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TAZ Blogs vom 18.09.2013

“Sein Erfolg war ein Fanal für die folgenden Arbeitskämpfe im welkenden deutschen Wirtschaftswunder …”

Dieter Braeg machte uns auf eine Veranstaltung in Neuss aufmerksam, und schrieb: »40 Jahre nach dem Streik ist es doch wohl unglaublich, dass man mehr Vorstands- und Aufsichtsratsposten für Frauen fordert und dort, wo wirklich Arbeitskraft verkauft wird, noch immer Lohn-Gehalts-Ungerechtigkeit herrscht.«

Donnerstag, den 19. September 2013, 18 Uhr im Theater am Schlachthof, Blücherstraße 31 bis 33 in Neuss. Nach der Begrüßung der IG-Metaller wird um 18:15 Uhr der Kurzfilm über den Streik in Pierburg gezeigt, Dieter Braeg (ehemaliger Betriebsratsvorsitzender) war dabei und andere Augenzeugen kommentieren den Film.

Wir empfehlen: ›Wilder Streik – das ist Revolution. Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973‹ herausgegeben von Dieter Braeg. 176 Seiten, 13,50 Euro.

Der Arbeitskampf bei Pierburg war der einzige erfolgreiche ›wilde‹ Streik während der Streikwelle des Jahres 1973. Griechinnen, Italienerinnen, Jugoslawinnen, Spanierinnen, Türkinnen sowie auch deutsche Fließbandarbeiterinnen hatten fünf Tage die Arbeit niedergelegt.

Wie war es dazu gekommen? Die Pierburg GmbH, gegründet von Alfred Pierburg in Neuss, an der Stadtgrenze zu Düsseldorf, beschäftigte damals dreitausend Arbeiterinnen und Arbeiter, die Vergaser, Benzinpumpen und Steuerventile für Autos herstellten. Jeder, der in seiner Jugend mal an einem Auto herumgeschraubt hat, kennt die Solex-Vergaser von Pierburg. Diese wurden am Fließband von ausländischen Arbeiterinnen zusammengebaut, die nach Sätzen der sogenannten »Leichtlohngruppe« bezahlt wurden. Sie erhielten 4,70 DM pro Stunde, kamen also auf einen Nettolohn von monatlich sechshundert Mark. Dabei weiß jeder, dass Fließbandarbeit im Akkord schwere körperliche Arbeit ist. Bereits mehrfach hatten die Frauen die Abschaffung der Leichtlohngruppe gefordert, sie verlangten eine Mark mehr Stundenlohn, aber die Pierburg-Geschäftsleitung blieb stur und der Betriebsrat untätig.

Nachdem ein neuer Betriebsrat gewählt worden war, der sich mit den Arbeitern solidarisierte, eskalierte die Situation. Am 13. August 1973, gegen 5:30 Uhr, als die Arbeiterinnen und Arbeiter zur Frühschicht kamen, verteilten zwanzig Frauen am Werktor Flugblätter, die zum Streik aufriefen und die Abschaffung der »Leichtlohngruppe« forderten. Etwa dreihundert Arbeiterinnen und Arbeiter schlossen sich spontan dem Streik an und skandierten: »Eine Mark mehr! Eine Mark mehr!«

Die Vorarbeiter forderten die Frauen zur Arbeit auf – vergeblich. Um 6:30 Uhr rückten drei Polizeiwagen an, die Beamten verlangten, dass die Streikenden das Werkstor räumen. Dabei kam es zum Wortgefecht mit der neunundzwanzigjährigen Eleftheria Mermela, die zusammen mit ihrem Mann streikte. Die Polizisten versuchten das Ehepaar zu verhaften, ein griechischer Kollege fotografierte die Szene, da nahm ein Beamter ihm die Kamera ab, ein anderer Grieche entwand wiederum dem Polizisten die Kamera und warf sie einem Kollegen zu. Ein Polizist zog die Pistole und brüllte: »Zurück!« Eine Griechin trat vor und schrie: »Schieß doch! Oder hast du Angst?« Der Beamte ließ die Waffe sinken, seine Kollegen versuchten die Frau zu verhaften, sie wehrte sich und wurde dabei verletzt. Die Frauen drangen jetzt auf die Polizisten ein, diese flüchteten in ihre Wagen, einer schrie den Streikenden zu: »Dreckige Ausländer! Ich mache euch kalt!« Eine Stunde später kam Verstärkung, drei Polizeibusse fuhren vor, Polizisten kreisten die Streikenden ein, verhafteten zwei Griechinnen und einen Griechen. In der Frühstückspause solidarisierten sich weitere Arbeiterinnen und reihten sich vor dem Fabriktor bei den Streikenden ein. Die Produktion war lahmgelegt.
Am nächsten Morgen standen wieder 350 Streikende vor dem Werkstor, wieder fuhren drei Polizeibusse vor. Dieses Mal prügelten die Polizisten sofort auf die Streikenden ein. Ein Übertragungswagen des Fernsehens traf ein und filmte die Prügelszenen, daraufhin zog die Polizei ab. Es war ein heißer Augusttag, Anwohner brachten Getränke und öffneten ihre Häuser, damit die Streikenden die Toiletten benutzen konnten. Jungsozialisten und Leute aus Kirchenkreisen verteilten in Düsseldorf und Neuss Flugblätter, die den Polizeieinsatz anprangerten. Die Produktion bei Pierburg war auch am zweiten Streiktag lahmgelegt.

Am dritten Tag weigerte sich die Firmenleitung noch immer, Verhandlungen mit dem Betriebsrat zu führen. Der Neusser Polizeipräsident hetzte in einem Interview: »Wilder Streik, das ist Revolution!« Trotzdem hielt sich die Polizei wegen des Fernsehteams, das weiter über den Streik berichtete, zurück. Die Stimmung der Streikenden war zum Zerreißen gespannt, der türkische Arbeiter Eroglu Galip drohte, sich vor dem Werkstor zu verbrennen, wenn die Streikforderungen nicht erfüllt würden, er hantierte mit einem Kanister. Die Betriebsräte zogen Galip hinter das Tor und beruhigten ihn.

Der vierte Streiktag brachte den Umschwung, weil sich die privilegierten deutschen Facharbeiter mit den prekären Migrantinnen solidarisierten. Die Hella Werke in Lippstadt, die Autobeleuchtungen herstellen, traten in einen Sympathiestreik. Die Produktion der gesamten deutschen Automobilindustrie stockte, denn ohne Solex-Vergaser, für die Pierburg ein Monopol hatte, konnten keine Wagen von den Bändern laufen. Solidaritätstelegramme aus allen Regionen Deutschlands trafen ein, auch Joseph Beuys schickte Grüße.
In seinem Buch zum ›Wilden Streik‹, das Dieter Braeg herausgegeben hat, beschreibt ein Augenzeuge die Szenen auf dem Werkshof: »Am 16. August 1973 um 8:45 Uhr füllte sich langsam der Hof vor den Werkshallen, Frauen schwenkten Rosensträuße und riefen: ›Eine Mark mehr!‹ Kolleginnen und Kollegen fielen sich um den Hals. Immer mehr Menschen sammelten sich im Hof, und die Parolen wurden lauter. Neusser Bürger brachten den Streikenden belegte Brötchen, Obst, Sprudel und Bier, unter strahlender Sonne wurde diskutiert. Und plötzlich war ein türkischer Dudelsackspieler da, Frauen und Männer aller Nationalitäten begannen zu tanzen. Manche Deutsche waren am Anfang etwas tollpatschig, die Ausländer zeigten ihnen, wie man die Füße setzt.« »Dies ist der schönste Tag meines Lebens«, sagte ein deutscher Arbeiter, »heute halten wir alle zusammen, das habe ich noch nie erlebt. Pierburg kann uns nicht schaffen!« Und wirklich, die Pierburg GmbH stimmte endlich Verhandlungen zu, am fünften Streiktag einigten sie sich mit dem Betriebsrat. Die Leichtlohngruppe fiel weg, und den Frauen wurde ein Lohnzuschlag von 65 Pfennig pro Stunde garantiert.

Der Streik bei Pierburg und sein Erfolg waren ein Fanal für die folgenden Arbeitskämpfe im welkenden deutschen Wirtschaftswunder. Erstmalig hatten sich Migrantinnen und Migranten über alle Vorurteile hinweg mit deutschen Arbeiterinnen und Arbeitern solidarisiert. Dieter Braeg, einer der Betriebsräte, die den wilden Streik bei Pierburg begleiteten, hat das alles in seinem Buch ›Wilder Streik‹ dokumentiert. So ist es nämlich, wir erzählen nicht nur, wir lassen uns auch Geschichten erzählen, ein Dialog im Feld der operativen Literatur.

Barbara Kalender / Jörg Schröder


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