Jüdisch, links, antinational
Das Buch »Die radikale jüdische Tradition« hinterfragt die Beziehung von Judentum und Zionismus
Von Raul Zelik
Nach der Gaza-Debatte hat Die Linke nun einen Zionismuskonflikt. Dabei wird man allerdings den Eindruck nicht los, dass die Auseinandersetzung deutlich produktiver verlaufen könnte, wenn die Beteiligten besser auf dem Laufenden wären. Denn trotz umfangreicher Berichterstattung über jüdische und israelische Geschichte ist die Öffentlichkeit in zentralen Fragen erstaunlich schlecht informiert. So gilt beispielsweise als nicht zu hinterfragende Tatsache, dass nach den Erfahrungen der Shoah Jüd*innen über alle ideologischen und parteipolitischen Grenzen hinweg die Gründung des Staates Israel befürworteten. Dementsprechend wird die Geschichte des jüdischen Staats mit Verweis auf die Kibbuzim-Bewegung als progressives Projekt begriffen, das erst mit den Angriffen der arabischen Nachbarstaaten nach rechts gerückt sei. Das erklärte Anliegen von Donny Gluckstein und Janey Stone ist es, diesem Geschichtsnarrativ zu widersprechen. Dafür rekonstruieren die Autor*innen, beide aus jüdischen Diaspora-Familien stammend, in ihrem Buch »Die radikale jüdische Tradition« die Debatte, die zwischen unterschiedlichen jüdischen Strömungen über die Gründung eines Nationalstaates im britischen Kolonialgebiet geführt wurde. Dabei wird deutlich, dass es sich beim Zionismus um eine bürgerlich-nationalistische Bewegung handelte, die von der jüdischen Linken ihrer Zeit entschieden abgelehnt wurde. Oder wie Gluckstein/Stone konstatieren: »In den Jahren 1897 und 1898 wurden innerhalb weniger Monate drei verschiedene Antworten auf die Unterdrückung der Juden entwickelt, davon war der Zionismus die schwächste. Die beiden anderen waren der ›Jüdische Arbeiterbund‹ und der russische Marxismus.«
Die Autor*innen machen kein Geheimnis daraus, dass ihre Perspektive biografisch und vom politischen Aktivismus geprägt ist: Glucksteins Vater war der trotzkistische Theoretiker Tony Cliff (Yigael Glückstein), Stone ist eine langjährige Aktivistin der australischen Gewerkschafts- und Frauenbewegung. Daran anknüpfend widmet sich das Buch vor allem den sozialistischen Traditionen des osteuropäischen Judentums. Beide halten es für eine besondere Stärke jüdischer Organisationsansätze, dass sie aufgrund der Diaspora- und Unterdrückungserfahrung früher und radikaler als andere Bevölkerungsgruppen jenseits nationalstaatlicher Grenzen denken konnten.
Das Erstarken des Zionismus ist vom Scheitern der internationalistischen Linken nicht zu trennen.
So entstand der »Jüdische Arbeiterbund« Ende des 19. Jahrhunderts als eine gewerkschaftlich-sozialistische Selbstorganisierung, die Arbeits- und antirassistische Kämpfe zusammenbringen wollte. Die große Mehrheit der osteuropäischen Jüd*innen war nämlich auf ähnliche Weise »doppelt« unterdrückt wie migrantische Arbeiter*innen heute: Im Rahmen der Industrialisierung wurden sie proletarisiert, waren zugleich aber auch Opfer antisemitischer Pogrome. Bemerkenswerterweise propagierte der »Jüdische Arbeiterbund« die Pflege jüdischer Identität (vor allem der jiddischen Sprache), lehnte ein jüdisches Nationalprojekt aber ab. Verteidigt wurde vielmehr die Idee der »Doykeit«: einer Politik des »Hierseins«, die kulturelle und soziale Rechte innerhalb bestehender Staaten durchsetzen sollte.
Im Unterschied zum »Arbeiterbund«, der vor allem im Baltikum und heutigen Ostpolen aktiv war, propagierten die jüdischen Kader in der bolschewistischen Partei auch eine Abkehr von der kulturellen jüdischen Identität. Bei ihnen, die vor allem in der Frühphase der Komintern eine Schlüsselrolle spielten, begründete die Diaspora-Perspektive einen radikalen Internationalismus, der vom Stalinismus massiv bekämpft und zurechtgestutzt wurde.
Der Zionismus schließlich sei, so Gluckstein und Stone, als bürgerliche Gegenbewegung zu diesen beiden sozialistischen Traditionen entstanden. Geprägt von der kolonialrassistischen und ethnonationalistischen Perspektive des europäischen Bürgertums habe der Zionismus ein Nationalprojekt entwickelt, das Klassenwidersprüche innerhalb des Judentums unsichtbar machte und der arabischen Bevölkerung Palästinas feindlich oder zumindest herablassend gegenüber trat.
Gluckstein/Stone blenden nicht aus, dass der nationalsozialistische Terror in den 1940er Jahren für eine Lage sorgte, in der die Existenz von Zufluchtsorten für Jüd*innen zur Überlebensfrage wurde und sich dadurch auch die Akzeptanz des Zionismus im europäischen Judentum veränderte. Es sei ein sozialistischer Zionismus entstanden, der »von Palästina träumen (und) radikal politisch aktiv werden« wollte. Doch für Gluckstein/Stone war dieser Ansatz zum Scheitern verurteilt: »Die reformistische Strategie des Linkszionismus, den nationalen Patriotismus mit dem Sozialismus zu verbinden, (…) wollte Unvereinbares vereinen.« Diese Einschätzung ist auch biografisch unterfüttert: Glucksteins Vater, Yigael, war palästinensischer Jude und verließ das britische Mandatsgebiet 1946 als erwachsener Mann, weil er Zionismus und britische Kolonialherrschaft gleichermaßen ablehnte.
»Die radikale jüdische Tradition« kann sicher nicht beanspruchen, eine allgemeingültige Bewertung des Zionismus zu formulieren. Das Buch vermittelt eine linke Perspektive auf die jüdische Nationalbewegung. Und wichtig ist auch der Hinweis, dass antisemitische Kampagnen, wie es sie in der Sowjetunion unter Stalin oder Ende der 1960er Jahre in Polen gab, die Unfähigkeit sozialistischer Bewegungen unter Beweis stellten, eine universalistische Perspektive zu entwickeln. Insofern ist das Erstarken des Zionismus vom Scheitern einer internationalistischen Linken nicht zu trennen.
Die Debatte bleibt also voller Ambivalenzen. Trotzdem ist das Buch eine gute Grundlage, um das in Deutschland vorherrschende Geschichtsnarrativ zu hinterfragen: Wer den Antizionismus sanktionieren will, unterschlägt, dass der Antizionismus Teil der jüdischen linken Geschichte ist. Dass diese Tradition aus politischen Motiven unsichtbar gemacht worden ist, ist eine der Ursachen, warum die Debatte über Israel in der Linken heute so unproduktiv verläuft.
