Zurück zu allen Rezensionen zu Hugo Sonnenschein – “Judenjunge, Slowakenkind, Kulturbastard” / “Der Bruder Sonka …” (Gedichte)

“RLS-online” v. 30.9. 2020

Ein «doppeltes» Buch über einen zweifach verfolgten Schriftsteller

Die Buchmacherei hat mit ihrem Buch über und von Hugo Sonnenschein eine sehr gute Publikation vorgelegt. Sie beinhaltet eine von Peter Haumer verfasste Biographie «Judenjunge, Slowakenkind und Kulturbastard. Versuch über das Leben von Hugo Sonnenschein» und den Gedichtband «Der Bruder Sonka und die allgemeine Sache oder das Wort gegen die Ordnung» von Hugo Sonnenschein. Es handelt sich dabei um einen Wiederabdruck des 1930 erschienenen und heute schwer erhältlichen Buches, das auch als «Dokument eines Dichterschicksals» gelesen werden kann.

Mit der schön gestalteten Ausgabe, ein Sonnenschein-Porträt von Egon Schieleprägt das Cover, ist dem Verlag ein ansprechendes Buch gelungen, das hoffentlich zu einer zweiten Wiederentdeckung dieses Schriftstellers führt. Die erste erfolgte durch die Arbeiten von Karl-Markus Gauß und Jürgen Serke in den 1980er Jahren. Hugo Sonnenschein ist es wert, nochmals in Erinnerung gerufen zu werden, denn eine Rehabilitierung dieses Autors steht immer noch aus. Im biographischen Teil schafft es Peter Haumer das politische Leben von Hugo Sonnenschein gut aufzuarbeiten und zu kontextualisieren. Der im mährischen Dorf Gaya 1889 Geborene befand sich oft im Widerspruch zu seiner Zeit. Bereits in jungen Jahren ging er nach Wien und lebte dort mit Unterbrechungen bis zu seiner Ausweisung 1934. In den 1910er Jahren wirkt er in den Kreisen der Anarchist_innen und der expressionistischen Avantgarde, vagabundiert durch halb Europa und veröffentlicht seine ersten Gedichtbände. In der revolutionären Nachkriegssituation in Wien schloss er sich der Roten Garde und der kommunistischen Bewegung an. Er ist Mitbegründer der Kommunistischen Partei Tschechiens und auch in der KPÖ aktiv. In dieser Zeit nahm er sein Pseudonym Sonka an, engagierte sich im Genossenschaftsverlag und bei der Zeitschrift «Daimon». In den 20er Jahren widmet sich Sonnenschein fast vollständig der politischen Arbeit und wird 1927, auf Grund seiner Kritik und Ablehnung gegenüber Stalin, aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Er gilt als Trotzkist, bezog sich selbst aber auf Lenin und trat für eine «Kommunistische Demokratie» ein. Diese Position sollte ihm später noch zum Verhängnis werden.

Haumer arbeitet diese schwierige Situation sehr anschaulich heraus, vor allem was sie für einen kommunistischen, von der Partei verfemten Schriftsteller bedeutet. In dieser Phase folgt auch Sonnenscheins Hinwendung zur Vagabundenbewegung, die mit Gregor Gog und der Bruderschaft der Vagabunden eine politische Bedeutung erlangte. Sonnenschein, der sich nun als Vagabund des Wortes verstand, kritisiert sowohl die Kommerzialisierung der Vagabundenbewegung als auch die von Gog angestrebte Hinwendung zur KPD. In den 1930er Jahren setzt wieder eine rege Publikationstätigkeit ein, u.a. erschien der nun hier wieder aufgelegte Gedichtband, der auch als Testament eines (damals) 40jährigen gelesen werden kann. Der in vier Teile gegliederte Band besteht aus überarbeiteten Gedichten aus den 1910er Jahren und aus neuen. Manche Gedichte sind spitz und scharf, manche mit Pathos versehen, andere klagend. Insgesamt bilden sie einen Rückblick, der von Nachdenklichkeit und Ernüchterung gekennzeichnet ist. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Der ab Mitte der 1930er Jahre in Prag lebende Sonka wird 1940 von den Nazis verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Er überlebt. 1947 wird er von der CSSR-Justiz unter dem Vorwand der Kollaboration mit der Gestapo zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er stirbt 1953 im Gefängnis. «Hugo ´Sonka` Sonnenschein, nach eigener Definition ´Judenjunge, Slowakenkind und Kulturbastard`, wartet immer noch auf seine Rehabilitation. Das Schandurteil von 1947 ist nie aufgehoben worden!» (Haumer, S. 113). Mit dieser Publikation ist ein kleiner Anfang gemacht.

Andreas Pavlic ist Schriftsteller und Kulturarbeiter. Er lebt in Wien.

Quelle: https://www.rosalux.de/stiftung/gespraechskreise/geschichte/rezensionen?pk_campaign=HistorischesZentrum&pk_medium=06%2f2020


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