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Zur Kritik der sozialistischen Fantasie von Ulrich Weiß

“Das Problem sehe ich darin, dass die Leute auf ihren verschiedenen Stühlen nicht in eine fruchtbare Diskussion miteinander kommen, was sie in einer anderen Welt leben möchten”

Uli Weiß bemerkt, dass wir grundsätzlich unterschiedliche Sichtweisen haben. Und das finde ich gerade das Spannende, wenn mensch sich auf eine streitbare Diskussion einlässt. Dafür braucht’s aber die gegenseitige Anerkennung der Argumente auf einer “gleichrangigen Höhe”, sonst hat das Ganze ein unfruchtbares Gefälle, das sich von der Höhe der Wahrheit auf die Tiefe der fixen Idee herablassen muss.

Ich möchte ein paar Überlegungen zu meinem Buch äußern:

Anhand einiger Grundpositionen und Fragmente bei Marx/Engels wird m.E. deutlich, wie sehr grundsätzliche Fragen des “wissenschaftlichen Sozialismus” ungelöst blieben bzw. durch die Entwicklung neu formuliert werden müssten. Auf diese Grundpositionen und Fragmente kann es verschiedene Blickwinkel und auch Antworten geben. Keiner der Aspekte/Bereiche dürfte ein Schlüsselproblem darstellen, dessen Lösung das Tor zu einer besseren Gesellschaft öffnete. Meiner Meinung gibt es keinen einzigen Dreh- und Angelpunkt, der wie eine Drehscheibe an alle anderen Probleme andockt.

Das sowjetische System (und damit auch alle Staaten und Wirtschaftssysteme, die ähnlich der SU funktionierten) war in meinen Augen sehr wohl ein sozialistisches, da es ganz wesentliche Merkmale aufwies, die auch Marx und Engels als charakteristisch für den Sozialismus ansahen – allerdings in einer sehr unvollkommenen und pervertierten Ausführung. Die Produktionsmittel waren im Wesentlichen in den Händen der staatlichen Macht und es gab eine zentrale Wirtschaftsplanung, um wirtschaftliche Krisen zu vermeiden und die Produkte auch nach sozialen Kriterien zu verteilen. An Stelle des Proletariats hatte allerdings die Parteiführung die staatliche Macht inne. Das war der wesentliche Unterschied zur Diktatur des Proletariats bei M/E. Wenn ich mich recht entsinne, enthalten die Sozialismusentwürfe im Kommunistischen Manifest, in der Kritik des Gothaer Programms und anderen Schriften wie von der Utopie zur Wissenschaft nichts grundsätzlich Anderes – aber mit der Vorstellung verbunden, dass die Klassenunterschiede schneller verschwinden, der Staat schneller abstirbt und die Verteilung nach einer ersten Stufe des S. nicht mehr nach dem bürgerlichen Leistungsprinzip, sondern nach Bedürfnissen erfolgt – also die in Aussicht stehende Perspektive einer kommunistischen Gesellschaft.

Diese “Formalitäten” gehörten zum Grundkanon aller kommunistischen Strömungen – ihre gegenseitigen Feindschaften wurden ideologisch mit angeblichen und tatsächlichen Abweichungen von diesen Formalitäten begründet – wobei es von maoistischer Seite Ansätze gab, denen solche Formalitäten nicht genügten, weil sie mit alten Inhalten ausgefüllt blieben, solange die Basis der ArbeiterInnenschaft nicht wirklich auch “Herr der Produktion” werden konnte.

Dieser Punkt deutet schon auf ein inhaltliches Problem, das Marx in anderen Zusammenhängen aufgezeigt hat – in der deutschen Ideologie geht es um die Teilung der Arbeit in körperliche und geistige und die damit verbundene Verfügungsgewalt über ProduzentInnen und Produkte. Die Wichtigkeit dieser Schlussfolgerung ist im sowjetischen Machtbereich vollkommen beiseite geschoben worden – das Problem wurde in technokratischer Manier auf die Entwicklung der Produktivkräfte geschoben und nicht als zu gestaltende oder zu erstreitende Auseinandersetzung anerkannt. Mit der inhaltlichen Frage der Warenproduktion und des Wertgesetzes ist es nicht so eindeutig und einfach. Es gibt dazu durchaus unterschiedliche Standpunkte, weil die Aussagen von Marx in seinen ökonomischen Schriften da nicht so eindeutig sind. Allenfalls das Verteilungsprinzip nach den Bedürfnissen lässt darauf schließen, dass es in der höher entwickelten Kommunistischen Gesellschaft aus Gründen der moralischen, sozialen und technologischen Weiterentwicklung das bürgerliche Leistungsprinzip nicht mehr gibt. Und in den Grundrissen (die diesbezüglichen Aussagen werde ich bei Gelegenheit genauer lesen) gibt es meines Wissens keine Vision eines warenlosen Sozialismus, sondern die gedachte Verlängerung eines gesellschaftlichen Reichtumspotenzials, das den wirtschaftlichen Anreiz der Wertkategorie obsolet macht und allen Individuen Möglichkeiten eröffnet, am Genuss und am Reich der Freiheit teilzunehmen, während das Reich der Notwendigkeit auf ein Mindestmaß geschrumpft sei. Wenn ich das falsch verstanden habe, bitte ich um Erläuterung bzw. eine gezielte Angabe, wo ich das genau nachlesen kann. Zur Frage des Wertes gibt es sogar Passagen, die vermuten lassen, diese Kategorie gehöre zu einer zeitlosen Gesetzmäßigkeit, die in jeder Ökonomie, also auch in der sozialistisch/kommunistischen, zur Geltung komme. Georg Lukacz beruft sich in seiner Schrift “Sozialismus und Demokratisierung” hier auf den Zeugen Marx, den er gegen Stalin (“Die ökonomischen Probleme des Sozialismus in der UdSSR”) ins Feld führt (MEW 23/S.92/93). Offensichtlich wird Marx verschieden ausgelegt, je nach dem, wo die MarxexegetInnen den Schwerpunkt ihrer Marxinterpretation suchen. Ein weiterer wichtiger Inhalt ist die im Kapital formulierte Kritik am Fetischcharakter – aber auch hier wieder losgelöst von der Frage, wie das Problem im Sozialismus gelöst sein könnte.

Bakunins Kritik an Marxens Staatsillusion (Diktatur des Proletariats – die m.E. durch die Illusion über die emanzipatorische Fähigkeit des Proletariats selbst hervorgerufen wurde) wurde von der Wirklichkeit später noch weit übertroffen. Der erbitterte Kampf von Marx und seinen Anhängern gegen die anarchistischen SozialistInnen hat letztendlich dazu beigetragen, dass die Staatsillusion in der SPD und in sozialistischen/sozialdemokratischen Parteien anderer Länder zu einer ideologischen Säule des Revisionismus wurde, der sich später entgegen alle “marxistisch-leninistischen” Postulate bis in das sowjetische System fortsetzte.
(Stichworte verselbstständigte Macht – nationale Werte/nur deklamatorischer Internationalismus – ideologisch kein Absterben des Staates mehr – in weiter Ferne – stattdessen eine neue Variante des Volksstaates)

Marx erwähnt im Kapital auch die Untergrabung des Reichtums der Erde durch ihre kapitalistische Ausbeutung, beispielhaft belegt an der modernen Landwirtschaft in den USA. Leider blieb dies nur ein Ansatz, der an vielen Stellen in anderen Schriften von einem technologischen Fortschrittsoptimismus überlagert wurde. Auch in der Frage der Technologie lassen sich bei Marx widersprüchlich interpretierfähige Schlussfolgerungen ziehen. Einerseits sieht er in der technologischen Entwicklung einen Fortschrittsmotor. Bei Marx (ich kann keine genaue Angaben machen wo ) ist meiner Erinnerung nach im Kapital aber auch zu erfahren, dass die Warenproduktion samt Ausbeutung eine spezifisch kapitalistische Art der Technologie hervorbringt –
Dass die Problematik dieser Dialektik von Marx, Engels oder sonst einem/einer zeitgenössischen Marxisten/Marxistin weiter verfolgt wurde, ist mir nicht bekannt.
Neben der Wertproduktion als ökonomischer Ausbeutungsquelle sind die Bereiche Staat und Technologie ganz entscheidende Hebel der Machtausübung. In der Debatte der Grünen in den achtziger Jahren wurde die Frage des Technologietypus/Charakters – auch anknüpfend an den kritischen Ansatz bei Marx weitergeführt. Die profitträchtige Verwertung der Technologie bringt einen speziellen Technologietypus hervor, der sich auf Menschen und Umwelt äußerst schädlich auswirkt.

Die Marxsche Vorstellung von Sozialismus war ja damals zeitgemäß auch mit der Vorstellung der Überwindung einer kleinteiligen Borniertheit und einem Trend hin zum Großen verbunden, ein Trend der natürlich auch technologische Voraussetzungen und Konsequenzen hatte. Heute wissen wir aus Erfahrung, dass Zentralisierung der Demokratisierung im Wege steht, dass aber Dezentralisierung aufgrund der Mobilität und der Vernetzungsmöglichkeiten heute nicht mehr unbedingt Bornierung bedeuten muss. Dezentralisierung ist eine wesentliche Voraussetzung, damit basis-demokratische Strukturen entstehen können, die mit Hilfe der modernen Elektronik über Grenzen hinweg verbunden werden. Eine Tendenz, welche der Dezentralisierung Vorschub leisten würde, ist die Umstellung der Energiebasis auf regenerative Energien.

Feministische Theorieansätze sehen in der Marxschen Kapitalismusanalyse einen großen weißen Flecken – die Frage der reproduktiven Tätigkeiten, die Rolle des Weiblichen und ihre Unterordnung unter die männliche Dominanz – haben in der feministischen Forschung zu einer anderen Sicht auf die Ökonomie geführt. ÖkofeministInnen sehen in der Verbindung von Reproduktion und Natur das Zentrum einer solidarischen Ökonomie, in der die Produktion den Bedürfnissen dieses Zentrums untergeordnet ist. In der feministischen Denkschule gibt es VertreterInnen, die sich an der Warenkritik beteiligen und die Selbstversorgung als eine Möglichkeit sehen, den Bereich des wertfreien Wirtschaftens (Schenkökonomie, freiwillige Kooperation, wirtschaften für ein gemeinsames Eigenes usw. ) von dort aus auszudehnen.

Die vom Club of Rome in den siebziger Jahren spektakulär initiierte Debatte um die Grenzen des Wachstums spielte sich zwar vor dem Hintergrund der sog. Ölkrise ab. Aber dahinter kamen schon die verheerenden ökologischen Auswirkungen einer vom Wachstumszwang beherrschten Ökonomie zum Vorschein. Im Prinzip leben wir paradox in einem warenförmigen Überflusssystem, das nach Meinung von ökologisch orientierten SozialistInnen in der Form nicht aufrecht erhalten werden kann, weil die Belastbarkeit der natürlichen Grundlagen verheerende Folgen zeitigt. Aus dieser Sicht geht es nicht darum, den Überfluss aus seinem Warengefängnis zu befreien, zumal dieser Überfluss mit viel unnützem Zeugs belastet ist, das nicht nur die Umwelt schädigt, sondern auch die emanzipatorische Entwicklung der Individuen behindert. Statt dessen müsste eine emanzipatorische Gesellschaft ihre Bedürfnisschwerpunkte von materiellen Konsumgütern auf kommunikative, bildungsmäßige und künstlerische Bereiche verlagern. Im kommunikativen Bereich zeigt sich allerdings, dass die Vermarktung von Wissen und Ergebnissen anachronistisch wird, wenn die Barrieren der Warenförmigkeit leicht umgangen werden können. Das Experimentieren mit einer warenfreien Kooperation zwischen den Beteiligten bei der Entwicklung von Computerprogrammen bringt neue Erkenntnisse und Erfahrungen mit sich, die sich vielleicht auf andere Bereiche ausdehnen lassen. Diese Frage muss praktisch gelöst werden.

In meinen sozialistischen Fantasien war es mir wichtig, diese verschiedenen Aspekte in Form einer Reportage in Beziehung zueinander zu bringen. Dadurch erschließt sich auch die Ebene einer gewissen Spannung, die durch gesellschaftliche Konflikte erzeugt wird, z.B. im Streit um die Rolle des Geldes. Und um das Lesen auch ein wenig unterhaltsam zu machen, gibt es Kuriositäten (Losverfahren) und Animositäten. Aber die geschilderten Konflikte haben nicht nur den Grund, Unterhaltung oder Spannung zu erzeugen. Es wird keine Auflösung aller Widersprüche geben. Eine Gesellschaft, die keine Entfremdung mehr kennt, in der Schafe und Wölfe nur noch friedlich beieinander liegen, entspricht den Heilserwartungen der biblischen Texte. Solange uns der Messias aber nicht das Heil auf die Erde bringt, werden wir uns mit Konflikten herumschlagen müssen. Fragt sich nur, wie zivilisiert wir das schaffen. Die sozialistische Vision darin bleibt, dass die Trennung von Arbeit und Eigentum aufgehoben ist, dass niemand mehr verhungern muss und dass die Menschen mehr Freiheit genießen als in den Zuständen, mit denen wir uns jetzt herumschlagen müssen. Im Übrigen ist es nicht so, dass die Leute asketisch leben in meiner Fantasie. Die meisten Gebrauchsgegenstände, die wir kennen, stehen ihnen auch zur Verfügung. Nur sie gehen sparsamer damit um, durch kollektiven Gebrauch, durch Verschenken und durch die Überflüssigkeit von Statussymbolen. Die Ökonomie beruht auf dem kollektiven Eigentum der Kommune, die Gebäude und Produktionsmittel engagierten NutzerInnen, die weitgehend Spielraum für eigene Initiativen und Ideen haben, zum Gebrauch zur Verfügung stellt. Dass es keine Zinsen und Gewinne gibt, ist ein ganz wesentlicher Unterschied zu den Ökonomien des Realsozialismus und wie ich meine auch ein Stück Befreiung aus ökonomischen Zwängen. Es muss kein Mehrwert mehr erzeugt werden. Das befreit auch vom Wachstumszwang. Es gibt keine strikte Trennung mehr zwischen geistiger und körperlicher, produktiver und reproduktiver Arbeit. Auch das ist weit fortschrittlicher als im Realsozialismus. Es gibt keine gravierenden Lohnunterschiede mehr, und in der Fabrik diskutieren die Arbeiter darüber, die Lohnzahlung abzuschaffen. Statt dessen kann sich jedeR nach seinen Bedürfnissen aus der gemeinsamen Kasse bedienen, natürlich im Rahmen eines vorgegebenen Budgets und ausgehandelter Regeln. Und es gibt die nachbarschaftliche Selbstversorgung mit Lebensmitteln aus Gärten und Feldern. Die Menschen zahlen auch keine Mieten, weil der Anteil der Selbstversorgung im Baubereich durch Eigenleistungen sehr hoch ist. Und wenn die Arbeitsentgelte durch ein verstärktes Engagement in der Selbstversorgung sinken, verringern sich auch die Abgaben an den städtischen Fonds. Der gesamte Geldkreislauf wird dadurch vermindert. Eine Fantasie, in der die Gesellschaft gänzlich ohne Warenproduktion auskommt, war mir doch zu kühn. Es geht ja nicht nur darum, dass den Menschen die Arbeit zum Bedürfnis geworden ist. Eine geldlose Kooperation kann ich mir vorstellen, wo Menschen in überschaubaren, kleinen Kreisläufen Zufuhr und Nachfrage direkt ausgleichen können. Dann sind die Fertigungsketten aber auch nicht sehr tief. Aber wie kommt der Stahlarbeiter an seine Milch, wenn der Bauer, was der Normalfall ist, kein Stückchen Stahl gebrauchen kann? Wie werden die einzelnen Glieder der langen Versorgungskette aufeinander abgestimmt mit Arbeitszeiten und Berechtigungen zum Zugriff auf Produkte? Es wird immer eine relative Knappheit bei bestimmten Gütern herrschen. Dementsprechend müssen sich Arbeitsaufwand und Verbrauch aufeinander beziehen. In einem Schlaraffenland, in dem die Produktion gänzlich von Robotern bewältigt wird und mehr Güter produziert werden als die Menschen benötigen, wäre eine Gesellschaft ohne Warenproduktion die nahe liegende Konsequenz. Aber das ist dann wirklich Sciencefiction.

Meine Beobachtung fördert nun das Ergebnis zu Tage, dass keinE eingefleichteR SozialistIn mit meiner Fantasie zufrieden ist, weil ihr/sein jeweils fokussierter Schwerpunkt in dem Themenspektrum nur inkonsequent zum Zuge kommt. Bei den traditionellen KlassenkämpferInnen spielt das Proletariat eine zu geringe Rolle, stört das Handwerk, gibt es zu wenig Fabrik, bei einer Ökofeministin ist zu viel Städtisches drin, der libertäre Ansatz ist durch das kommunale Rätesystem verwässert, Silvio Gesell kommt nur am Rande vor, der warenkritische Ansatz kommt zu kurz usw. Ich sitze also zwischen allen Stühlen. Aber das ist nicht mein Problem. Das Problem sehe ich darin, dass die Leute auf ihren verschiedenen Stühlen nicht in eine fruchtbare Diskussion miteinander kommen, was sie in einer anderen Welt leben möchten, was möglich sein kann und wie man Unterschiedlichkeiten auf ein gemeinsames Ziel lenken kann. In der internationalen globalisierungskritischen Bewegung sind ganz unterschiedliche Klassen, Milieus, soziale Sichten, Sitten, Kulturen und dementsprechend Ansichten und Interessen vertreten, Leute, die Proudhon näher stehen als Marx oder die ganz andere Bezüge haben, Menschen die auf den Sozialstaat und einen keynesianisch gezähmten Kapitalismus zielen und solche, die ihn überwinden wollen. Ich denke, die müssen sich im gegenseitigen Respekt ertragen. Der konkrete Kampf wird zeigen, wo sich die Wege wieder trennen oder wie sie zusammenbleiben. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn die mächtigsten Institutionen des Kapitals erst einmal ihre scheinbare Allmacht durch einen heftigen Widerstand einbüßten, damit der Spielraum für eigenständiges Handeln und neue Ansätze tragfähig werden kann.

Köln, den 14.2.2006 W.R.


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