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“ila 354 / 2012

Gelebte solidarische Utopie
Neues Buch über einen Kooperativenverbund in Venezuela

Cecosesola hat unseren Begriff vom Machbaren verändert“, so die HerausgeberInnen im Vorwort zum Buch über den bemerkenswerten Kooperativenverbund in der Millionenstadt Barquisimeto im Westen Venezuelas. Einzigartig an Cecosesola (Central Cooperativa de Servicios Sociales Lara), dem „Dachverband für soziale Dienstleistungen“ ist, dass er sich politisch neutral im heutigen Venezuela versteht. In der jüngsten Vergangenheit ließ sich der Kooperativenverbund weder von Hugo Chávez’ Projekt des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ vereinnahmen, noch unterstützte er die Opposition. Die MitarbeiterInnen von Cecosesola wollen ein solidarisches Leben in Barquisimeto aufbauen. Das jüngst erschienene Buch „Auf dem Weg – Gelebte Utopie einer Kooperative“ beschreibt die Geschichte und Struktur dieses Kooperativenverbunds. Im Zuge der Kooperativenbewegung der 60er-Jahre wurde Cecosesola 1967 gegründet. Inwiefern nach 45 Jahren von einem erfolgreichen Beispiel für Basisdemokratie und ökonomische Selbstverwaltung gesprochen werden kann, lässt sich allein an der Anzahl der Unterorganisationen ablesen. Bis zum heutigen Tag arbeiten 85 verschiedene basisdemokratische Kooperativen und Vereine im Dachverband der Cecosesola.

Die kritische Auseinandersetzung mit der westlich-kapitalistischen Kultur nimmt bei Cecosesola eine zentrale Funktion ein. Diese Kultur wird in den Augen der Cooperativistas als eine „der Macht und der Herrschaft“ entlarvt. In Venezuela habe sich über Jahrhunderte eine Mentalität entwickelt, mit der die Menschen in jeder Lebenslage versuchen, für sich als Individuum ihren eigenen Vorteil zu erlangen. Diese allgegenwärtige Kultur des Egoismus versucht Cecosesola zu verlassen und Auswege aufzuzeigen. Zwischenmenschli­che Beziehungen, wie z.B. Gleichberechtigung und das Miteinander im täglichen Produktionsprozess, stehen in einem absoluten Kontrast zur materialistischen Welt außerhalb der Kooperative. Gleichberechtigte Kommunikation und der Abbau von Hierarchien schaffen ein Klima des harmonischen, einheitlichen Miteinanders in der Organisation. Entscheidun­gen werden in Versammlungen im Konsens getroffen. So fanden im letzten Jahr insgesamt 3000 wöchentliche Treffen der einzelnen Kooperativen und Projekte innerhalb des Dachverbandes statt. Groß- und Kleinprojekte werden in diesen ständigen Versammlungen beschlossen. Heute hat Cecosesola 1200 angestellte Mitarbei­terInnen. Innerhalb des Verbunds werden die einzelnen Aufgaben der MitarbeiterInnen im Rotationsprinzip verteilt. Die Löhne sind einheit­lich, eineN ChefIn gibt es nicht.
Das erste Projekt der Cooperativistas war kurz nach der Gründung ein Beerdigungsinstitut. Dies war nötig, da es Ende der 60er-Jahre für viele Menschen in Barquisimeto unerschwinglich war, ihren verstorbenen Angehörigen ein würdevolles Begräbnis zu ermöglichen. Mittlerweile sind ca. 17 000 Familien Mitglied in diesem Projekt, das zusätzlich mit einer Sterbeversicherung verbunden ist. Damit ist es das größte Bestattungsunternehmen im Westen Venezuelas. In der breiten Öffentlichkeit machte sich Cecosesola erstmals im Jahre 1974 einen Namen. Da die privaten Transportunternehmen von Barquisimeto Druck machten, die staatlich regulierten Fahrpreise zu erhöhen, gründeten die Cooperativistas nach einer kurzen Phase des Protestes ihre eigene Busli­nie SCT (Servicio Cooperativo de Transporte). Mit Hilfe von Krediten konnten 128 Busse für die SCT gekauft werden, die mit ihren niedrigen Ticketpreisen den privaten Unternehmen Konkurrenz machte. Aber auch mit den Behörden kam es zu einem Konflikt, der im Jahre 1980 in einer Enteignung sämtlicher Busse der SCT gipfelte. Nach einer Entscheidung des Innenministers bekam Cecosesola nach einigen Monaten die Busse zurück. Doch weil zwei Drittel der ehemals fahrtüchtigen Busse demoliert worden waren, musste die SCT ihren Betrieb einstellen. Dem gesamten Kooperativenprojekt der Cecosesola drohte damit das finanzielle Aus.

Etwa zur selben Zeit schuf sich Cecosesola ein weiteres finanzielles Standbein mit karitativem Hintergrund: drei Gemüsemärkte in den einkommensschwächsten Vierteln von Barquisimeto. Hier werden Obst und Gemüse zum Kilo-Einheitspreis verkauft, und auch andere Lebensmittel (wie Brot, Vollkornnudeln, Getreideflocken, Tomatensauce, Kräuter, Gewürze, Honig). Diese Märkte fanden schnell Anklang, so dass die inzwischen ausgedienten Stadtbusse zu mobilen Gemüsemärkten umfunktioniert wurden, die weitere Stadtteile mit Lebensmitteln beliefern. Mitte 1986 wurden bereits 30 Stadtteile und drei feste Wochenmärkte von den Cecosesola-Agrarkooperativen mit Nahrungsmitteln versorgt. Zurzeit werden auf den selbstorganisierten Märkten wöchentlich rund 450 Tonnen Obst und Gemüse verkauft. Laut Selbstbeschreibung versorgen sich hier rund 55 000 Familien – etwa ein Viertel der Bevölkerung von Barquisimeto. Durch den neugewonnenen finanziellen Spielraum konnten in den folgenden Jahren Projekte wie z.B. ein integrales Gesundheitszentrum oder eine Kooperative für Kreditvergabe gegründet werden.

Welchen Weg Cecososela in Zukunft einschlagen wird, ist durchaus noch offen. Die Zukunftsprojekte werden an die Bedürfnisse in der Stadt und der Region angepasst. „Auf dem Weg – Gelebte Utopie einer Kooperative in Venezuela“ ist ein sehr informatives Buch über den in Deutschland sicherlich unbekannten Kooperativenverbund Cecosesola. Empfehlenswert für alle, die sich vertieft über die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in Venezuela informieren wollen.

Niels Wiese


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