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“Jungle World” vom 30. November 2005

Die Maschinen wurden einsam
Eigentlich verwundert es, dass das Wort “Streik” noch im Duden zu finden ist. Es wird in der deutschen Öffentlichkeit wie ein Unwort behandelt: Wenn vom Streik die Rede ist, ist gleich der “Aufschwung” bedroht (der dann auch ohne Streik nicht kommt), Deutschland ist in Gefahr, die Wettbewerbsfähigkeit, der Betrieb, die Löhne, nichts scheint mehr sicher. Die Unternehmer mahnen auf Plakaten: Wer jetzt streikt, streikt gegen sich selbst. Eine bevorstehende Katastrophe muss abgewendet werden.

Es gibt nur einen Begriff, der hierzulande eine noch stärkere Wirkung entfaltet: der “wilde Streik”. Zu einem solchen kam es im Oktober 2004 im Opel-Werk in Bochum. Als die Konzernleitung einen umfassenden Abbau von Arbeitsplätzen ankündigte, wartete die Belegschaft nicht lange auf die Gewerkschaften, zu groß war das Misstrauen. Die Arbeit wurde spontan niedergelegt, und um nicht von einem wilden Streik zu sprechen, nannte man den Ausstand “verlängerte Info-Veranstaltung”.

“In diesem Streik standen erstmals die Zeichen klar auf Beschleunigung. Gewerkschaften und Betriebsräte wurden geradezu überrascht und von der selbstständigen Aktion der Belegschaft übergangen”, schreibt der Gewerkschafter Willi Hajek in dem Buch “Sechs Tage der Selbstermächtigung”, das er zusammen mit Jochen Gester, dem Mitglied des Arbeitskreises Internationalismus der IG Metall Berlin, herausgegeben hat. Das Buch vereint Interviews von Opel-Arbeitern mit Analysen und will “einen Beitrag leisten zu der erst langsam beginnenden Diskussion über den weiteren Weg des sozialen Widerstands”. Es ist ein Buch von Gewerkschaftern, die nicht mit Kritik an den Gewerkschaften zurückhalten.

Denn bei der späteren Beendigung des Streiks spielte vor allem die IG Metall eine unrühmliche Rolle. Der Kölner Stadtanzeiger schrieb: “Bochum war die Wiedergeburt der Gewerkschaften als Ordnungs- und Gestaltungsmacht. Nicht die Belegschaft hat danach gerufen, sondern die Unternehmensführung.” Das Buch schildert die Geschichte des Scheiterns eines sozialen Kampfes. Es lässt aber erahnen, was möglich ist.

Stefan Wirner


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