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“Sozialistischen Zeitung” SoZ vom Dezember 2005

Rückblenden auf den Opel-Streik 2004
Ein Jahr nach den beeindruckenden Kampftagen bei General Motors/Opel in Bochum ist es Jochen Gester und Willi Hajek gelungen, in einem lesenswerten Buch die Stimmen der aktivsten Kollegen (und einer Kollegin) zu versammeln, die über Vorgeschichte, Ablauf und Ergebnisse dieser “Selbstermächtigung” berichten.
Dabei konzentriert sich das Buch auf Kollegen, die seit Jahren in der Betriebsgruppe der GOG oppositionelle Betriebs-, Vertrauensleute- und Betriebsratsarbeit machen. Sie berichten ausführlich über ihre persönliche Entwicklung, über gute und schlechte Erfahrungen mit Solidarität im Betrieb, über selbstständige Kampfaktionen der Opelaner in Bochum, die in der Regel gegen den Willen der IG Metall und der Betriebsratsmehrheit zum Teil erfolgreich ablaufen. Ergänzt werden diese Interviews mit Kapiteln über die Vorgeschichte, über die Haltung der IG Metall, über die internationale Verknüpfung und einige theoretische Schlussfolgerungen.
Wer liest, lernt die Arbeiterbewegung an einem guten Beispiel in ihrer Vielfältigkeit, Begrenztheit, mit allen Gefährdungen und (Teil-)Erfolgen kennen. Wir sehen in den Interviews erneut die Notwendigkeit, diesen Arbeitskampf zu führen, unabhängig ob andere mitmachen oder dagegen arbeiten. Wir hören heraus erneut die “Lust im Widerstand”, die Befreiung von Zwängen im Kopf, die diese Woche bei den Beteiligten ausgelöst hat.
Es wird aber auch deutlich, dass es in Bochum einige Besonderheiten gab, die den Kampf möglich machten, obwohl andere GM-Betriebe nicht mitzogen. Da ist einmal die verhältnismäßig kämpferische Tradition von Berg- und Stahlarbeitern, die in den Anfängen zu Opel gewechselt waren. Da ist die Nähe der Universität, aus der oppositionelle Gruppen eine politisierende Rolle spielen konnten. Und da ist die über 30-jährige Tradition der Gruppe oppositioneller Gewerkschafter (GOG), die sich zu allen wichtigen innerbetrieblichen, gewerkschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen radikal äußerte, mit ihren Flugschriften und ihrer Arbeit in den Betriebs- und Vertrauenskörpern unschätzbare Vorarbeit für das Entstehen unabhängiger Kräfte bei der Führung des Arbeitskampfes leistete.
So ist dieses Buch über die Bedeutung des Bochumer Kampfes hinaus ein Zeitdokument, ein lesenswertes Bekenntnis zu “französischen Verhältnissen” auch in der deutschen Arbeiterbewegung.

Rolf Euler


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