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Kulturmag Juni 2026

True Crime Berlin, diesmal als Roman

(AM) Dieser historische Kriminalroman steht Meilen über dem, was wir sonst oft unter einem solchen Label serviert bekommen. Es ist einer der spektakulärsten Doppelmorde der deutschen Geschichte: die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1919 vor dem Hotel mit dem paradiesischen Namen Eden im Berliner Bezirk Tiergarten. Kaum ein anderer Autor hat sich so intensiv mit der deutschen Novemberrevolution befasst wie Klaus Gietinger. Mit bereits einem halben Dutzend Büchern über Revolution und Konterrevolution in Deutschland hat er diese historische Zeit umkreist. Er hat zu den Morden selbst recherchiert, hat die Biografie des unmittelbaren Befehlsgebers geschrieben, des Freikorps-Hauptmanns Waldemar Pabst, hat dessen Netzwerke recherchiert und Monografien zur Volksmarinedivision und zum Kapp-Putsch veröffentlicht. Seine Gesamtdarstellung »November 1918« umrundete die Ereignisse. Manches aber kann die Fiktion einfach besser. Nach sechs Sachbüchern zum »verpassten Frühling des 20. Jahrhunderts«, so der Untertitel von »November 1918«, hat Gietinger sein Thema des verhinderten Experiments eines basisdemokratischen Sozialismus noch keineswegs erschöpft. Jetzt also Berlin 1919 (so der Untertitel) als gewichtiger, wuchtiger Roman mit 492 Seiten.

»Die Handlung folgt recht genau wahren Ereignissen. Mit einer Ausnahme. Die zwei Hauptpersonen haben nie gelebt, alle anderen schon«, ist dem Roman vorangestellt. 90 Prozent der Handlungsstränge sind belegbar, lässt der Verlag uns wissen. Gietinger erfindet zwei junge polizeiliche Ermittler mit Vorgeschichte: die Kriminalassistentin Cläre und den Kriminalkommissar Richard. Sie ermitteln für das Berliner Polizeipräsidium unter dem authentischen Bernhard Weiß, »der erste Jude, der ein solch hohes Amt, den des Vizekriminaldirektors im preußischen Polizeidienst bekleidete«. Claire hat es faustdick hinter den Ohren, sie führt ein Doppelleben, ist polyamourös, arbeitete während des Krieges in der Rüstungsindustrie, fand so zur USPD und konspirierte mit deren militärischem Arm, den »Schwarzen Katzen«. Ihr Vater ist in der SPD, die selbstzerfleischenden Konflikte der Linken dieser Zeit personalisieren sich (längst) nicht nur mit ihm. Insgesamt bietet der Roman rund 130 Personen auf, das Verzeichnis gliedert sie in Polizei, Eltern, Matrosen, Revolutionäre, Hotel-Beschäftigte, Militär, Regierung, Finanziers, Freundinnen und Freunde, Pazifisten, eine Fotografin ist auch dabei. Immer wieder wird es geradezu panoramisch, ich fühlte mich an den großen Film »Menschen am Sonntag« erinnert.

Klaus Gietinger, der ja auch ein formidabler Filmregisseur und Filmautor ist, führt souverän Regie. Sein Roman ist kondensierte Geschichte. Den Titel Tote auf Urlaub teilt er sich mit dem Erstlingsroman von Milo Dor (1952), der eine Geschichte aus dem kommunistischen Widerstand aus den Jahren 1941-45 erzählte. (Mein Porträt dazu hier.) Keine schlechte Gesellschaft, fürwahr.