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Zeitschrift “die internationale. Magazin der Internationalen Sozialistischen Organisation” Nr. 1 / 2017

Die Zielsetzung der Autoren

Schriften der Arbeiter/innenbewegung berichten von den Uneinigkeiten, Konflikten und Auseinandersetzungen zwischen Marxist/innen und Anarchist/innen. Anhänger/innen beider Strömungen haben nicht selten theoretische oder historische Arbeiten verfasst, um die Gegenspieler/innen anzuprangern. Ein recht bekanntes Beispiel ist Stalins: Anarchismus oder Sozialismus? (1907). Der spätere Generalsekretär der KPdSU schreibt darin: „Wir sind der Auffassung, dass die Anarchisten richtige Feinde des Marxismus sind. Wir erkennen also auch an, dass man gegen richtige Feinde einen richtigen Kampf führen muss.“

Besancenot und Löwy distanzieren sich ausdrücklich von dieser destruktiven Tradition: „Ziel unseres Buches ist das genaue Gegenteil…“: „Wir hoffen, die Zukunft wird rot und schwarz sein: der Antikapitalismus, der Sozialismus oder Kommunismus des 21. Jahrhunderts wird aus diesen beiden Quellen der Radikalität schöpfen müssen. Wir wollen einige Samen eines libertären Marxismus streuen, in der Hoffnung, dass sie auf fruchtbaren Boden fallen, dass sie wachsen und gedeihen.“

Inhalt/Themen

Marxistische und anarchistische Strömungen gehörten in den revolutionären Bewegungen des 20. Jahrhunderts zu den dynamischsten Kräften der sozialrevolutionären Bewegungen –zeitweise im Bündnis miteinander, aber auch in unerbittlicher Gegnerschaft.

Im ersten Teil ihres Buches stellen B. und L. knapp dar:

die Erste Internationale und die Pariser Commune (1871), den Ersten Mai und die Märtyrer von Chicago (1886), den Syndikalismus und die Charta von Amiens (1906), die Revolution in Spanien (1936-1937), den Mai 68, die Entwicklung von der globalisierungskritischen Bewegung zu den Indignad@s.

Es folgt eine Reihe von Porträts libertärer Kämpfer/innen: Louise Michel (1830-1905), Pierre Monatte (1881-1960), Rosa Luxemburg (1870-1919), Emma Goldman (1869-1940), Buenaventura Durruti (1896-1936), Benjamin Péret (1899-1959) und Subcomandante Marcos (geb. 1957).

In einem zweiten Teil diskutieren die Autoren „Gemeinsamkeiten und Konflikte“: die Russische Revolution, Kronstadt und Machno.

In einem dritten Teil stellen sie drei marxistisch-libertäre Theoretiker dar: Walter Benjamin (1894-1940), André Breton (1896-1966) und Daniel Guérin (1904-1988).

Im vierten und letzten Teil diskutieren sie politische Fragen, die zwischen Anarchisten  und Marxisten strittig sind, in der Perspektive einer möglichen Einigung: Individuum oder Kollektiv? Die Revolution machen, ohne die Macht zu übernehmen? Autonomie oder Föderalismus? Demokratische Planung oder Selbstverwaltung? Direkte oder repräsentative Demokratie? Gewerkschaft oder Partei? Ökosozialismus oder libertäre Ökologie?

Sie beenden ihr Buch mit dem Plädoyer: „Für einen libertären Marxismus!“

Mängel

Leider enthält das Buch ein paar unnötige Mängel: etwa die wenig glückliche deutsche Übersetzung des Titels; kein Inhaltsverzeichnis trotz vieler Kapitel und Unterkapitel; gelegentliche sprachliche Mängel (von denen ich nicht feststellen kann, ob sie auf die Autoren oder die Übersetzer/innen zurückgehen, da mir das französische Original nicht zugänglich ist) – so wird etwa Rosa Luxemburgs Satz über die Freiheit, die immer nur die Freiheit des anders Denkenden ist, sehr unangemessen, wie ich finde, als „hübscher Satz“ charakterisiert.

Wenig überzeugend finde ich auch die Ernennung von Walter Benjamin und André Breton zu „marxistisch-libertären Theoretikern“. Das Wenige von Benjamin und Breton, das – schwerstverständlich formuliert – in diese Tradition gehört, scheint mir kein Beitrag zu sein, mit dem sich die Zielsetzung oder die Strategie revolutionär-sozialistischer Bewegungen verbessern ließe.

Warum die beiden Autoren das marxistische Konzept einer sozialistischen Ökonomie „jenseits des Mangels“ – eine Möglichkeit, die von  anarchistischer Seite keineswegs bestritten, sondern vielmehr geteilt wird – für illusorisch erklären, und zwar ohne ernsthaft zu argumentieren, ist mir unverständlich.

Schließlich: Es trifft nicht zu, dass Besancenot und Löwy mit ihrem Buch „eine Diskussion eröffnen“. Sie führen vielmehr eine Diskussion fort, wie etwa ihre intensive Bezugnahme auf den libertären Marxisten Daniel Guérin klar zeigt. Und bereits 1925 stellte der anarchistische Historiker des Anarchismus, Max Nettlau, die Frage:

„Müssen die Kämpfe zwischen den autoritären und den freiheitlichen Richtungen auch erst Jahrhunderte dauern, um dann wie einst das Theologengezänk beiseitegeschoben zu werden? Oder hat man den Willen, ist man imstande, aus jenem warnenden Beispiel zu lernen?“

Fazit

Trotz der genannten Mängel ist das Buch durchaus lesenswert, weil es – verständlich geschrieben – von inhaltlichem Reichtum ist und konstruktiv mit den vorhandenen Gegensätzen und Konflikten umgeht.

J.-F.Anders


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