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Trend-online 5/6 2012

Der lange Weg zur “Harmonie” – ein Buch zum Kooperativenverbund Cecosesola in Venezuela Cecosesola

Die Kooperativistas betreiben große Gemüsemärkte, produzieren Lebensmittel und bieten Gesundheitsversorgung und andere Dienstleistungen an. Die Organisation hat 20 000 Mitglieder und 1200 Beschäftigte, die einen jährlichen Umsatz von 100 Millionen US- Dollar machen.
Das Buch „Auf dem Weg“ von der Buchmacherei
Sehr ausführlich wird zunächst über die ersten zwanzig Jahre berichtet, vor allem über eine gemeinnützige Transportkooperative, die es mit reichlich Gegenwind zu tun hatte und schließlich scheiterte. folgt eine Reflexion der emotionalen und kulturellen Hintergründe, die eine solidarische Zusammenarbeit oft erschweren. Kulturelle Muster, die als typisch venezolanische »Tropenversion der westlichen Kultur« gelten, werden dargestellt. Im Abschnitt „Auf dem Weg zur Harmonie“ beschreiben sie die Veränderung der Beziehungen untereinander. Dabei sprechen sie sich für ein kollektives Handeln aus, dass die individuelle Entwicklung befördert. Kapitel »Auf dem Weg zu einem kollektiven Gehirn?« beschreibt dann nochmal genauer, wie aus »formalen Versammlungen Orte der Begegnung« werden, in denen es keine hierarchischen Strukturen gibt. Das Buch schließt mit einem Bericht über ein Gesundheitszentrum, die Bedingungen im „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ und einem Nachwort von John Holloway.

Die Geschichte

1967 ging die Initiative von Priestern aus und begann mit viel Enthusiasmus, aber bereits 1974 legte sich die Begeisterung. Die Kooperativen hatten sich der traditionellen vertikalen Struktur angepasst, mit einer klaren Hierarchie. Zunächst kam mit einer neuen Geschäftsleitung ein Veränderungsprozeß.
Entscheidend waren dann aber Proteste gegen Fahrpreiserhöhungen. „In nur einem Jahr hatte Cecesesola seine bürokratische Phase hinter sich gelassen, war auf die Straße gegangen und hatte sich einer sozialen Bewegung angeschlossen.“ 1 Als sich ihre Mobilisierungsfähigkeit mit der Zeit verbrauchte, gründeten sie selbst eine gemeinnützige Transportkooperative und kauften von einem Kredit 92 Busse.
Der Gegenwind war stark. Für die Kulturgruppen war das zu reformistisch, für eine Oppositionsgruppe, die einen reinen Wirtschaftsbetrieb wollte, zu gemeinnützig. Gegenwind kam zudem von Parteiaktivisten, die Einfluß gewinnen wollten, von den Medien und von der Transport- Innung und einem Transport- Syndikat, die eine Erhöhung der Fahrpreise wollten. Ende 1977 ging die Kooperative in Caracas auf die Straße, um für eine Erhöhung des Kredites und eine Subventionierung des Fahrpreises zu demonstrieren. 1978 bekamen sie einen Kredit und kauften weitere 35 Busse. Auch der Zuschuss wurde schließlich vom Stadtrat bewilligt.
„Das hatte es in Venezuelas Demokratie noch nicht gegeben: Dass eine Basisorganisation, die von keiner politischen Partei kontrolliert wird, einen Stadtrat, der in der Hand der beiden großen Parteien war, dermaßen vorführt. So etwas war für die meisten Politiker nicht hinnehmbar- egal, welcher Partei sie angehörten. Der SCT (Anm. die Transportkooperative)musste gestoppt werden; darin waren sie sich einig[…]Ende 1979 nahmen die Versuche zu, Cecosesola zu isolieren. Die Pressekampagne wurde verstärkt und die Parteien machten in den Stadtteilen Propaganda gegen uns angebliche Linksextremisten.“ 2
Am 19. März 1980 führte die Kooperative eine Umsonstfahr- Aktion durch. Das hatte es noch nicht gegeben, ein Transportunternehmen organisierte ein kostenloses System auf freiwilliger Basis. Die Nutzer waren begeistert. Die Polizei nicht, sie stürmte das Betriebsgelände, verhaftete einige Arbeiter und beschlagnahmte die Busse. Paar Tage später kamen Rechnungsprüfer in die Kooperative. Jetzt begann der Exodus, 17 Kooperativen verließen den Verbund. Nach einem Marsch auf Caracas, einem Richterspruch und 140 Tagen konnten sie wieder ihr Betriebsgelände betreten. Von 127 Bussen waren nur noch 32 fahrtüchtig. Hier war mutwilliger Vandalismus am Werk gewesen.
Schließlich bauten sie Wochenmärkte und einen Gemüsehandel auf. Busse wurden zu mobilen Gemüsemärkten umgebaut. 1985 beschlossen sie die endgültige Schließung des Transportunternehmens. „Wir hatten eine Aktivität entdeckt, mit der wir von politischen Entscheidungen unabhängiger waren.“ 3 Märkte, mit denen sie zudem erfolgreich waren.

Ein Plädoyer für Arbeitsdisziplin?

Bei der Arbeit geht es um die lohnmäßige Entschädigung für diese Stunden und die Eingrenzung von Arbeitszeit und -intensität. „[…]wenn wir aus den Abhängigkeitsverhältnissen aufbrechen, merken wir, dass Arbeit und Lohn ihren ursprünglichen Charakter verlieren. Dabei entsteht eine wirtschaftliche Produktivität, die nicht nur höher ist, sondern auch einen anderen Inhalt bekommt.“ 4 Arbeit wird immer weniger Arbeit. Der Begriff der westlichen Arbeitskultur könnte eine Art Zwangsjacke werden. Andererseits wurden von Mitte bis Ende der 1990er Jahre auf jedem Markt ein Komitee für Arbeitsdisziplin gegründet. Durch die Rotation ist es möglich, in allen Bereichen zu arbeiten. Die Preise werden gemeinsam festgelegt. Sie richten sich nicht nach dem Gesetzen des Marktes. Die Kooperativen haben ein eigenes System solidarischer Finanzierung entwickelt, mit einem Generalfonds und lokalen Fonds.

Ein Plädoyer gegen erstickenden Kollektivismus und für Individualität

Für Cecosesola sind Individualität und Kreativität sehr wichtig. Die Beteiligten entwickeln eine globale ganzheitliche Sicht auf das Leben. Sie zeigen sich in Alltagssituationen konkret verantwortlich. Mit den Veränderungen wird auch das Verhalten vielschichtiger. Sie wollen keine erstickende Welt des Kollektivismus, sondern ein kollektives Handeln, dass die individuelle Entwicklung vorantreibt. Ergebnis dieses Transformationsprozesses ist eine offene und flexible Organisation in ständiger Bewegung. In der das Vertrauen zunimmt und sich die Beziehungen zu den anderen verändern. Damit wird ein Gefühl der Zugehörigkeit erreicht. Ziel ist die persönliche Veränderung und die Entwicklung all unserer Möglichkeiten im Rahmen kollektiven Handelns.

Ein Plädoyer gegen das Plündern im chaotischen venezolanischen Alltag

Es ginge vor allem darum, die kulturelle Prägung zu überwinden, jede Gelegenheit für den persönlichen Vorteil auszunutzen. Zudem ende der vielbeschworene egalitäre Zug der Venezolaner in Gleichmacherei. Solidarität verkomme zu einem komplizenhaften Ausnutzen der Situation. In Venezuela würden die Sammlerkultur und die westliche Kultur aufeinandertreffen. Es sei eine tropische Variante der westlichen Kultur. In der Sammlerkultur würden keine Anstrengungen zur Produktion von Lebensmitteln unternommen. „Das Wirtschaftssystem Kapitalismus erzeugt in uns eine erschreckende Fähigkeit zum Plündern[…]Manche rechtfertigen dieses Handeln mit unserer Armut. Das Plündern ist aber in größerem oder geringerem Maße in allen sozialen Schichten zu beobachten. Manchmal sieht es so aus, als sei unser Bedürfnis nach unmittelbarer Aneignung unersättlich.“5 Im venezolanischen Alltag befällt viele das Gefühl der Gesetzlosigkeit und/ oder Chaos.

Das Besondere I: Die Struktur ist nichts Statistisches, sondern ein fließender und flexibler Prozess.

In dem Dachverband gibt es weder Direktoren noch Hierarchien. Es finden jährlich 300 gemeinsame Treffen statt – neben den wöchentlichen Treffen der einzelnen Gruppen und Arbeitsbereiche. Bei den Versammlungen verschwanden nach und nach die Abstimmungen und machten dem Konsens Platz. Auch die Ausbildung und Schulung wurde Schritt für Schritt von allen gemeinsam angegangen, nicht nur von „ExpertInnen“. Sie arbeiten ohne Chefs und im Rotationsverfahren, es wird ein Einheitslohn bezahlt. Damit ist es ihnen gelungen, die übliche Bürokratisierung zu vermeiden.

Das Besondere II: die Beziehungen und sich selbst verändern

„Am Anfang liegt über jeder Selbstverwaltungserfahrung ein besonderer Zauber, und alle kümmern sich um die Organisation in ihrer Gesamtheit. Aber plötzlich und ohne es zu merken, werden wir darin zu Inseln, jeder zu seiner eigenen. Gründungsmitglieder beginnen, Privilegien für sich zu fordern. Die Hierarchie taucht in unterschiedlichen Gewändern wieder auf. Die Organisation verknöchert zusehends. Es kommt zur Bürokratisierung und damit zum Tod der anfänglichen Leidenschaft. Stattdessen blüht die Korruption in all ihren Spielarten.“ 6
Viele Leute, die die Kooperativen besuchten, glaubten einfach die Verfahren übernehmen zu können, um ebenfalls erfolgreich zu sein. Sie teilten die Hallen ähnlich auf, setzten sich zu Besprechungen in einen Kreis oder benutzten die gleichen Gerätschaften. Dabei beachteten sie aber nicht die Beziehungen, die in Cecosesola entwickelt wurden.
„Wir haben jedoch gelernt, dass die herrschende Kultur auch in uns drinsteckt und die Art unserer Beziehungen bestimmt. Diese Art von Beziehungen erschwert unter uns die Selbstorganisationsprozesse[…]Offensichtlich wird, sobald in einer Organisation der Kampf um die Macht als zentrales Motiv zum Verschwinden gebracht wird, eine kollektive Energie freigesetzt, die unter anderem in einer vorher ungekannten wirtschaftlichen Produktivität zum Ausdruck kommt.“ 7
Es war ein langer Weg von einer hierarchischen bis zu einer horizontalen Struktur mit Konsens- und Rotationsprinzip. Und es ist ein Versuch, „die kapitalistisch- patriarchale Kultur zu überwinden und stattdessen zu einem solidarischen Miteinander zu kommen.“ 8 Aber immer noch schleppen die Mitglieder der Kooperative Elemente der alten Gesellschaft mit sich herum. Selbstveränderung und Basisdemokratie beansprucht viel Zeit, da bleibt wenig Energie, sich politisch einzumischen. „Aber: Die große revolutionäre Veränderung ist nicht denkbar ohne die vielen Veränderungen im Kleinen.“ 9

Im Sozialismus des 21. Jahrhunderts

In vier Jahrzehnten hat sich Cecosesola enorm verändert. Aber auch die politischen Verhältnisse. Seit 1999 ist Hugo Chavez Präsident von Venezuela. Seitdem ist in der Verfassung verankert, Kooperativen jeglicher Art zu bilden. Das führte zu einem Gründungsboom. Viele Kooperativen existieren allerdings nur auf dem Papier, weil die Gründer nur die Zuschüsse kassieren wollten. Und viele aktive Kooperativen wurden von Firmen gegründet, um an öffentliche Aufträge zu kommen oder um Kosten zu sparen.
„Die Selbstverwaltung von Cecosesola passt nicht so richtig in das staatssozialistische Schema[…]Die Autonomie ist für den Staat ein Risiko. Das ist immer noch dieselbe Politik, die versucht, die Basisorganisationen zu kontrollieren. Die Sprache hat sich geändert, die Symbole und die Farben. Aber die politische Mentalität der Kontrolle hat sich nicht geändert.“ 10

Auf dem Weg

Ausführlich wird in dem Buch zunächst über die ersten zwanzig Jahre berichtet, vor allem über den Gegenwind, mit dem die Transportkooperative zu kämpfen hatte. Diese unterlag schließlich. Zu kurz kam mir dabei, woher der plötzliche Erfolg der Gemüsemärkte kam. Sie waren jetzt von politischen Entscheidungen unabhängig, aber hatten sie nicht auch mit Konkurrenten auf dem Markt zu tun.
Auch die Rolle von Gewerkschaftern scheint mir zu negativ gefärbt. Die Gegner der Transportkooperative versuchten innerhalb der Cecosesola Gewerkschaften zu etablieren und Lohnerhöhungen von 200 Prozent durchzusetzen, die die finanziellen Möglichkeiten der Kooperative überstieg. Es wurden schließlich zehn Prozent beschlossen, danach gab es keine Gewerkschaft mehr. Das Fazit in dem Buch: „Wo Schmalhans Küchenmeister ist, kann der Mensch eben keine großen Gelage feiern.“
Gleichzeitig freuen sie sich, dass die Arbeitsproduktivität steigt, weil es keine Chefs mehr gebe. Auf den Gemüsemärkten wurden sogar Komitees für Arbeitsdisziplin etabliert. Über das Beerdigungsinstitut schreiben sie Folgendes: „1981 hatten 30 KollegeInnen 30 Beerdigungen pro Monat organisiert. Im Jahr 2000 waren nur noch 20 ArbeiterInnen für 73 Beerdigungen und 38 Aufbahrungen zuständig und produzierten außerdem noch jeden Monat 80 Särge.“ 11Auch in der postmodernen Arbeitswelt mit flachen Hierarchien steigt die Produktivität, man kann es auch Selbstausbeutung nennen. Auch dort ist der ganze Mensch, vor allem seine Kreativität und Individualität gefragt.
Gut kann ich verstehen, wenn sich Menschen in einer chaotischen Gesellschaft mit permanentem Unsicherheitsgefühl wie in Venezuela gegen das Plündern aussprechen. Allerdings kollidiert das mit dem Konzept der Aneignung, dass vor einigen Jahren in der radikalen Linken in Deutschland propagiert wurde. Auch heute noch hängen in den Straßen Plakate, die zum Plündern aufrufen. Statt soziale Rechte also Plündern, was zur Kriminalisierung führen kann, in einer Gesellschaft, in der das Eigentum über allem steht.
Interessant fand ich den Abschnitt zum kulturellen Hintergrund und den Veränderungen der Beziehungen. Sie haben sich mehr mit den Beziehungen im Alltag beschäftigt und gemeinsam die Beziehungen analysiert, die im alltäglichen Handeln entstehen. Im Gegensatz zu anderen selbstverwalteten und selbstorganisierten Projekten haben sie sich um die internen Strukturen gekümmert. Viele dieser Initiativen scheitern an internen Streitigkeiten, die Beziehungen untereinander sind nachhaltig zerrüttet. Und das liegt daran, dass sich informelle Machtverhältnisse herausbilden, es gibt den „Chef“, den „Experten“, die Mitläufer etc. Daher sind auch die fließenden Strukturen mit Rotation, Konsens etc. sehr hilfreich.
Die Veränderungen der Beziehungen und die flexible Struktur sind jene Besonderheiten, die diese Organisation auszeichnen und deshalb auch das Buch empfehlenswert machen.
Zu kurz erschien mir der Abschnitt „Cecosesola im ‘Sozialismus des 21. Jahrhunderts’“. Sie schreiben: „Ein erfolgreiches Großprojekt wie Cecosesola ruft Neider auf den Plan, und für den Staatssozialismus sind Organisationen, die auf ihrer Unabhängigkeit bestehen und sich nicht verplanen lassen, in der Regel suspekt[…]Cecosesola wird immer wieder vorgeworfen, Teil der Opposition zu sein.[…]Die Mitglieder von Cecosesola machen dagegen immer wieder klar, dass sie als Projekt keiner Partei und keiner Religion anhängen.“12 Einige Kooperativistas befürchten sogar eine Enteignung. Dabei steht sogar in der Verfassung, dass eine Dezentralisierung des Staates und die Verlagerung der Entscheidungsbefugnis an die Basis vorgesehen sind. Ich kann mir daher nicht vorstellen, dass Cecosesola nicht auch Vorteile hat, seit Chavez an der Macht ist.

Das Buch schließt mit einem Nachwort von John Holloway: „ Der Besuch bei Cecosesola war eine große Lernerfahrung für mich. Er hat mir Sachen gezeigt, die ich nie zuvor gesehen habe, hat meinen Geist in neue Richtungen geweitet, neue Fragen für mich aufgeworfen.“
AktivistInnen von Cecosesola waren am 2. und 3. Mai in Berlin:

http://www.cecosesola.solioeko.de/
Die Kooperative:  http://cecosesola.blogspot.de/
Rezension von Elisabeth Voß:  http://www.cecosesola.solioeko.de/Heft331-Seite3.pdf
Alix Arnold:  http://www.cecosesola.solioeko.de/Heft330-Seite3.pdf
Anne Seeck

Anmerkungen
1Cecosesola, Auf dem Weg, Berlin 2012, S. 23
2Ebd. S. 36f.
3Ebd. S. 49
4Ebd. S.88
5Ebd. S. 81
6Ebd. S.101f.
7Ebd. S. 103f.
8Ebd. S. 8
9Ebd. S. 12
10Ebd. S. 154
11Ebd. S.47
12Ebd. S. 151f.


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