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“express” 2/2020

Gelb geht die Sonne auf …

… und rot geht sie unter. Zu einem Sammelband über die Gelbwesten und zu unserer Bildstrecke

Die Bewegung der Gelbwesten hat mit ihrem Jubiläum nach einem Jahr eine Menge deutschsprachiger Publikationen mit sich ­gebracht: Hervorzuheben sind Peter Wahls »Gilets Jaunes: Anatomie einer ungewöhnlichen sozialen Bewegung« (Köln, Papyrossa), Guillaume Paolis »Soziale Gelbsucht« (Berlin, Matthes und Seitz), Luisa Michaels »Wir sollten uns vertrauen. Der Aufstand in gelben Westen« (Hamburg, Nautilus), die Aufsätze von Sebastian Chwala in der Zeitschrift Luxemburg sowie die Broschüre »Une situation excellente? Beiträge zu den Klassenauseinandersetzungen in Frankreich« der Gruppe translib Leipzig. Was die von Willi Hajek herausgegebene Textsammlung aus diesen Publikationen heraushebt, ist der Fokus auf das Verhältnis von Gelbwesten und Gewerkschaften, konkret: der französischen SUD Solidaires, aus deren Mitgliederzeitung die vorliegenden Texte übersetzt wurden.

Die Vielzahl der Publikationen zeigt einerseits die deutsche Sehnsucht, auch mal wieder eine solche Bewegung zu haben (und es wäre zu diskutieren, warum es diese hier nicht gibt), und ist andererseits ein Zeichen dafür, dass nach anfänglichen Kaperungsversuchen durch rechte und rechtsextreme Gruppen die Deutungshoheit über das Phänomen Gelbwesten wieder in linker Hand liegt. »Selbstverständlich hat die extreme Rechte versucht, die Bewegung zu infiltrieren, aber hat sie nicht auch versucht, die Gewerkschaften, selbst die kämpferischsten, zu unterwandern? Das Schlimmste war, ihnen diesen Raum gelassen zu haben«, so der Eisenbahner Christian Mahieux (S. 28). Èlie Lambert erklärt das mit der Zusammensetzung der Gelbwesten: »Das ist ein mehrheitlich ländlich geprägter Teil der Bevölkerung, von den städtischen Zentren durchaus weit weg, sehr ›weiß‹, politisch ›Mitte-rechts‹ verortet« (S. 46). Durch die Praxis des gemeinsamen Protests hat sich das Problem zumindest relativiert. Èlie Lambert beschreibt exemplarisch eine Szene, in der die BesucherInnen einer Moschee den protestierenden Gelbwesten Unterschlupf gegen Polizeibrutalität bieten: »Eine Szene, die zu Beginn der Bewegung völlig undenkbar war: Zwei Welten, die sich als getrennt, ja entgegengesetzt begreifen (…). An diesem Tag fielen soziale Schranken, der Antirassismus konnte punkten« (S. 45), und allgemeiner: »Aber ›der Fremde‹ ist auch da, er teilt dieselbe Bredouille und denselben Blechnapf. Das ließ die Stereotypen und Diskriminierungen in Scherben zerspringen« (S. 47).

Die AutorInnen des vorliegenden Sammelbandes, allesamt Mitglieder der SUD Solidaires, ordnen nicht nur die Bewegung der Gelbwesten, sondern auch sich selbst und ihre eigene Geschichte in die Geschichte der Neuen Sozialen Bewegungen, vom Aufstand der Zapatistas in Mexiko seit 1994 und der Globalisierungskritik bis hin zu Arabellion und Occupy, ein. Ob Gewerkschaft oder soziale Bewegung: Man steht vor denselben sozialen, politischen und ökologischen Herausforderungen. Die logische Schlussfolgerung: Eine Gewerkschaft, die mit diesen Entwicklungen mithalten will, muss sich radikal verändern, sie muss nicht nur ihre Umwelt, sondern auch sich selber, wie es neuerdings schon fast inflationär heißt, transformieren.

Die SUD-GewerkschafterInnen konstatieren ein hohes Misstrauen gegenüber den Gewerkschaften (S. 36). »Sie sind diesem Teil der Arbeiterschaft fast fremd, sind gar beinahe unsichtbar (…) Daher die so heftige ­Ablehnung« (S. 40). Doch diese Fremdheit beruht auf Gegenseitigkeit: »Den Gewerkschaften ist dieser Sektor größtenteils unbekannt« (S. 49). Oder: »Warum ist eine untergründige Bewegung der Klasse, wie wir sie organisieren wollen, uns so dermaßen unverständlich gewesen? Warum war Misstrauen unsere erste Reaktion angesichts eines Volkes, das sich wegen ernster Fragen in Bewegung setzte?!« (S. 79). Die Konsequenz für die ­Gewerkschaften der SUD Solidaires ist ein Gestus solidarischer Zurückhaltung: »Keine Großspurigkeit, also (beinahe) keine Fahnen; einige zogen die gelbe Weste an, andere trugen Anstecker oder einfach Aufkleber, immer aber achteten sie darauf, erkennbar zu bleiben. Bedacht auf ein Gleichgewicht zwischen Präsenz und Zurückhaltung« (S. 50). Die Postgewerkschafter Floriane Hèdé und Serge Le Quéau beschreiben, wie sie im Gewerkschaftsbüro Flugblätter für die Gelbwesten kopieren, »ohne Gewerkschaftslogo natürlich. Uns ist klar, dass es Zeit brauchte, bis die Gelbwesten uns unter Umständen akzeptieren würden« (S. 59). Ihre Beschreibung des gespannt-solidarischen Verhältnisses kumuliert in der Beschreibung eines Gewerkschaftskollegen, der als engagierte Gelbweste »möchte, dass die Gewerkschaften abdanken und in der Bewegung der Gelbwesten aufgehen – davon lässt er sich nicht abbringen« (S. 61). Die Konsequenz, die etwa François Marchive steht, würde man von keinem deutschen Gewerkschafter, egal aus welchem politischen Spektrum, derart drastisch hören: »Die Arbeiterbewegung, die mit ihren Gewerkschafts-, Partei- oder Vereinsstrukturen breite Massen des Proletariats organisiert hat, ist Geschichte. Die Arbeitswelt ist atomisiert, individualisiert, desorganisiert. (…) Wir stehen vor der konkreten Folge der (…) Umstrukturierung kapitalistischer Herrschaft. Doch die Konfliktbereitschaft ist nicht verschwunden, sie drückt sich nur außerhalb der ›traditionellen‹ Arbeiterbewegung und des Betriebs aus« (S. 81).

Wenn Gelb das neue Rot ist, heißt das, dass man tatsächlich Streik und Gewerkschaft ad acta legen sollte und die Zukunft den Riots und dem Protest von BürgerInnen auf der Straße gehört? So hören sich tatsächlich viele Selbstkritiken der aktiven GewerkschafterInnen an. Nun wissen wir aber sehr wohl, dass das alles nichts wird, wenn nicht auch in den Betrieben, an den Orten der Produktion, Bewegung existiert. Gewerkschaft bleibt nötig, aber: »Wir werden unsere gewerkschaftliche Praxis nicht erneuern können durch hehre ideologische Posen oder schöne Flugblätter mit den richtigen Forderungen, sondern nur durch unsere örtliche Nähe und echte Nützlichkeit bei den konkreten Problemen unserer Klasse. Alle Fragen – Ökologie, Feminismus, Kampf gegen Dis­kriminierungen usw. – müssen in der Organisation formuliert und artikuliert werden, aber unter der doppelten Maßgabe der Klassenfrage und einer konkret nützlichen Praxis« (S. 83). Dem bleibt nichts hinzuzufügen.

Torsten Bewernitz


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