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“Ossietzky” 12/2015

Aufruhr in der Provinz

Vor 40 Jahren fand in einer westfälischen Kleinstadt die erste Betriebsbesetzung in der Geschichte der Bundesrepublik statt.

Mieterproteste, Blockupy oder Stuttgart 21 – heute gelten Städte als Mobilisierungsraum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Ignoriert werden dabei häufig die »kleinen« Kämpfe in der Provinz, die ohne große öffentliche Beachtung von abhängig beschäftigten Menschen ausgefochten werden und ebenfalls von einem Geist der Rebellion geprägt sind. Der Berliner Verlag Die Buchmacherei füllt diese Leerstelle, indem er diese (fast) vergessenen, aber ungewöhnlichen Arbeitskämpfe ans Licht holt (siehe auch Ossietzky 24/2014).

Ein beeindruckendes Beispiel bietet eine neue von Dieter Braeg herausgegebene Dokumentation. Das nahe Lippstadt gelegene Erwitte erlebte 1975 mit insgesamt 449 Tagen den längsten Firmenstreik der Nachkriegszeit. Dabei hielten die Beschäftigten fast acht Wochen lang den Betrieb besetzt. Anlass war die Entlassung von knapp einhundert Beschäftigten der insgesamt 150köpfigen Belegschaft des Zementwerks Seibel und Söhne. Nachdem der als rücksichtsloser »Frühkapitalist« verrufene Unternehmer Gespräche mit dem Betriebsrat sowie der IG Chemie-Papier- Keramik scheitern ließ, besetzte die Frühschicht am 10. März 1975 spontan und ohne Absprache mit der Gewerkschaft das Werk. Lastkraftwagen versperrten ab jetzt das Gelände. Die erste Betriebsbesetzung in der BRD hatte begonnen.

Die anlaufende bundesweite Solidaritätswelle brachte am 1. Mai 1975 12.000 Menschen auf dem Erwitter Marktplatz zu einer Kundgebung zusammen. Seibel aber blieb unbeeindruckt, schließlich räumte die Belegschaft nach fast zwei langen Monaten der Besetzung den Betrieb. Der Hauptvorstand der IG CPK wollte die »wilde«, sich außerhalb arbeitsrechtlicher Konventionen bewegende Aktion in geordnete Bahnen lenken, denn Gerichte hatten die Besetzung als illegal gewertet. Der Kampf wurde verstärkt auf die juristische Ebene verlagert und damit die Renitenz der Belegschaft gezügelt. Das öffentliche Interesse erlahmte mit der Zeit.

Im Buch kommen vor allem die widerständigen Menschen selbst zu Wort. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Situation der Frauen der Zementarbeiter. In der konservativ-katholischen Umgebung verließen sie die häusliche Sphäre, traten kollektiv in die Öffentlichkeit und wurden aktiver Teil des Widerstands.
Der Abwehrkampf mobilisierte für längere Zeit die Öffentlichkeit, um dann schnell wieder in Vergessenheit zu fallen – wie die Widerstandsoption Betriebsbesetzung selbst. Es ist gut, dass eine verschüttete Geschichte aus der Provinz der 70er Jahre noch einmal erzählt wird und uns daran erinnert, dass Arbeitskämpfe – auch ohne erweiterte politische Motive – als Teil sozialer Proteste zu verstehen sind.

Joachim Maiworm

 


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