Die Kronstädter Matrosen kämpften tapfer im nun folgenden Bürgerkrieg gegen die Weißen, obwohl sie den autoritären Führungsstil in Trotzkis Roter Armee nicht guthießen.
Doch als dieser Krieg gewonnen war, öffnete ihnen der Urlaub in die Dörfer ihrer Heimat die Augen. Die Unterdrückung der Bauern machte sie wütend.
Sie verlangten nun, da die Gefahr der Invasionen vorüber war, die Rückkehr zu den demokratischen Leitungsprinzipien in der Flotte.

Als sich die Versorgungslage Ende Februar 1921 weiter verschlechterte, die Rationen radikal gekürzt wurden, rebellierten zuerst die Arbeiter in Petrograd. Die Bolschewiki antworteten mit Aussperrung und Verhaftungen.
Nun sprang der Funke auf Kronstadt über. Die Mannschaften versammelten sich auf den Schlachtschiffen und verabschiedeten eine Resolution, deren Sprengkraft die der Panzerkreuzer bei weitem überstieg.
Inhalt: Neuwahlen der Sowjets, Pressefreiheit, Freiheit für die politischen Gefangenen aus den sozialistischen Parteien. Befreiung der Bauern aus der Abgabenpflicht, freies Handwerk ohne Ausbeutung. Doch sie forderten kein bürgerliches Parlament, sondern sahen dies als überholt an.
Eine Versammlung am nächsten Tag empfing die Abgesandten der Bolschewiki Kusmin und Kalinin mit militärischen Ehren, als diese aber von Konterrevolution sprachen und Unterwerfung verlangten, wurden sie festgenommen.
Während die Krönstädter einen neuen Sowjet wählten, eine Zeitung herausgaben, brach die Rebellion der Arbeiter in Petrograd zusammen. Mit importierten Lebensmitteln war es gelungen sie zu beruhigen.
Trotzki entschloss sich nun sofort die Rebellen anzugreifen.
Die forderten „Alle Macht den Sowjets und nicht den Parteien“, was immer wieder falsch wiedergegeben wird mit: „nicht den Bolschewiki“.
Mit solchen Feinheiten hielt sich Gregori Sinowjew, u. a. Vorsitzender des Petrograder Sowjets, nicht auf. Er drohte die Kronstädter abzuknallen wie die Rebhühner. Doch das gelang fürs erste nicht. Tuchatschewskis Truppen wurden auf dem Eis zurückgeschlagen.
Die Kronstädter glaubten nun, die Proletarier aller Länder würden sich mit ihnen verbünden, doch die bekamen nichts mit von deren Radiobotschaften. Es sei eine konterrevolutionärer Aufstand, von weißen Generalen geführt, behauptete auch Lenin, widersprach sich aber in derselben Rede, indem er wusste, die Kronstädter seien „vielleicht sogar auch `linker’,” als die Bolschewiki.
Was denn nun? Weißgardisten oder Linksradikale? Und er unterstellte ihnen – wider besseres Wissen – sie wollten die Freiheit des Handels. Eben genau das, was er kurz darauf mit seiner Neuen Ökonomischen Politik einführte.
Lenin nutzte die Kämpfe auch um auf dem 10. Parteitag die innerparteiliche Opposition zu zerschlagen. Er führte das Fraktionsverbot ein. Die damit belegten Bolschewiki dankten es ihm, indem sie sich freiwillig zum Kampf gegen Kronstadt meldeten.
Am 16.3. hatte Tuchatschewki schließlich genug Truppen, meist Ahnungslose aus Asien, zusammen. Er ließ die Festung angreifen. Nach schweren Kämpfen waren die Kronstädter besiegt, einem Teil gelang die Flucht nach Finnland. Die anderen wurden exekutiert oder in die nördlichen Lager deportiert, wo die meisten elend umkamen. Die Revolutionierung der Revolution war erstickt. Einer der letzten Aufrufe der Kronstädter lautete:
“Das Blut der Unschuldigen wird auf die Häupter machttrunkener und grausamer kommunistischer Fanatiker kommen. Es lebe die Macht der Sowjets!” Zumindest der erst Satz erfüllte sich. Alle leitenden Bolschewiki inklusive Trotzki, Sinowjew und Tuchatschewski wurden Opfer Stalins.

Klaus Gietinger


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