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“express” Nr. 8/9 2018

„Aus Parteilegenden kann man keine Lehren ziehen“

Willy Huhn (1909-1970) – Kritiker des Nationalismus, der Sozialdemokratie und des Bolschewismus.

Von Torsten Bewernitz

 

Biografien wie die hier vorliegende zu dem Rätekommunisten Willy Huhn sind wichtig, weil sie einen Mythos untergraben, der die Wahrnehmung von „1968“ bis heute prägt: dass es sich bei den Ereignissen der langen 1960er Jahre um einen Bruch handeln würde, der ein Abschied von der Arbeiterbewegung und eine Hinwendung zu vermeintlich „postmaterialistischen“ neuen Bewegungen wäre. Natürlich gab es diese Aspekte des Bruchs, aber 1968 ist nicht zu verstehen, ohne auch die Kontinuitäten zu betrachten, auf denen dieser globale Revolutionsversuch basierte (s. dazu Gregor Kritidis‘: „Linkssozialistische Opposition in der Ära Adenauer“). Dabei war Huhn kein typischer 1968er, aber er war eben einer von jenen vielen wichtigen Stichwortgebern aus der „alten“ Arbeiterbewegung, die dafür sorgten, dass die Bewegungen der späten 1960er und frühen 1970er Jahre auch in dieser Tradition stehen.

Willy Huhn, 1909-1970

Die Familie des 1909 geborenen Willy Huhn siedelt 1919 von Metz nach Berlin über. Huhn, der sehr unter seinem autoritären und gewalttätigen Vater, einem deutschnationalen Polizeibeamten, gelitten hat, emanzipiert sich von diesem während seiner Buchhändlerlehre (S. 35-37) und beginnt sich politisch und gewerkschaftlich zu engagieren. Der Nationalsozialismus führt zur Vereinzelung in innerer Emigration, Huhn wird zum einsamen Theoretiker in seiner Privatbibliothek. Dabei blieb er von Repression weitgehend verschont: Zwar kam es zu Hausdurchsuchungen und 1935 wurde Willy Huhn auch als Mitglied der Roten Kämpfer verhaftet, konnte jedoch glaubhaft machen, diesen niemals angehört zu haben. Huhns Asthma bewahrte ihn vor dem Kriegsdienst, er wurde lediglich 1939/40 dienstverpflichtet, sein Wehrdienst wurde 1942 aus dem gleichen Grund abgebrochen. Seine Bildungsarbeit nimmt er nach dem Zweiten Weltkrieg in der SBZ für verschiedene SED-Bildungseinrichtungen in Berlin und Thüringen wieder auf, bevor es zum Bruch kommt und er 1948 nach Westberlin übersiedelt. Als Dozent an der Hochschule für Politik (dem späteren Otto-Suhr-Institut) und Redakteur verschiedener linkssozialistischer Zeitungen wird er zu einem Stichwortgeber der Außerparlamentarischen Opposition und nimmt in diesem Rahmen neue Themen auf, wie vor allem die Kritik auch der „friedlichen“ Atomkraftnutzung (S. 177-183). Huhn verstirbt nach längerer Krankheit am 17. Februar 1970.

Jochen Gesters Biografie Willy Huhns besteht eigentlich zwei Büchern, genau genommen sind es sogar drei: eine knapp 200-seitige Biografie, fast 400 Seiten Texte von Willy Huhn und knapp 200 Seiten weitere Beiträge von Willy Huhn auf einer Daten-CD. Willy Huhn ist, so Jochen Gester, ein der heutigen Linken weitgehend Unbekannter. 2003 hat zwar der Freiburger Ça-Ira-Verlag Huhns Hauptwerk „Der Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus“ neu herausgegeben, nicht jedoch, ohne ein spitzes Nachwort zu den vermeintlichen Problemen in Huhns Denkens hinzuzufügen – das Faible der sogenannten „Antideutschen“ für den Rätekommunismus habe ich angesichts der Widersprüche dieser beiden Denkschulen (Angst vor der Masse/Hoffen auf die Masse) nie nachvollziehen können. Wenn ich dieses Interesse interpretieren sollte, so findet sich die Überschneidung darin, dass der Rätekommunismus zu einer starken Theoretisierung neigt und in aktuelle Kämpfe nur wenig eingreift, sondern eine beobachtende Position einnimmt. Er ist dabei allerdings immer auf der Suche nach revolutionärem Handlungspotential, während die „antideutsche“ Ideologieschule nach Belegen dafür sucht, dass die Masse strukturell reaktionär ist und bleiben wird.

Willy Huhn ist einer zweiten Generation der Rätekommunisten zuzurechnen: Während die BegründerInnen der Schule – Rosa Luxemburg, Anton Pannekoek, Karl Korsch, eingeschränkt aufgrund der späteren Geburt auch Paul Mattick – oftmals durch eine sozialdemokratische Parteiaktivität und die Beteiligung an der Revolution 1918/19 geprägt sind, wird der bürgerliche Metzer Offizierssohn erst in der späteren Weimarer Zeit aktiv. Jochen Gester schildert den Weg dahin von der Revolte gegen den autoritären Vater über die Jugendgruppe des (im ADGB organisierten) Zentralverbands der Angestellten zum Engagement in der SAP und bei den Roten Kämpfern, denen Gester einen ausführlichen Exkurs widmet (S. 60-78). Seinem familiären Hintergrund entsprechend und vielleicht auch den Möglichkeiten der Zeit geschuldet, ist Huhns Engagement theoretischer Natur, Jochen Gester nennt ihn einen „auf eine Gelehrtenexistenz begrenzten Autodidakten“ (S. 90). Das ändert sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht. Huhn schreibt für die Pro und Contra, Neues Beginnen und den Funken und erlebt als Stichwortgeber der republikanischen Clubs einen zweiten Frühling mit jungen Leuten, die sich für seine Geschichte und sein Denken interessieren. Zu seinen klassischen Themen – der Kritik des Nationalismus, der Sozialdemokratie und des Bolschewismus – kommen neue Themen wie die Nutzung der Atomenergie. Längst war Willy Huhn zu diesem Zeitpunkt bereits aus der SPD ausgeschlossen, ein Ausschluss, der sich von 1951 bis 1954 erstreckte.

Querulant mit Charakter

Dieser lange Prozess weist auf einen Charakterzug Huhns hin, der in politischen Kreisen nicht selten ist und, auch wenn wahrscheinlich viele LeserInnen ein Lied über anstrengende KollegInnen und GenossInnen zu singen vermögen, auch nicht ausschließlich negativ zu beurteilen ist: Ganz offenbar handelte es sich bei Willy Huhn um einen notorischen Querulanten. Das zeigen vor allem seine Auseinandersetzungen mit dem Zentralkomitee der SED während seiner kurzen Karriere in der Erwachsenenbildung der DDR (S. 121-129) wie auch der recht lang andauernde Prozess des Parteiausschlusses aus der westdeutschen SPD (1951-1954, S. 164-171), aber auch die Querelen um die linkssozialistische Pro und Contra. Klein beigeben war offenbar gar nicht Willy Huhns Art. Seine Kritik an der SED zwang ihn 1948 zum illegalen Umzug nach Westberlin, denn in Ostberlin fühlte er sich „im Hinblick auf gewisse kritische Arbeiten über Russland und den Bolschewismus nicht mehr sicher“ (S. 129). Im Falle des Parteiausschlusses aus der SPD ging es im Wesentlichen um seine Analysen der historischen Rolle der Sozialdemokratie, in diesem Sinne verlangte er auch von der SPD selber, sich dieser Geschichte zu stellen, anstatt Parteilegenden aufzubauen oder zu reproduzieren.

Dass die Analyse der historischen Rolle der Sozialdemokratie ein Schwerpunkt in den Schriften Huhns war, zeigt auch der zweite Teil des Buches mit den Beiträgen Huhns. Huhn kritisiert an der Geschichte der Sozialdemokratie eine Fixierung auf einen autoritären Staat, begonnen bei Lassalles Vorstellungen der staatlich geförderten Arbeitergenossenschaften über die Idee des „Volksstaats“ bis zum „Kriegssozialismus“, der Idee also, dass die preußische Organisation des Ersten Weltkriegs Vorbild für den Sozialismus sei. Konsequenz dessen, so Huhn, konnte nur ein „nationaler Sozialismus“ sein und letztlich der Nationalsozialismus. Huhn schildert also die Entstehung des Nationalsozialismus auch aus den Ideen und Ideologien der Arbeiterbewegung.

Huhns zweiter Schwerpunkt, die Kritik des Bolschewismus, kann als Fortsetzung ebendieser Analyse gesehen werden, denn was für Lassalle und Kautsky gilt, gilt für Lenin und Trotzki nicht weniger. Die Auseinandersetzungen mit Trotzki führen zum Bruch mit Ernest Mandel und zur Aufgabe des Redakteurspostens in der Pro und Contra: Trotzkis Rolle in der russischen Revolution setzt Huhn mit der Rolle Noskes in der deutschen Revolution gleich.

Für Huhn ist die Niederkämpfung der deutschen Revolution, um die Säulen der Weimarer Republik – ökonomischer Burgfrieden, politischer Burgfrieden und Kriegssozialismus – zu etablieren, der Vorläufer des Nationalsozialismus. Die absurde Achse Lenin-Hindenburg, wie Rosa Luxemburg die Kollaboration Russlands und Deutschlands genannt hat, setzt sich im Hitler-Stalin-Pakt fort.

Der „politische Kompass“

Zwischen dem rätekommunistischen Engagement in der Weimarer Zeit und dem Engagement in der Neuen Linken im langen 1968 liegt freilich unter anderem auch die Zeit des Nationalsozialismus. In den beginnenden 1940er Jahren entsteht aus Huhns Geschichtsfatalismus die zeitlich begrenzte „Einsicht“, dass das nationalsozialistische Deutschland eine bestimmte historische Rolle habe, u.a. die Niederschlagung der englischen Vorherrschaft, dass infolgedessen der Russlandfeldzug notwendig sei und der Sieg Deutschlands das richtige Ziel. Der Nationalsozialismus sei die bessere Alternative zum Liberalismus, so der Grundtenor dieses kurzzeitigen „politischen Schwenks“, den Jochen Gester als „Verlust des politischen Kompass“ bezeichnet (S. 90-101).

Obwohl die deutsche und niederländische rätekommunistische Tendenz in ihren Theorien mehr Wert auf freiheitliche und Selbstverwaltungsaspekte legt als Sozialdemokratie und Bolschewismus, so teilt sie mit diesen beiden doch einen historischen Determinismus (wenn auch ohne die übliche naturalistische Begründung) und radikalisiert den daraus resultierenden Fatalismus und Attentismus noch; der niederländische Kommunist Henk Sneeviet sprach diesbezüglich einmal von den „Klosterbrüdern des Marxismus“. Bezüglich der Problematik von Nationalismus und Faschismus führte genau diese fatalistische Haltung zu dem „Verlust des politischen Kompass“: Angesichts der Weltwirtschaftskrise, die in diesen Kreisen nicht selten als „Todeskrise des Kapitalismus“ falsch eingeschätzt wurde, galten den Rätekommunisten die faschistischen Regime als notwendige Begleiterscheinung des Kapitalismus und wurden als vermeintlich vorübergehende Beschleuniger dieser Krise teilweise sogar begrüßt. Als historisch-materialistische Notwendigkeit entsprachen sie, trotz ideologischer und ethischer Ablehnung ihrer Ideologie, einer „wirklichen Bewegung“ der widersprüchlichen Kräfte des Kapitals. Von dieser Denkfigur aus ist es gedanklich und emotional nur noch ein kleiner Schritt, den Willy Huhn tun muss, um den Nationalsozialismus zu verteidigen.

Offensichtlich hat dieser Kompass allerdings des Öfteren ziemlich verrückt ausgeschlagen. Ohne der völligen Verurteilung Huhns als Antisemiten, die die Herausgeber seines Buches „Der Etatismus der Sozialdemokratie“ (ca ira 2003) nahelegen, zustimmen zu können, kann ich doch auch Jochen Gesters Verteidigung Huhns nicht zustimmen. Zuviel von Huhns Argumentation ist hier klischeemäßig abgeschmackt: „Semiten“ seien sprachlich eben auch die AraberInnen, es ginge nicht um ein „Volk“, sondern um eine „Religion“… – das sind nicht gerade starke Argumente gegen einen Antisemitismusvorwurf. Auch Huhns Kritik an Luther (S. 594-604) als Antisemiten ist wenig überzeugend, um seinen eigenen Antisemitismus zu entkräften. Wenn Huhn auf eine spezifisch jüdische Geschichte eingeht und schlussfolgernd aus dieser suggestiv fragt „Sind sie wirklich in diesem Sinne unschuldig an allem, was von 1933 bis 1945 geschah?“ (S. 186) und sogar noch weiter geht, dass „eine soziale Gruppe wie die Juden“ aus ihrer Geschichte heraus besonders anfällig für rassistische Deutungen und Faschisierung sein müsse (S. 187), so kann man das nur Antisemitismus nennen.

Fragwürdig ist auch Huhns Mitarbeit an dem Querfront-Projekt Neue Politik, einer im Hamburg der 1950er/1960er erscheinenden Zeitung, die wohl am ehesten als „nationalrevolutionär“ zu bezeichnen ist – damit steht Huhn jedoch nicht allein, zahlreiche renommierte Linke (etwa Paul Mattick) schreiben hier. Vergleichbar ist das vielleicht mit Äußerungen Noam Chomskys oder Johan Galtungs heute in neokonservativen und sogar rechtsextremen Medien.

Wir finden also einen notorischen Querulanten, dessen Judenbild fragwürdig ist, der für eine kurze Zeit im Nationalsozialismus die geschichtlich fortschreitende Kraft zu finden glaubt und auch in der Bundesrepublik noch in Querfront-Zusammenhängen schreibt. Aber das ist nur eine Seite der Bilanz. Huhns Analysen der Sozialdemokratie, des Bolschewismus und Trotzkismus wie auch seine historischen Analysen (gerne hätte ich die nicht mit in die Auswahl genommenen Analysen des Täuferreichs zu Münster und des ostdeutschen Generalstreiks 1953 gelesen), auch der Großteil seiner Biografie und vor allem sein Engagement in den Bewegungen um 1968, lassen eben deutlich den Menschen erkennen, der „auf der Suche nach Rosas Erbe“ war. Wer sucht, verläuft sich auch manchmal, das sollte man niemandem vorwerfen. Und wer heute noch nach dem Erbe Rosa Luxemburgs sucht, der sollte bei seiner Suche auch die Schriften Willy Huhns einbeziehen.


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