Zurück zu allen Rezensionen zu Eine sozialistische Fantasie ist geblieben

Rezension der “Sozialistische(n) Zeitung” SoZ Oktober 2005

Sozialistische Fantasien
Neu, wenn auch nicht ganz neuartig ein Buch, in dem das wichtigste Kapitel mit den Worten beginnt: “Eine sozialistische gesellschaft müsste zum land zurückfinden, zur landwirtschaft als grundlage einer gesunden ernährung und eines handwerklichen tätigseins…”
Werner Ruhoff, Kölner Sozialist und früherer Anhänger der kommunistischen Partei, hat seine “fantasien” zu Papier gebracht, angeregt nicht nur durch das Scheitern des Realsozialismus, dem er sich früher verbunden fühlte, sondern vor allem durch alternative Erfahrungen von gemeinschaftlichem Zusammenleben und Arbeiten jenseits des bisherigen sozialistischen Mainstreams.
Seine persönliche Reise von den gefügten Vorstellungen der DKP- und DDR-Sphäre zu den Alternativen von Longo mai oder der Sozialistischen Selbsthilfe in Köln-Mülheim wird anschaulich ergänzt durch seine Vorstellungen, wie denn eine neue andere Art von Sozialismus aussehen könnte: “Ich bin der Meinung, der Real-Sozialismus ist gescheitert, weil die soziale Utopie von vornherein durch ein autoritär-bürokratisches System zur Durchsetzung einer rigiden Industrialisierung erstickt wurde … Die Stärke, die uns mehr und mehr bewusst werden sollte, liegt darin, dass wir tätig und kreativ sein können, ohne in Kapitalverhältnisse eingebunden zu sein … Solange wir mit dem Ruf nach Arbeit das Kapital meinen, das uns Arbeit organisiert um sich zu vermehren, werden wir unter den Bedingungen eines wachsenden Arbeitskräfteüberschusses zunehmend erpressbar, auch noch die letzten Reste von Würde für einen Hungerlohn und sinnentleerte Arbeiten zu verkaufen.”
Jenseits des Kapitals sucht Ruhoff nach anderem Leben und Arbeiten (“Tätigsein”) und widmet in seinem Buch viele Seiten den ökonomischen und gesellschaftlichen Utopien, die er in Ansätzen in seiner Stadt und draußen gefunden hat. Jede dieser Fantasien mag diskussionswürdig sein: Produktion im Viertel für die Selbstversorgung, Lebensmittelverteilung, freier Wohnraum, handwerkliche Verarbeitung, Maschinenrecycling, Diskussion über Bedarf und Bedürfnisse, Mobilität auf der Basis von öffentlichem Verkehr, alles das stellt sich der Autor konkret für seine Stadt vor.
Wo das Buch allerdings passen muss: wie soll es dahin kommen, dass solche sozialistischen Ideen Wirklichkeit werden? Welche nicht nur kleinen Gruppen werden aufgrund der jetzigen Widersprüche an so einem Prozess teilnehmen? Jenseits solcher Fragen ist das Buch wichtig für Menschen, die sich wie der Autor selbst in Solidarität zur DDR und Sowjetunion verstanden haben – und denen er seinen Epilog widmet: “Wer den Mut zur Scham nicht aufbringt, muss leugnen und verdrängen oder in eine andere Identität flüchten … Der Marxsche Imperativ, alle Verhältnisse umzustürzen, die den Menschen knechten, erniedrigen, aus ihm ein verächtliches Wesen machen, wurde verfehlt … (Im Real-Sozialismus) wurde die Moral ebenso zur reinen Funktion des Klassenkampfes, zu einem Instrument, das den kategorischen Imperativ menschlichen Handelns außer Kraft setzte und den Menschen quasi zum Objekt degradierte.”
Rolf Euler


Zurück zu allen Rezensionen zu Eine sozialistische Fantasie ist geblieben