Die radikale jüdische Tradition – Stärke durch Solidarität
- Raphael Deindl
- November 24, 2025
„Die wahre Linke ist antizionistisch, nicht antisemitisch.“ Mit dieser Aussage wollen Janey Stone und Donny Gluckstein nicht einfach provozieren. Stattdessen erinnern sie an die radikale jüdische Tradition. Ein Interview von Raphael Deindl.
Die Mehrheit der Jüd*innen vor dem Zweiten Weltkrieg war Teil der Arbeiter*innenbewegung und kämpfte gemeinsam mit nicht-jüdischen Linken für eine bessere Welt. Die Erinnerung daran ist jedoch weitgehend verblasst. Diesem Vergessen wollen Donny Gluckstein und Janey Stone mit ihrem Buch „Die radikale jüdische Tradition – Partisanen, Revolutionäre und Widerstandskämpfer“ entgegenwirken. mosaik-Redakteur Raphael Deindl hat mit ihnen über ihr Buch gesprochen, das sie am 27.11.2025 in der Buchhandlung biblibox in Wien vorstellen.
Raphael Deindl: Euer Buch trägt den Titel „Die radikale jüdische Tradition“. Wer bzw. genauer gesagt, welche Organisationen, Gruppen und Personen gehörten zu dieser radikalen Tradition? Und wer nicht?
Janey Stone & Donny Gluckstein: Die wohl bekannteste Organisation ist der Jüdische Arbeiterbund, der 1897 im Zarenreich gegründet wurde. Der Bund war die größte revolutionäre, sozialistische Organisation dieser Zeit und spielte eine wichtige Rolle in der russischen Revolution von 1906. Sein politischer Kerngedanke bezog sich darauf, dass Jüd*innen gegen Unterdrückung und für den Sozialismus in dem Land kämpfen sollten, in dem sie leben – dabei waren sie überzeugte Antizionist*innen.
Jüd*innen spielten auch eine wichtige Rolle in vielen sozialistischen, marxistischen, kommunistischen und anarchistischen Organisationen nicht nur im Zarenreich, sondern auch später in den Auswanderungsländern wie Großbritannien und den USA. Jüdische Arbeiter*innen in London und New York gründeten Gewerkschaften, beteiligten sich an Mietstreiks und nahmen an Demonstrationen und Protestversammlungen teil. Sie leisteten Widerstand gegen Pogrome, Antisemitismus, Unterdrückung und Völkermord während des Holocaust.
Es gibt viele berühmte Persönlichkeiten. Um ein paar Beispiele zu nennen: Rudolf Rocker, ein deutscher Anarchist, der als Nichtjude Jiddisch lernte und Ende des 19. Jahrhunderts im Londoner East End aktiv war; Eleanor Marx, Tochter von Karl Marx, die ebenfalls Jiddisch lernte und sich für Textilarbeiterinnen im East End einsetzte; die revolutionären Marxist*innen Rosa Luxemburg und Leo Trotzki; Clara Lemlich, eine jüdische Bekleidungsarbeiterin, die Streiks gegen Arbeitgeber, die Polizei und Streikbrecher*innen in New York anführte; Phil Piratin, ein kommunistischer Anführer von Mietstreiks in London in den 1930er Jahren; oder Marek Edelman, ein Bundmitglied, der am Aufstand im Warschauer Ghetto beteiligt war, anschließend nach Polen zurückkehrte und später die zweite palästinensische Intifada unterstützte.
Auch einige sozialistische Zionist*innen trugen vor 1948 zur radikalen jüdischen Tradition bei. So engagierten sich viele ihrer Mitglieder während des Holocaust in Untergrundorganisationen der Ghettos und führten Aufstände an. Das bekannteste Beispiel ist Mordechai Anielewicz, Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto. Jedoch trennten sich zionistische Sozialist*innen und Arbeiter*innen von der radikalen Tradition, als sie sich nach 1948 dem zionistischen Projekt der Enteignung Palästinas anschlossen.
RD: Ihr kritisiert in eurem Buch die weit verbreitete Vorstellung vom „Antisemitismus der Linken“, also dass große Teile der Arbeiter*innenbewegung antisemitisch waren – ein Verständnis, das auch bis heute in vielen Kontexten der deutschsprachigen Linken vorherrscht. Warum ist diese Vorstellung nicht nur problematisch, sondern auch historisch falsch?
JS&DG: Die Theorie des linken Antisemitismus ist problematisch, weil sie den Ursprung des Antisemitismus verkennt. In Europa begann dieser Prozess mit den Bestrebungen der herrschenden Klasse gemäß dem Prinzip des ‚Teile und Herrsche‘, indem sie einen Sündenbock als Ablenkung von der Ausbeutung im bestehenden Gesellschaftssystem benutzte. Im Feudalismus wurde diese Trennung im Wesentlichen mit religiösen Begriffen begründet. Mit dem Kapitalismus änderte sich dies jedoch. In dem Zeitraum, den unser Buch abdeckt (bis 1948), förderte die herrschende Klasse den Antisemitismus. Die Linke stand hingegen für die Einheit der Arbeiter*innenklasse und den Kampf gegen die herrschende Klasse und ihre Ideen.
Die Tatsache, dass Juden überproportional oft in führende Positionen der Linken gewählt wurden, ist ein Beweis dafür. Der Fall Deutschlands sticht dabei besonders hervor. Zu unterscheiden ist zwischen mittelalterlicher Judenfeindschaft – als Jüd*innen durch Konversion zum Christentum in die Gesellschaft integriert werden konnten – und Antisemitismus. Antisemitismus ist ein Begriff, der 1879 von Wilhelm Marr geprägt und vom Kaplan des Kaisers in der ersten antisemitischen Partei propagiert wurde. Deren Konzept basierte auf kapitalistisch-kolonialen Rassentheorien des 19. Jahrhunderts. Sie führten Vorurteile auf ‚unwiderlegbare‘ biologische Tatsachen zurück. Auch Hitlers Antisemitismus folgte diesem Muster. Die klare Bedeutung, die er der Linken und deren Bedrohung für seine Machtposition zuschrieb, bestand in seiner Entschlossenheit, das zu beseitigen, was er als „jüdisch-bolschewistische Verschwörung” bezeichnete.
Der Unsinn, heute eher die Linke als die Rechte des Antisemitismus zu bezichtigen, hat nichts mit Antisemitismus als solchem zu tun. Vielmehr gibt es eine falsche Verbindung von Antizionismus, also der Ablehnung der Politik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinenser*innen (wie z. B. Völkermord), mit Antisemitismus – einem dezidierten Hass auf Jüd*innen, nur weil sie Jüd*innen sind. Tatsächlich lehnen viele linke Jüd*innen selbst die Handlungen der ultrarechten israelischen Regierung ab. Die wahre Linke ist antizionistisch, nicht antisemitisch.
RD: Es wird gesagt, dass es während des Nazi-Regimes kaum bis keinen Widerstand gab, vor allem nicht von jüdischer Seite. Wieso widersprecht ihr in eurem Buch dieser Sichtweise?
JS&DG: Zunächst einmal ist es wichtig, den Begriff „Widerstand“ zu definieren. Einige Wissenschaftler*innen sind um eine formale Definition bemüht, wonach Widerstandskämpfer*innen aktiv eine bestimmte weltanschauliche Überzeugung vertreten müssen. Die gesamte jüdische Bevölkerung sah sich jedoch einer Situation gegenüber, in der fast alle alltäglichen Aktivitäten vom Feind verboten waren, der noch dazu entschlossen war, sie zu vernichten. Unter solchen Umständen gilt schon das bloße Überleben als jüdischer Widerstand gegen die Nazis in Osteuropa. Und selbst Versuche, sich zu verstecken oder zu fliehen, müssen als Widerstand angesehen werden.
Es gab viele Akte individueller Verweigerung. Die Statistiken zeigen jedoch, dass der Widerstand viel organisierter war, als oft angenommen. So gab es in etwa einhundert Ghettos im von den Nazis besetzten Osteuropa Widerstandsbewegungen im Untergrund. Das ist etwa ein Viertel aller Ghettos. Auch kam es in fünf großen Ghettos und fünfundvierzig kleineren zu Aufständen. Zudem gab es Aufstände in drei Vernichtungslagern und achtzehn Zwangsarbeitslagern. Zwischen zwanzig- und dreißigtausend jüdische Partisan*innen kämpften in etwa dreißig jüdischen sowie einundzwanzig gemischten Partisan*innengruppen, während etwa zehntausend Menschen in Waldlagern überlebten.
Kurierinnen unterhielten den Kontakt zwischen den Ghettos, schmuggelten Informationen, Waffen und illegale Dokumente, die sie in ihrer Kleidung versteckten. Sie verbargen ihre jüdische Identität und gaben sich als Arierinnen aus. Es gab auch Sabotageakte und individuellen Widerstand.
RD: Wann und warum fand die radikale jüdische Tradition ihr Ende?
JS&DG: Die radikale jüdische Tradition ist nicht völlig verschwunden, wie die pro-palästinensische Bewegung und die jüdische Beteiligung darin zeigen. Aber das Massenphänomen, das wir in unserem Buch beschreiben, endete nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit diesem Zeitpunkt entwickelte sich der Zionismus, der zuvor nur von einer Minderheit unterstützt worden war, zur vorherrschenden Ideologie in der noch verbliebenen jüdischen Gemeinschaft.
Dies lag zum Teil daran, dass die Basis der radikalen jüdischen Tradition die große jüdische Arbeiter*innenklasse war. Sie war sich bewusst, dass ihre Interessen denen der herrschenden Klasse entgegenstanden. Deshalb konzentrierte sie sich darauf, sich im Kampf mit den lokalen Arbeiter*innen zu solidarisieren, anstatt woanders hinzugehen.
Diese Vorstellung wurde untergraben, nachdem Hitlers Regime sechs Millionen Jüd*innen physisch vernichtet hatte. Die kaltherzige Gleichgültigkeit aller anderen Länder gegenüber jüdischen Flüchtlingen sowohl vor als auch nach dem Zweiten Weltkrieg führte dazu, dass viele unfreiwillig in Palästina landeten. Auf diese Weise wurden sie objektiv gesehen zu Siedlerkolonialist*innen, vor allem ab dem Jahr 1948.
Ihr Bewusstsein wurde durch diese Umstände geprägt, so dass der Zionismus ihren früheren Radikalismus ersetzte. Schließlich führte der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit dazu, dass viele Mitglieder der größten jüdischen Community außerhalb Israels, nämlich in den USA, sozial aufstiegen und sich von ihren proletarischen Wurzeln entfernten. Der Schock des Holocaust festigte währenddessen die allgemeine Unterstützung für den Zionismus.
RD: Warum ist es wichtig, sich an die radikale jüdische Tradition zu erinnern und sie weiterzuführen?
JS&DG: Zionist*innen erheben den Anspruch, alle Jüd*innen zu vertreten und dies schon immer getan zu haben. Sie seien die Erb*innen der jüdischen Geschichte. Dabei verzerren sie die jüdische Geschichte, um ihre Behauptung zu untermauern, und vermischen schließlich Antisemitismus mit Antizionismus. Die radikale jüdische Tradition hingegen zeigt, dass Zionist*innen während des größten Teils der jüdischen Geschichte zwischen dem späten neunzehnten Jahrhundert und 1948 nur eine kleine und wenig bedeutende Minderheit waren. Dies ist wichtig, um einem Großteil der zionistischen Propaganda entgegenzuwirken. Außerdem wird dadurch eine alternative Quelle der Stärke sichtbar. Während die Zionist*innen behaupten, dass nur die IDF [Israel Defense Forces; Anm.] und Israel die Jüd*innen vor Antisemitismus schützen können, zeigt die radikale Tradition, dass Solidarität und Kampf bereits in der Vergangenheit existiert haben und dass sie der einzige Weg sind, um den Hass auf Jüd*innen zu überwinden.
Jüd*innen waren ein wichtiger Bestandteil sozialistischer und radikaler Bewegungen. Diese Geschichte ist für uns heute eine Inspiration, da Jüd*innen eine wichtige Rolle bei der Unterstützung Palästinas spielen können.
Es ist auch wichtig, die radikale jüdische Tradition als Teil einer fortdauernden radikalen Denkweise zu betrachten. Menschen mit jüdischem Hintergrund leisteten einen Beitrag, der eine „Außenperspektive” widerspiegelte, die ihre Situation für die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft mit sich brachte. Über die jüdische Diaspora hinweg bestanden internationale Verbindungen, die das durch die Konsolidierung des Kapitalismus etablierte Ethos des Nationalismus und Wettbewerbs durchbrachen. Marx, Luxemburg und Trotzki betonten Internationalismus und Solidarität gegen alle Formen der Ausbeutung und Unterdrückung. Ein Beispiel dafür ist das Kommunistische Manifest. Es wurde 1848 kurz vor der Welle nationalistischer Revolutionen geschrieben, die heute als „Völkerfrühling“ bekannt ist. Es schließt mit den Worten: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Ihr habt nichts zu verlieren als eure Ketten.”
Das Buch „Die radikale jüdische Tradition – Partisanen, Revolutionäre und Widerstandskämpfer“ ist 2025 bei Die Buchmacherei erschienen. Am Donnerstag, dem 27.11.2025, stellen die Autor*innen Janey Stone und Donny Gluckstein es in der Buchhandlung biblibox in Wien vor.
Interview & Übersetzung aus dem Englischen: Raphael Deindl
Titelbild: Janey Stone – Massenkundgebung jüdischer und nichtjüdischer Sozialist*innen und Bundist*innen zum Gedenken an die Opfer der Pogrome in Wilna im Jahr 1905.
- Raphael Deindl Raphael Deindl ist Soziologe und beschäftigt sich in seiner Arbeit aus gesellschaftstheoretischer Perspektive mit der Transformation von Sozial- und Familienpolitik. Außerdem betreut er den mosaik-Podcast.
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